Noch ein paar Stufen hinab, den Geruch von Tang schon in der Nase, verheißungsvoll wie seit Kindertagen, dann tauchen die Füße endlich in den hellen Sand. Vor uns kräuselt sich das Meer, endlos weit bis zum Horizont. Rasch umspült das Wasser die großstadtweißen Beine. "Dort drüben liegt Møn", Lutz Seiler zeigt in die Ferne, "die Kreidefelsen kann man von oben nur an ein paar Tagen im Jahr sehen." Fünfzig Kilometer sind es bis zu dieser dänischen Insel, sichtbar nur vom 70 Meter hohen Steilufer, 294 Treppenstufen weiter oben, von wo aus der Reporter später tatsächlich Møn sehen wird, erstmals in seinem Leben, obwohl er schon oft hier war. Jetzt stehen wir unten am Strand der Insel Hiddensee und versuchen uns etwas anderes vorzustellen: Hier, ausgerechnet hier soll also vor 25 Jahren ein riesiger Panzerkreuzer der Sowjetmarine geankert haben, ganz nah am Strand? Ein paar sowjetische Matrosen und ein General hätten dort den verwundeten Helden namens Kruso das Steilufer hinabgetragen und ihn eingeschifft auf das waffenstrotzende Ungetüm?

So haben wir es gerade in einem ganz und gar wundersamen Roman gelesen. Dort donnern dann noch 21 Salutschüsse von Bord über die Insel, es ist der 8. November 1989, der Kreuzer verschwindet im Nebel, und man kann leider gar nicht anders als diese fulminante Szene sofort völlig begeistert weiterzuerzählen, so durchgeknallt und abenteuerlich, so fantasievoll und perfekt hat der 51-jährige Autor Lutz Seiler sie sich ausgedacht. Mit ihm als Führer sind wir nach Hiddensee gekommen, auf den Spuren des Buches und der Erinnerung. Sein Roman Kruso erscheint in diesen Tagen, es ist die Geschichte des 24-jährigen Edgar "Ed" Bendler, der sich 1989 aus Halle zur Insel hoch im Norden der DDR aufmacht. Dort trifft er den mysteriösen Charismatiker Alexander Krusowitsch, genannt "Kruso", der Hiddensee auf geheimnisvolle Weise zu beherrschen scheint; zwischen beiden Männern beginnt eine Freundschaft.

Es ist also eine Geschichte, die am Ende der DDR spielt – und doch keineswegs eine Neuabmischung jenes Ost-Stoffs, den man spätestens seit den Historienpanoramen und Familienromanen von Uwe Tellkamp und Eugen Ruge kennt. Seiler macht es ganz anders, kunstvoller und aufregender. Kruso ist letztlich ein vielschichtiger philosophischer Roman, der eine große Frage stellt, auch an unsere Gegenwart: Wie ist Freiheit möglich?

Mittags, auf der Fähre von Schaprode auf Rügen hinüber nach Vitte, tauchte Hiddensee wie ein riesiger Wal vor uns auf: das lang gestreckte Heideland im Süden, im Norden der sogenannte Dornbusch, das bewaldete Hochland mit dem berühmten weißen Leuchtturm vor postkartenblauem Himmel. Alles ist ziemlich überschaubar, aber dennoch ein sagenhaftes Reich, ein Sehnsuchtsort zu DDR-Zeiten, vor allem von Künstlern und Intellektuellen; höllisch schwer war es, hier einen Urlaubsplatz zu ergattern.

Mit dem Fahrrad geht es nach Kloster, auf den Deichen, über Sandwege, links das Meer, rechts der Bodden, vorbei am einstigen Sommerhaus von Gerhart Hauptmann, heute Gedenkstätte. In den zwanziger Jahren urlaubten die Schauspielerin Asta Nielsen und Joachim Ringelnatz hier, zu DDR-Zeiten hatte der Opernregisseur Walter Felsenstein sein Haus auf der Insel. Uwe Tellkamp hat im Turm in einem witzigen Kapitel das ganze Personal seines Romans gleichzeitig für einen Sommer hierher verschickt. Wer in dieser Kulturlandschaft einen Roman ansiedelt, wird unweigerlich Teil des Hiddensee-Mythos.

Lutz Seiler erklärt derweil die Insel. Er kennt sie seit 1988 und wurde sofort von ihr infiziert: "Ich wollte damals unbedingt wiederkommen." Im Sommer darauf arbeitete er als Abwäscher in der Gaststätte Zum Klausner auf dem Dornbusch. Auf sanfte Art drahtig wirkt dieser gut aussehende, nicht gerade große Mann. Kaum jemand würde wohl in dem bescheidenen, jungenhaften Typen einen der wichtigsten deutschen Lyriker vermuten. Aufsehen erregte er gleich mit seinem ersten, 2000 erschienenen Gedichtband pech & blende; für seine Erzählung Turksib gewann er 2007 den Bachmann-Preis. Kein Unbekannter also, jedoch bislang ein vielfach preisgekrönter Autor nur für die happy few. Nun aber legt er im reifen Mannesalter sein Romandebüt vor, mit dem er sich sogleich in die erste Reihe der Schriftsteller hierzulande katapultiert.

Der Betonplattenweg hinauf auf den Dornbusch rüttelt die Fahrräder durch, irgendwann müssen wir absteigen und schieben. Die Panzerplatten führten einst zur längst abgerissenen Kaserne der DDR-Grenztruppen; dort wachten die Grenzer gleich neben dem Leuchtturm darüber, dass niemand über das Meer flüchtete. Auch sie haben in Kruso ihre Auftritte: als Vertreter einer ständig präsenten, leicht bizarren Parallelwelt.

Oben dann der herrliche Blick zurück über die Insel, am Horizont grüßen die Kirchtürme Stralsunds. Noch ein paar Schritte durch den Kiefernwald, dann schimmert es weiß durch die Bäume: der Klausner, jene einsam gelegene Ausflugsgaststätte mit Ferienwohnungen. Lutz Seiler hat diesen Ort, an dem er einst arbeitete, zum Zentrum seines Romans gemacht: zur "Arche Kruso", für alle "Schiffbrüchigen", auf dem Steilufer hoch droben über dem Meer.