Mark Classen sitzt im Beachclub Central Park und trinkt ein Bier. Als er den Krug hinstellt, wackelt der Holztisch. Der Sozialdemokrat ist empört. Gerade ist ein Zeitungsartikel in der taz über ihn erschienen. Er sei ein käuflicher Wendehals, vom "fliegenden Wechsel" ist da die Rede. Was hätte er denn tun sollen? Zu Hause rumsitzen und warten, bis er niemanden mehr kennt?

Classen, 39, war jahrelang baupolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bezirk Altona. Am 10. Juni hat er Schluss gemacht mit der Politik. Auf denselben Tag datiert das Handelsregister den Beginn von Classens neuer Karriere: als Geschäftsführer von Pare Consulting. Classen berät jetzt strategisch Unternehmen, meist Investoren im Immobiliengeschäft. Die Frage, die seitdem nicht nur die taz beschäftigt, lautet: Ist Classen ein egoistischer Profiteur seiner politischen Expertise?

Der Central Park liegt am Ende der Max-Brauer-Allee, an der Grenze zwischen Altona und Schanze. Heikles Gelände, gentrifiziert bis in die letzten Winkel. Classen war an vorderster Linie engagiert in den Gentrifizierungsfragen, immer auf dem schmalen Grat zwischen Erhalt und Erneuerung. Er kennt hier jeden Pflasterstein und jeden Bebauungsplan. Er hat mitentschieden, als es um den Erhalt von Elbtreppenhäusern und maroden Schulen in der Altstadt ging, als das weltweit erste City-Ikea ins Viertel geholt und über die Neue Mitte Altona gestritten wurde. Nun hat er die Seiten gewechselt.

Sein neuer Job zeuge davon, dass Politiker Erfüllungsgehilfen von Investoren seien und anschließend auch noch mit Posten dafür belohnt würden, sagen Gegner wie Robert Jarowoy, der Fraktionsvorsitzende der Linken in Altona. Classen macht das wütend: "Ich habe eine Marktlücke erkannt, arbeite an der Schnittstelle zwischen Verwaltung, Investor und Stadt." Er wisse, welche Sprache gesprochen werde, sehe sich als Übersetzer, nicht als Souffleur: "Meine Maschine ist mein Gehirn." Classen galt in der Verwaltung als bienenfleißig, jemand, der jedes Detail inspizierte und seine Entscheidungen in Politik umsetzte.

Der gelernte Eisenwarenkaufmann machte auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und studierte Soziologie. "Ich stand immer auf eigenen Füßen", sagt er. Nie habe er sich beschwert über das eher magere Abgeordnetensalär in der Bezirksversammlung, nebenbei habe er für das Büro eines Bürgerschaftsabgeordneten gearbeitet. Dann wollte Classen aufstreben, nach Berlin, doch als an seiner Stelle ein anderer SPD-Mann für Altona in den Bundestag gewählt wurde, verkündete er seinen Abschied aus der Politik. Nun will er Geld verdienen, raus aus dem Klein-Klein der Bezirkspolitik. Gerade hat er einen besonders umstrittenen Deal eingefädelt.

An der Friedensallee, wenige Meter entfernt von den Zeise-Kinos, steht seit mehr als 20 Jahren ein maroder Parkplatz. Die Stadt hatte einem Investoren die Zusage erteilt, hier einen riesigen Mietkomplex hinzustellen. Die Pläne waren ausgefeilt, der Politiker Classen war an diesem Prozess beteiligt. Ein wichtiges Projekt, Altona mangelt es an bezahlbarem Wohnraum. Nun will der Investor aber plötzlich statt Wohnungen einen riesigen Bürokomplex für einen Londoner Werbegiganten bauen, der selbstständige Unternehmer Classen berät die Immobilienfirma Quantum bei diesem umstrittenen Vorhaben. "Ich habe eine ganz solide Dienstleistung anzubieten", sagt er. Und ergänzt: "Ich will doch kein Säulenheiliger sein."

Seine Argumente hat er sich zurechtgelegt: Das Gelände sei als Gewerbegelände ausgewiesen, und die Hamburger SPD, seine Partei, wolle nicht nur neuen Wohnraum schaffen, sondern goutiere auch die Ansiedlung von Firmen. 950 Arbeitsplätze seien wichtiger als 80 Wohnungen, sagt Classen. Spricht hier der Politiker oder der Unternehmer? "Ich bin kein Verräter. Was ich als Politiker vertreten habe, vertrete ich jetzt genauso als Berater." Classen kassiert für seine neue Tätigkeit 1200 Euro Tagessatz, brutto.

Classen war nie ein linker Hardliner in der SPD. "Es reicht nicht aus, ein Ziel zu formulieren, man muss den Weg beschreiben" ist einer seiner Lieblingssätze. Ideologien sind ihm fremd, er schaute nach dem, was machbar war. Er setzte sich für die Rote Flora ein. Den kleinen Bauwagenplatz, gleich neben dem Beachclub, habe er ebenfalls mit ermöglicht. Aber auch Ikea fand in Classen einen Befürworter. Seinen Gegnern, der Initiative "Recht auf Stadt" entgegnet er: "Die sagen immer nur, die Leute sollen Geld auftreiben und Wohnungen bauen. Aber woher soll das Geld kommen? Das wissen sie nicht." Stadtentwicklungspolitik könne eben nicht von immobilienökonomischen Dingen getrennt werden.

Deshalb denkt er nun beides zusammen. Aus der Perspektive des Unternehmers. Etwas Anstößiges kann er daran nicht finden. Eine Karenzzeit für Politiker, die in die Wirtschaft gehen? "Ich bin weder Schröder noch Pofalla", sagt Mark Classen, "ich habe Politik immer ehrenamtlich betrieben." Seine neue Aufgabe sei auch eine ganz normale Arbeit und kein hoch dotierter Job in einer internationalen Baufirma.