Die US-amerikanische Musikerin Nicki Minaj, bekannt für ihre freizügigen Posen © Hype Williams/Universal Music

Das Paradox der Situation liegt offen zutage. Während die Prüderie im öffentlichem Diskurs rapide zunimmt, kleinste Anzüglichkeiten, unschuldige Direktheit oder auch nur altmodische Redewendungen den Verdacht auf Sexismus auslösen, herrscht im Internet die totale Verfügbarkeit kruder und krudester Pornografie. Dieselben Kinder, die in der Schule selbst vor einem Troststreicheln ihrer Lehrer bewahrt werden sollen (es könnten ja pädophile Neigungen im Spiel sein), haben ungehinderten und unbehüteten Zugriff auf härteste Anmache und brutale Sexualpraktiken im Netz.

Und nicht anders verhält es sich mit dem berühmten "Aufschrei" der twitternden Frauen, die am Beispiel des Politikers Rainer Brüderle die verbalen Zudringlichkeiten alternder (und leider oft auch jüngerer) Männer anprangerten; die Empörung wurde geteilt, blieb aber symbolische Intarsie in einem durchsexualisierten Umfeld, das sich gegen moralische Einwände mit einem Augenzwinkern immunisiert. "Voi sapete quel che fa", singt Leporello, und noch heute könnte man allen Frauen, die sich über einen notorischen Wüstling empören, entgegenhalten: Ihr wisst doch selbst am besten, wie er’s macht. Der Börse, an der junge Frauen und alte Männer Sex gegen Karriere tauschen, ist es gleichgültig, wie man über sie denkt. Erst kürzlich wurde der Fall eines Models bekannt, das sich von dem amerikanischen Starfotografen Terry Richardson zu sexuellem Verkehr genötigt fühlte. Die Modebranche zuckte mit den Achseln; sie formulierte tatsächlich, es habe jedes Mädchen vorher gewusst, wie er’s macht.

Für die hübschen Jungs gilt dasselbe. In Hollywood, dem wohl prüdesten aller Standorte der Unterhaltungsindustrie, brachte unlängst eine Klage des Schauspielers Michael Egan gegen den Regisseur Bryan Singer ans Licht, wie er und viele andere notorisch über die Besetzungscouch von Produzenten und Regisseuren gewandert seien. Übrigens würde auch vor zwangsweise verabreichten Drogen und Gewaltanwendung nirgends zurückgeschreckt. "Wir waren wie ein Stück Fleisch, das diese Leute untereinander herumreichten", erinnerte sich Michael Egan.

Es ist darum vollständig irreführend, von einem neuen Tugendterror zu sprechen, wie es gelegentlich bei uns (und zuletzt bei Thilo Sarrazin) geschieht. Vielmehr existieren archaische sexuelle Ausbeutungsprozesse gänzlich ungehindert fort neben immer höher geschraubten Anforderungen an eine politisch korrekte Sprechweise. Eine Frau diskriminiert oder einen Homosexuellen in seiner Würde beschädigt hat heute selbst der Gutartigste schneller, als er blinzeln kann. Sogar Feministinnen untereinander führen erbitterte Kämpfe um etwas, was man vielleicht die Letztunbedenklichkeit einer geschlechtsneutralen Bezeichnung nennen könnte – statt des bekannten Binnen-I ("ProfessorIn") ist jetzt die mathematische Variable x der neueste Vorschlag ("Professx"). Indes steht zu befüchten, dass es für solche linguistische Tüdelei, die selbst die Andeutung von Geschlechtlichkeit unter Verdacht stellt, in der Modebranche und anderen derber verfassten Milieus nichts als Hohnlachen gibt – wenn überhaupt ein Echo.

Wie also soll man die Situation beschreiben? Prüderie wäre als Begriff höchstens für einen Teil, wenn nicht eine akademische Nische der Gesellschaft treffend. Heuchelei würde schon eher das Gesamte der Lage bezeichnen – die Praxis dulden, aber ihre sprachliche Abbildung verbieten. Freilich ist es immer heikel, ein gesamtgesellschaftliches Subjekt zu konstruieren, dem man die Widersprüche zur Last legt. Redlicher wäre wohl, von einem Milieu A zu sprechen, das maximal prüde, und von einem Milieu B, das maximal enthemmt ist. Zwischen diesen beiden tobte dann der Kampf; und von der einen Seite könnte man sagen, sie würde immer prüder, je skrupelloser sich die andere zeigte. Möglich, dass sich der feministische Wahn der totalen sprachlichen Keuschheit an den Enthüllungen über Missbrauch und Männergewalt entzündet. Wäre auch die umgekehrte Reaktion denkbar? Dass Sex umso dreister inszeniert wird, je tabuisierter das Sprechen darüber wird? Unwahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen.

Heuchelei jedoch würde nur da vorliegen, wo sich Milieu A und Milieu B überschnitten. Der Beweis der Schnittmenge müsste Person für Person angetreten werden, aber undenkbar wäre es nicht, dass sich eine feministische Schriftstellerin kleine Mädchen gefügig macht, der Schwulenfunktionär mit Strichern hart zur Sache kommt, der Familientugenden predigende Unionspolitker nachts an der Autobahnraststätte ... Nun ja. Man hat aber (noch) nicht den Eindruck, dass solche Denkmöglichkeiten die Realität unserer Gesellschaft entscheidend prägen.