DIE ZEIT: Herr Minister, zahlen Sie Kirchensteuer?

Norbert Walter-Borjans: Nein.

ZEIT: Sie sind aber katholisch.

Walter-Borjans: Ich bin katholisch getauft, war Ministrant und noch als Student in der katholischen Jugendarbeit aktiv. Aber vor fast 30 Jahren habe ich meiner Amtskirche den Rücken gekehrt.

ZEIT: Um Kirchensteuer zu sparen?

Walter-Borjans: Nein. Damals wurden vor den Wahlen Hirtenbriefe von der Kanzel verlesen – mit klarer parteipolitischer Empfehlung, die mir als Sozialdemokrat nicht das Gefühl gab, willkommen zu sein. Deshalb habe ich mich entschlossen auszutreten, aber nicht nur beim Amtsgericht. Ich schrieb einen Brief an den damaligen Kardinal Höffner in Köln. Die Antwort war dermaßen unsensibel, dass ich mich in meiner Entscheidung bestätigt sah.

ZEIT: War Ihnen Ihre Kirche zu politisch?

Walter-Borjans: Sie war mir zu einseitig. Schon als junger Katholik fand ich an der evangelischen Kirche reizvoll, dass sie Position bezog. Das wünschte ich mir auch für meine Kirche. Vielleicht war ich schon damals auf dem Weg vom Ministranten zum Minister. (lacht )

ZEIT: Gehen Sie heute noch in die Kirche?

Walter-Borjans: Hin und wieder. Der Austritt hat an meiner christlichen Grundhaltung nichts geändert. Ich bin danach erst Vater geworden – viermal. Alle vier Kinder haben wir bewusst taufen lassen. Ich würde sagen: Ich bin wohlwollend konfessionslos.

ZEIT: Ist die Kirchensteuer in Ihren Augen ein akzeptabler Grund für einen Austritt aus der Kirche?

Walter-Borjans: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Steuer nur der Anlass und nicht der Grund für die Austritte ist. Viele Kirchenmitglieder fühlen sich der Amtskirche offenbar nicht mehr verbunden. Das ist so, als ob man seit Jahrzehnten in einem Verein passiv Mitglied ist. Plötzlich kommt ein Brief: Der Mitgliedsbeitrag wird um zehn Cent erhöht. Das macht einen erst darauf aufmerksam, dass man schon lange hätte austreten können. Es ist ein Erinnerungsposten.

ZEIT: Hätten die Kirchen ihre Mitglieder besser nicht erinnern sollen?

Walter-Borjans: Die Pflicht, auf Kapitalerträge Kirchensteuer zu zahlen, bestand schon immer. Sie wird durch den Hinweis der Banken nur erkennbar. Ich hätte mit dieser empörten Reaktion der Steuerzahler aber auch nicht gerechnet.

ZEIT: Jetzt werfen Kirchen und Banken sich gegenseitig vor, Austritte verursacht zu haben. Die Kirchen sagen: Ihr hättet die Leute nicht so plump ermahnen sollen. Die Banken sagen: Wenn euer Laden nicht in Ordnung ist, seid ihr selber Schuld. Wer hat Recht?

Walter-Borjans: Der Vorstoß ging eindeutig von den Kirchen aus. In der Diskussion über das deutsch-schweizerische Steuerabkommen habe ich oft mit dem Bundesfinanzminister telefoniert. In einem dieser Telefonate sprach er mich als Vorsitzenden der Finanzministerkonferenz auf ein Problem an: Die evangelische Kirche habe ihn gemahnt, dass wir bei der Besteuerung der Kapitalerträge vorankommen müssen. Durch die Abgeltungssteuer konnten viele Kirchenmitglieder gegenüber dem Finanzamt so tun, als seien sie nicht steuerpflichtig. Also sagten die Kirchen zum Staat: Wir müssen bitte die Besteuerung der Kapitaleinkünfte automatisieren.

ZEIT: Die Banken fragen jetzt beim Bundeszentralamt für Steuern nach der Kirchenmitgliedschaft ihrer Kunden. Wieso darf der Staat da Auskunft geben?

Walter-Borjans: Der Staat darf nur für bestimmte gesetzliche oder statistische Zwecke nach der Religionszugehörigkeit fragen. Auf der Grundlage vertraglicher Regelungen teilt er die Daten im Auftrag der Kirchen den Banken mit. Und die Banken behalten Kirchensteuer für die Kunden ein. Der Bankkunde kann die Frage beantworten oder einen Sperrvermerk schalten, damit die Bank nicht erfährt, ob er in der Kirche ist oder nicht.

ZEIT: Ist das ein Schutz vor der Steuerfahndung?

Walter-Borjans: Nein. Der Kunde muss ja damit rechnen, dass das Bundeszentralamt für Steuern die Information über den Sperrvermerk ans Finanzamt weitergibt. Die Kirchensteuer ist keine Steuer im üblichen Sinn. Sie ist eher ein Mitgliedsbeitrag. Zahlungsverweigerung ist deshalb keine Steuerhinterziehung, also kein Straftatbestand.

ZEIT: Jetzt heißt es, Bankberater hätten ihre Kunden zum Kirchenaustritt animiert.

Walter-Borjans: Das erklärt nicht die hohen Austrittszahlen. Es gibt offenbar eine labile Mitgliederschaft, die bei entsprechenden Anlässen reagiert. Die Affäre um den Limburger Bischof und Berichte über Missbrauchsfälle spielen da gewiss auch eine Rolle. Den Bankberater zum Sündenbock zu machen ist zu einfach. Ein Kirchenmitglied, das aufgrund des Vorschlags eines Bankberaters austritt, wäre wie ein Ehepaar, das zum Scheidungsanwalt geht, nur weil ein Finanzberater sagt: Übrigens, wenn Sie sich scheiden lassen, haben Sie einen finanziellen Vorteil.

ZEIT: Dürfen Sie die Steuer auch für andere Religionsgemeinschaften einziehen?

Walter-Borjans: Ja. Das Kirchensteuergesetz in NRW gilt auch für alle anderen Religionsgemeinschaften, die eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sind. Wir erheben Steuern auch für jüdische und altkatholische Gemeinden.