DIE ZEIT: Herr Meier, es klingt paradox: Immer mehr Deutsche kaufen Biolebensmittel. Trotzdem sagen Sie und Ihre Kollegen: Wir profitieren kaum von dem Boom. Ist die Biolandwirtschaft hierzulande am Ende?

Hans Meier: Nein. Wir Biobauern müssen tatsächlich mit spitzem Bleistift rechnen. Aber das bedeutet nicht, dass wir am Ende sind.

ZEIT: Rund 6.000 Biobauern sind in den letzten zehn Jahren ausgestiegen, eine hohe Zahl. Ein Teil wurde zu sogenannten Rückumstellern, sie wirtschaften wieder konventionell. In manchen Regionen geben mehr Biobauern auf, als neue hinzukommen. Was ist da los?

Meier: Für den größten Teil der Biobauern ist inzwischen die Marktsituation entscheidend. Die Zeit der Ideologen ist vorbei. Das ist auch gut, denn von einem Hof, der pleitegeht, hat keiner etwas. Viele Biobauern kehren zur konventionellen Methode zurück, weil sie sich mehr erhofft haben und das nicht eingetroffen ist. Seit etwa zwei Jahren haben Biohöfe ein schlechteres Betriebsergebnis als konventionell bewirtschaftete, davor war es umgekehrt. Beim Getreideanbau zum Beispiel lässt sich konventionell schlicht ein um 50 Prozent höherer Ertrag erzeugen.

ZEIT: Als weiterer Grund für die Schwierigkeiten wird oft die Energiewende genannt – ein ökologisches Vorzeigeprojekt ...

Meier: ... das aber nicht nur die Biobauern, sondern auch die konventionellen Bauern trifft.

ZEIT: Was hat die Energiewende mit der Agrarproduktion zu tun?

Meier: Die deutsche Politik fördert Biogasanlagen. Das macht diese zu einer guten Einnahmequelle, die viele Bauern nutzen wollen. Im Jahr 1990 standen gerade mal 100 Biogasanlagen in Deutschland, heute sind es etwa 8.000. Die meisten davon finden sich auf konventionellen Höfen. Diese Biogasanlagen werden vor allem mit Mais gefüttert – und der muss irgendwo angebaut werden. Die Folge: Die Preise für Land sind in Deutschland extrem gestiegen. Konventionelle Bauern können da noch eher mithalten als Biobauern. Meist sind es größere Betriebe, die das Risiko auf mehrere Betriebszweige verteilen können. Und die Biogasbauern bekommen eine langfristig vom Staat garantierte Vergütung, über das Erneuerbare-Energien-Gesetz.

ZEIT: Die Biogasbauern verdrängen die Biobauern, indem sie Pachtpreise bieten, bei denen Letztere nicht mithalten können?

Meier: Ja, aber allein auf die Biogasbauern zu schimpfen, wie es derzeit oft getan wird, greift zu kurz. Einen deutlich größeren Anteil am Flächenfraß haben Straßen, Flugplätze, Freizeiteinrichtungen und der Wohnungsbau. Der Immobilienmarkt boomt. In Deutschland verlieren wir pro Sekunde zehn Quadratmeter Fläche.

ZEIT: Warum ist das für Biobauern ein besonders großes Problem?

Meier: Viele Biobauern bewirtschaften Weideflächen extensiv. Das bedeutet, dass sie weniger oft und stark in die Natur eingreifen, als das bei einer intensiven Nutzung der Fall wäre. Genau solche Flächen sind aber für Kommunen und Bauträger interessant, wenn es darum geht, Ausgleichsflächen für Neubauten oder Straßenprojekte zu schaffen – denn extensive Weideflächen zählen doppelt! In Deutschland gibt es aktuell zwar rund 23.500 Biobetriebe, das sind siebenmal mehr als noch Mitte der neunziger Jahre. Doch um die gestiegene Nachfrage decken zu können, brauchte es gut 10.000 zusätzliche Biobauernhöfe. Weil die fehlen, wird Deutschland nun als Absatzmarkt für ausländische Landwirte interessant.

ZEIT: Was ja nichts Schlechtes ist. Sie sagen ja selbst, dass deutsche Biobauern allein die Nachfrage nicht stillen können.

Meier: Stimmt. Aber die ausländischen Bauern können günstiger produzieren, sie haben größere Flächen, ihre Betriebsausgaben sind geringer. Also können die Supermärkte ihre Waren billiger anbieten. Damit verdrängen sie die einheimischen Bioprodukte. Um selbst günstiger zu werden, müssten die deutschen Biobetriebe wachsen – da sind wir wieder bei der Fläche.