Wenn man etwas über Sex wissen will, darf man sich nicht schämen, sondern geht ins Internet. Da findet man die vernünftigste Pornografie, die es je gab. Sie kostet nichts, und man kann sie auf dem eigenen Bildschirm sehen. Man gibt etwas mit der Partikel "porn" in die Adresszeile ein und wird gefragt, ob man volljährig ist. Es gibt Knöpfe für "Ja" und "Nein". Das ist einfach. Pornografie ist jetzt für jeden zugänglich.

Zuerst kommt man an eine Oberfläche, die wie eine Briefmarkensammlung aus Vorschaubildern aufgebaut ist. Ein Gewimmel von Leibern. Eine Seite wirbt mit der Warnung: Achtung, Sie könnten hier jemanden entdecken, den Sie kennen! Amateurvideos sind nämlich eine der beliebtesten Einrichtungen des Internets. Das gilt für Katzenfilme genauso wie für Pornos. Man sieht also häufig, wie sehr gewöhnliche, sozusagen normale Leute Sex haben. Bei der Entscheidung, welchen Film man anklickt, helfen Bilder und Schlagwörter. Wie man auf diesen Sturm der Explizitheit reagiert, kann man leider nicht nach Geschmack oder politischen Erwägungen entscheiden, es geht reflexhaft vor sich, wie sonst nur beim Anblick blutiger Verletzungen. Die Figuren in diesen Clips sehen verhältnismäßig unerschrocken aus und ein bisschen fad, was den Verdacht erweckt, dass sie Professionelle sind, die gewöhnliche Leute nur darstellen. Glaubwürdigkeit spielt für die Wirkung der Pornografie aber keine Rolle, sondern Echtheit. Voyeurismus ist das stärkste Motiv.

Früher war es Pornofilm-Standard, Gründe vorzugeben, warum Geschlechtsverkehr stattfindet, indem die Akteure eine Rahmenhandlung spielten. Dazu hatten sie meistens kein Talent. Es war lächerlich und geht im Internet-Porno schon deshalb nicht, weil er kurz sein muss. Er dauert oft nur vier bis zwanzig Minuten. Ideal für die Aufmerksamkeitsspanne, die man bei der Internetnutzung aufbringt. Das muss reichen, um alle Kombinationen der Geschlechtsteile durchzugehen und mit dem money shot vom männlichen Orgasmus zu enden. So kommt eine effektive Konzentration zustande. Der Pornoclip ist der ideale Content für das Internet, und erst im Internet findet die Pornografie ganz zu sich selbst. Denn sie ist zur Masturbation gemacht, und es passiert jetzt inhaltlich nichts mehr, was davon ablenken würde. Außerdem bringt das Internet den Porno dahin, wo Selbstbefriedigung stattfinden sollte: nach Hause.

Die Internetpornografie zeigt sogar manchmal nicht mehr als den Unterleib der Männer und den Torso der Frauen. In der Amateurlogik verständlich, Leute wie du und ich wollen nicht erkannt werden. Nur die Physiognomie der Geschlechter erscheint in Großaufnahme, und das kommt dem zweiten Sinn des Pornos zugute: der Information, wie Geschlechtsverkehr geht. Man erkennt Körperteile, die man an sich selbst selten sieht, weil sie am Körper unten sind und deshalb befremdlich wirken. So etwas wie den tätigen Hodenhebermuskel, die quer gestreifte Muskulatur des Afters, die inneren Schamlippen.

Auf der Basis des Clips, den man zuletzt geöffnet hat, bekommt man weitere Empfehlungen. Die Redundanz und die anscheinend unendliche Menge ist hypnotisierend. Man klickt und sieht sehr viele Figuren. Man sieht, wozu der Körper anatomisch gedacht ist. Man sieht, wozu er mechanisch in der Lage ist. Ein so breites Wissen über die Beschaffenheit des Menschen könnte man mithilfe anwesender Personen schwer erlangen. Aber hier darf man die Menschen sehen, wie sie sind, und das bleibt ewig interessant, man stumpft nie ab. Es sei denn in dem Sinn, dass man den eigenen Körper künftig immer als einen unter vielen fühlen wird. Dabei passiert etwas Abstraktes. Pornos erinnern plötzlich an die Disziplinen, denen man andere Körperteile anheimstellt. Etwas wie die Konzentration auf die Darmflora durch eine Besinnung auf vegane, laktosearme Ernährung und den prickelnden Tadel des Detox-Diät-Beraters, wenn man darin inkonsequent war.

Eine bizarre Assoziation, aber unsere Verdauung und die Geschlechtsteile gehören eben zum selben Körper, dessen Bedürfnisse wir Experten überlassen, die über sie wachen. In der professionellen Sex-Ratgeberliteratur wird zum Beispiel dringend zur Masturbation angehalten, dem Zweck der Pornografie. Der Orgasmus gehört zur Volksgesundheit, und Pornos, an denen nur einverstandene, zurechnungsfähige Erwachsene beteiligt sind, werden als nützliche Sauerei aufgefasst, solange sie dazu beitragen.

Peinlich nur, dass ein Motiv aus der Internetpornografie nicht zu tilgen ist: das der Unfreiwilligkeit. Die Überrumpelung und Erpressung, die psycho-physische Grobheit, mit der zu Werk gegangen wird, spotten der ostentativen Bereitwilligkeit der Beteiligten. Dieser Widerspruch zeugt vom letzten Rest der unsportlichen Gewohnheit des Begehrens, sich Sex als etwas Seltenes, Unwahrscheinliches zu wünschen.