Das Paradox der Situation liegt offen zutage. Während die Prüderie im öffentlichem Diskurs rapide zunimmt, kleinste Anzüglichkeiten, unschuldige Direktheit oder auch nur altmodische Redewendungen den Verdacht auf Sexismus auslösen, herrscht im Internet die totale Verfügbarkeit kruder und krudester Pornografie. Dieselben Kinder, die in der Schule selbst vor einem Troststreicheln ihrer Lehrer bewahrt werden sollen (es könnten ja pädophile Neigungen im Spiel sein), haben ungehinderten und unbehüteten Zugriff auf härteste Anmache und brutale Sexualpraktiken im Netz.

Und nicht anders verhält es sich mit dem berühmten "Aufschrei" der twitternden Frauen, die am Beispiel des Politikers Rainer Brüderle die verbalen Zudringlichkeiten alternder (und leider oft auch jüngerer) Männer anprangerten; die Empörung wurde geteilt, blieb aber symbolische Intarsie in einem durchsexualisierten Umfeld, das sich gegen moralische Einwände mit einem Augenzwinkern immunisiert. "Voi sapete quel che fa", singt Leporello, und noch heute könnte man allen Frauen, die sich über einen notorischen Wüstling empören, entgegenhalten: Ihr wisst doch selbst am besten, wie er’s macht. Der Börse, an der junge Frauen und alte Männer Sex gegen Karriere tauschen, ist es gleichgültig, wie man über sie denkt. Erst kürzlich wurde der Fall eines Models bekannt, das sich von dem amerikanischen Starfotografen Terry Richardson zu sexuellem Verkehr genötigt fühlte. Die Modebranche zuckte mit den Achseln; sie formulierte tatsächlich, es habe jedes Mädchen vorher gewusst, wie er’s macht.

Für die hübschen Jungs gilt dasselbe. In Hollywood, dem wohl prüdesten aller Standorte der Unterhaltungsindustrie, brachte unlängst eine Klage des Schauspielers Michael Egan gegen den Regisseur Bryan Singer ans Licht, wie er und viele andere notorisch über die Besetzungscouch von Produzenten und Regisseuren gewandert seien. Übrigens würde auch vor zwangsweise verabreichten Drogen und Gewaltanwendung nirgends zurückgeschreckt. "Wir waren wie ein Stück Fleisch, das diese Leute untereinander herumreichten", erinnerte sich Michael Egan.

Es ist darum vollständig irreführend, von einem neuen Tugendterror zu sprechen, wie es gelegentlich bei uns (und zuletzt bei Thilo Sarrazin) geschieht. Vielmehr existieren archaische sexuelle Ausbeutungsprozesse gänzlich ungehindert fort neben immer höher geschraubten Anforderungen an eine politisch korrekte Sprechweise. Eine Frau diskriminiert oder einen Homosexuellen in seiner Würde beschädigt hat heute selbst der Gutartigste schneller, als er blinzeln kann. Sogar Feministinnen untereinander führen erbitterte Kämpfe um etwas, was man vielleicht die Letztunbedenklichkeit einer geschlechtsneutralen Bezeichnung nennen könnte – statt des bekannten Binnen-I ("ProfessorIn") ist jetzt die mathematische Variable x der neueste Vorschlag ("Professx"). Indes steht zu befüchten, dass es für solche linguistische Tüdelei, die selbst die Andeutung von Geschlechtlichkeit unter Verdacht stellt, in der Modebranche und anderen derber verfassten Milieus nichts als Hohnlachen gibt – wenn überhaupt ein Echo.

Wie also soll man die Situation beschreiben? Prüderie wäre als Begriff höchstens für einen Teil, wenn nicht eine akademische Nische der Gesellschaft treffend. Heuchelei würde schon eher das Gesamte der Lage bezeichnen – die Praxis dulden, aber ihre sprachliche Abbildung verbieten. Freilich ist es immer heikel, ein gesamtgesellschaftliches Subjekt zu konstruieren, dem man die Widersprüche zur Last legt. Redlicher wäre wohl, von einem Milieu A zu sprechen, das maximal prüde, und von einem Milieu B, das maximal enthemmt ist. Zwischen diesen beiden tobte dann der Kampf; und von der einen Seite könnte man sagen, sie würde immer prüder, je skrupelloser sich die andere zeigte. Möglich, dass sich der feministische Wahn der totalen sprachlichen Keuschheit an den Enthüllungen über Missbrauch und Männergewalt entzündet. Wäre auch die umgekehrte Reaktion denkbar? Dass Sex umso dreister inszeniert wird, je tabuisierter das Sprechen darüber wird? Unwahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen.

Heuchelei jedoch würde nur da vorliegen, wo sich Milieu A und Milieu B überschnitten. Der Beweis der Schnittmenge müsste Person für Person angetreten werden, aber undenkbar wäre es nicht, dass sich eine feministische Schriftstellerin kleine Mädchen gefügig macht, der Schwulenfunktionär mit Strichern hart zur Sache kommt, der Familientugenden predigende Unionspolitker nachts an der Autobahnraststätte ... Nun ja. Man hat aber (noch) nicht den Eindruck, dass solche Denkmöglichkeiten die Realität unserer Gesellschaft entscheidend prägen.

Die Französische Revolution markiert sittengeschichtlich einen scharfen Bruch

Wie eine Gesellschaft sich anfühlt, in der sich beide Milieus flächendeckend überschneiden, die Heuchelei also ubiquitär ist, lehrt ein Blick in die Literatur des 19. Jahrhunderts. Bekanntlich markiert die Französische Revolution auch sittengeschichtlich einen scharfen Bruch. Waren freie Liebe und Spott auf die Religion zuvor offene Praxis der Oberschicht, geradezu ein Merkmal von Eleganz, wurden nach Napoleon strikte Ehemoral und Katholizismus die Norm. Sogar die Bücher des Rokoko zu kennen galt als lasterhaft; am tugendhaftesten war es für Frauen, gar nicht zu lesen. Man muss jedoch nur die Romane von Stendhal oder Balzac aufschlagen, um zu sehen, dass dem Normenwechsel keine Verhaltensänderung entsprach; jeder Ehemann hatte seine Mätresse, jede verheiratete Frau ihre Liebhaber, gerne auch Freunde des Ehemannes, oft auch mit dessen Zustimmung. Das waren keine Geheimnisse; sie durften aber auch nicht beredet werden. Für das Salongespräch galt, wie Stendhal in seinem Roman Lucien Leuwen notierte, dass nur Dinge gesagt werden durften, von denen alle wussten, dass sie nicht stimmten. Die Lüge war das Merkmal einer eleganten Konversation nach 1815.

Von einer solchen offenen Heuchelei – die sich selbst als Zeichen guter Erziehung feierte – sind wir heute noch weit entfernt. Wenn man indes den Blick etwas weitet und das engere Feld der Sexualmoral verlässt, entdeckt man die Mutter der Heuchelei, eine weltfremde Prüderie, in vielen Bereichen. Prüde, das heißt streng sprachlich reguliert, ist die Rede über Krieg und Gewalt, über Klassenunterschiede, Begabungsdifferenzen, geschlechtliche Identitäten, ganz allgemein über die Macht von Herkunft und Schicksal. Jeder dieser Punkte darf nur im Zusammenhang einer bestimmten Formel erwähnt werden – Gewalt nur als Bestandteil der Formel "ist keine Lösung", Herkunft nur als etwas, "das keine Rolle spielen darf", Geschlecht nur mit dem Attribut "gleichwertig", und so weiter und so fort.

Die Gesellschaft tut so, als habe das Tugendideal schon gewonnen

Das Problematische daran ist nicht die Moral, die dabei hochgehalten wird – dass Kriege verdammenswert und Klassenunterschiede ungerecht seien, dass Begabungsdifferenzen ausgeglichen werden sollten, Geschlechtsidentitäten keine Diskriminierung nach sich ziehen dürften. Problematisch ist die systematische Ausblendung unserer Realität, die fast nirgends der beschworenen Moral entspricht. Es ist nämlich ein Charakteristikum der Political Correctness (um den etwas abgegriffenen, aber einschlägigen Ausdruck zu benutzen), dass sie den Abgrund zwischen Norm und Praxis nicht benannt wissen möchte. Es genügt ihr nicht, für den idealen Zustand zu werben; sie möchte die Wirklichkeit so beschrieben haben, als sei in ihr das Ideal schon wirksam.

Die pädagogische Absicht dahinter beruht auf dem Glauben, dass die politisch korrekte Sprechweise auch das Denken korrigieren könne – und damit die Wirklichkeit. Am weitesten fortgeschritten, fast zur Üblichkeit gediehen ist das Verfahren auf dem Feld der feministischen Sprachpolitik. Wenn es nur gelänge, die Gesellschaft an "ProfessorInnen" oder "Professorx" zu gewöhnen, werde sie sich auch, so der Gedanke, daran gewöhnen, Frauen auf Professorenstellen für selbstverständlich anzusehen – als gebe es für die weibliche Karriere nicht noch ganz andere Hindernisse, die robuste materielle Ursachen haben oder echte Machtfragen berühren.

Aus der totalitären Politik ist der Versuch, den Blick auf die Wirklichkeit durch Euphemismen zu verstellen, gut bekannt. Schon die Nazis verfuhren so, als sie den Terminus "Endlösung" für den Judenmord einführten – indes umsonst. Nach kurzer Zeit nahm "Endlösung" just die grausige Bedeutung des Verbrechens an, das damit verschleiert werden sollte. Das Beispiel mag für unsere Zusammenhänge monströs überzeichnet wirken, hat aber den Vorzug, den Mechanismus genau zu zeigen. Wörter tragen keine feste Bedeutung in sich; sie nehmen stets die Bedeutung der Sache an, für die sie verwendet werden. Nicht anders ergeht es den harmlosen Euphemismen unserer Tage. Die Bezeichnung "I-Kind" – nämlich für eines, das trotz seiner Defizite in den normalen Unterricht "integriert" ist – wird an den Schulen längst gleichbedeutend mit "behindert" gebraucht. Weit davon entfernt, das Kind auch sprachlich zu integrieren, wird es noch einmal ausgegrenzt: durch die im verschleiernden Ausdruck mitschwingende Vermutung, eine brutale Wahrheit dürfe nicht ausgesprochen werden.

Das aber erfüllt den Tatbestand der Heuchelei exakt. Mit der Forderung, über den Behinderten zu sprechen, als sei er dem Nichtbehinderten gleichgestellt, über den Homosexuellen, als sei er fortpflanzungsfähig wie eine Frau, über den Sohn des Arbeiters, als habe er den Sohn des Grafen mit seinen Tischmanieren schon überflügelt, befinden wir uns tatsächlich in dem von Stendhal karikierten Salon, der die habituell untreue Gattin als erzfromme Katholikin feiert.

Was ist der tiefere Grund für die heuchlerische Unterstellung tugendhafter Verhältnisse? Der Grund ist: Alles andere verstieße gegen die Gleichheit. Gleichheit, darin hat Thilo Sarrazin einmal recht, ist tatsächlich das heilige Ideal der Gegenwart. Schicksal dagegen, Herkunft, Geschlecht sind die Produzenten von Ungleichheit, ihnen Wirksamkeit zuzugestehen, hieße für viele Zeitgenossen, vor den schlechten Verhältnissen zu kapitulieren. Darum wird Gleichheit nicht als etwas behandelt, dass in Kämpfen mühsam errungen werden muss – denn damit würde ja die aktuell bestehende Ungleichheit eingestanden. Die Heuchelei besteht darin, Gleichheit als etwas schon Eingetretenes zu behandeln oder als etwas mit einem simplen linguistischen Trick jederzeit Herstellbares – eine Frage der Gutwilligkeit letztlich und keine Machtfrage.

Die Sprachpolitik vermag nichts gegen die Realität

Das ist die Nemesis der Heuchelei, dass sie in Wahrheit die Waffen vor den Verhältnissen streckt und so tut, als habe das Tugendideal schon gewonnen. Man kann es überall in den Internetdebatten, aber auch im Umgang mit Literatur beobachten. Wer immer versucht, die Welt zu beschreiben, wie sie ist, einschließlich uneinholbarer Klassenprivilegien oder notorischer Formen sexueller Ausbeutung, bekommt eins auf die Finger. Überall wird der Bote für die Botschaft bestraft. Übrigens hat auch der Politiker, dem der "Aufschrei" im Netz galt, die Journalistin, die sich empörte, keineswegs unsittlich berührt, sondern mit seiner Anzüglichkeit, die er vielleicht sogar für Galanterie hielt, nur versehentlich auf das Fortleben einer Welt aufmerksam gemacht, in der Frauen weiterhin als Sexualobjekt gelten.

Alle Sprachpolitik vermag nichts gegen die verkommene Realität

Auch hier wurde auf das Zeichen stärker reagiert als auf die traurige Realität, über die man sich immer schon hätte empören müssen. Die Prüderie unserer Tage, die wirklich drückende Prüderie, ist die Prüderie vor der Wirklichkeit. Wage nur einer zu sagen, dass es mit der ganzen weiblichen Emanzipation auch im Westen nicht weit her sei und selbst das Emanzipationsideal nur im akademisch gebildeten Kleinbürgertum verbreitet! Besser, er wagt es nicht.

Der Shitstorm wäre unausweichlich, der jeden Hinweis darauf quittiert, dass unsere moralischen Ideale nur partikulare Reichweite beanspruchen können. Vielleicht wäre der überwältigende Eindruck einer neuen Prüderie und Meinungsaufsicht nicht entstanden ohne das Netz, das dem Kontrollkollektiv den Resonanzraum gibt, den früher nur die Kleinstadt oder der adlige Salon geboten hat. Im Netz wird aber auch offenbar, dass alles politisch korrekte Meinen nichts gegen die verkommene Wirklichkeit ausrichtet. Gleich neben der Frauenseite mit ihrer feministischen Sprachtüdelei wird gegen Ausländer gepestet, werden Schwule gehasst und Kinderkörper pädophiler Masturbation preisgegeben.

Und damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt, dem ursprünglichen Betätigungsfeld aller Prüderie – der sexuellen Grenzverletzung. Dass ein entspannterer Umgang mit dem körperlichen Begehren, wie man uns einmal einzureden versucht hat, etwas zur Humanisierung beigetragen hat, wird man jedenfalls nicht mehr behaupten können. Die Gegenbewegung, die nun wieder im Namen der Emanzipation den Sexus unter Verdacht stellt, wird gegen die wölfische Menschennatur nichts ausrichten. Es muss der Diskurs sich auch einmal der Wirklichkeit stellen. Sonst endet alles emanzipatorische Gerede bei jener krassen Form der Heuchelei, die man in Sachsen oder Brandenburg beobachten kann, wo der Antifaschismus zwar politisch beschworen, aber der neofaschistische Hintergrund von einschlägigen Gewalttaten regelmäßig durch die Justiz unterschlagen wird.

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