Der Prophet war ganz verliebt in seine Weissagung. Das erotische Begehren, verkündete er, stirbt langsam, aber es stirbt. Schon bald werde es vorbei sein mit dem menschlichen Verlangen. Dann würden traumlose Träumer durch die Metropolen geistern, schemenhaft und entrückt, aufreizend prüde und in seliger Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen Geschlecht. Während die Welt bis in den letzten Herrgottswinkel durchsexualisiert sei, verlöschten überall die erotischen Energien. "Vielleicht ist die Gattung drauf und dran, ihr Interesse von der Sexualität abzuziehen."

Jean Baudrillard hieß der Prophet, und was vor 30 Jahren bloß die spekulativ überhitzte Fantasie eines Philosophen war, das gehört heute zur Serienausstattung jeder anständigen Kulturkritik. Ob in den Romanen von Michel Houellebecq oder in Nymphomaniac, dem letzten Film des Regisseurs Lars von Trier: Das Stammpersonal besteht aus postsexuellen Figuren, die lieber ihr kleines unerforschtes Tiefen-Ich suchen als die große Liebe. Selbst wenn zwei Menschen versehentlich zusammenkommen, hat ihre Körperlichkeit etwas Abwesendes, sie erscheint als Autismus zu zweit, als erotisches Experiment mit sich selbst. Und in Spike Jonzes Film Her verknallt sich der Held lieber gleich in die körperlose Sanftmut einer weiblichen Computerstimme.

Aber kann vom Tod des Begehrens wirklich die Rede sein? Ist die Gesellschaft nicht unfassbar liberal und freizügig? Sind nicht die verführerischen Körper der sexuellen Emanzipation allgegenwärtig? Nichts muss heute mehr verdrängt werden, und so scheint der Traum der Achtundsechziger weiträumig in Erfüllung gegangen zu sein. Sind die lustvoll ausgemalten Botschaften vom Ende der Lust, all die trostlosen Frontberichte in Theater, Literatur und Kino – sind sie bloß Fantasiegespinste?

Begehrt werden nun Konsumgüter

Vielleicht muss man die These vom "Tod des Begehrens" nur anders deuten und sagen: Die libidinösen Energien verschwinden nicht einfach, sie fließen nur in eine andere Richtung. Begehrt wird nicht mehr der Andere; begehrt werden die schönen toten Dinge und käuflichen Objekte – das einsame Herz schlägt für jene Sexiness der Ware, die ihm der bildwütige, auf emotionale Effekte versessene Marketing-Kapitalismus vor Augen bringt.

Dass Eros und Ökonomie zusammengehören, ist natürlich nichts Neues, es steht schon in Goethes Faust ("das Geld hat jetzt Lieb im Leibe"). Neu allerdings ist, dass der Kaufakt selbst als Tabubruch inszeniert wird, als verbotene Überschreitung und Sünde wider alle Vernunft. "Only you!", flötet die Ware dem Kunden zu. Der Kunde soll das Begehren der Dinge begehren, nicht den kalten Nutzwert, sondern Gefühl und Leidenschaft. Sei nicht prüde, sei zügellos und sündig, vergiss alle Hemmungen: Lass dich verführen! In einer Renault-Werbung bekennt ein Käufer, er sei gerade deshalb in das jungfräulich weiße Modell vernarrt, weil er gar kein Auto brauche. Und in der Tat, die Erziehung der Herzen scheint Früchte zu tragen. Warum sonst legen sich zurechnungsfähige Konsumenten nächtelang vor die Läden eines überschätzten amerikanischen Elektrowarenherstellers, nur um endlich ein neues Streicheltelefon in der Hand zu halten?