Wie eine Gesellschaft sich anfühlt, in der sich beide Milieus flächendeckend überschneiden, die Heuchelei also ubiquitär ist, lehrt ein Blick in die Literatur des 19. Jahrhunderts. Bekanntlich markiert die Französische Revolution auch sittengeschichtlich einen scharfen Bruch. Waren freie Liebe und Spott auf die Religion zuvor offene Praxis der Oberschicht, geradezu ein Merkmal von Eleganz, wurden nach Napoleon strikte Ehemoral und Katholizismus die Norm. Sogar die Bücher des Rokoko zu kennen galt als lasterhaft; am tugendhaftesten war es für Frauen, gar nicht zu lesen. Man muss jedoch nur die Romane von Stendhal oder Balzac aufschlagen, um zu sehen, dass dem Normenwechsel keine Verhaltensänderung entsprach; jeder Ehemann hatte seine Mätresse, jede verheiratete Frau ihre Liebhaber, gerne auch Freunde des Ehemannes, oft auch mit dessen Zustimmung. Das waren keine Geheimnisse; sie durften aber auch nicht beredet werden. Für das Salongespräch galt, wie Stendhal in seinem Roman Lucien Leuwen notierte, dass nur Dinge gesagt werden durften, von denen alle wussten, dass sie nicht stimmten. Die Lüge war das Merkmal einer eleganten Konversation nach 1815.

Von einer solchen offenen Heuchelei – die sich selbst als Zeichen guter Erziehung feierte – sind wir heute noch weit entfernt. Wenn man indes den Blick etwas weitet und das engere Feld der Sexualmoral verlässt, entdeckt man die Mutter der Heuchelei, eine weltfremde Prüderie, in vielen Bereichen. Prüde, das heißt streng sprachlich reguliert, ist die Rede über Krieg und Gewalt, über Klassenunterschiede, Begabungsdifferenzen, geschlechtliche Identitäten, ganz allgemein über die Macht von Herkunft und Schicksal. Jeder dieser Punkte darf nur im Zusammenhang einer bestimmten Formel erwähnt werden – Gewalt nur als Bestandteil der Formel "ist keine Lösung", Herkunft nur als etwas, "das keine Rolle spielen darf", Geschlecht nur mit dem Attribut "gleichwertig", und so weiter und so fort.

Die Gesellschaft tut so, als habe das Tugendideal schon gewonnen

Das Problematische daran ist nicht die Moral, die dabei hochgehalten wird – dass Kriege verdammenswert und Klassenunterschiede ungerecht seien, dass Begabungsdifferenzen ausgeglichen werden sollten, Geschlechtsidentitäten keine Diskriminierung nach sich ziehen dürften. Problematisch ist die systematische Ausblendung unserer Realität, die fast nirgends der beschworenen Moral entspricht. Es ist nämlich ein Charakteristikum der Political Correctness (um den etwas abgegriffenen, aber einschlägigen Ausdruck zu benutzen), dass sie den Abgrund zwischen Norm und Praxis nicht benannt wissen möchte. Es genügt ihr nicht, für den idealen Zustand zu werben; sie möchte die Wirklichkeit so beschrieben haben, als sei in ihr das Ideal schon wirksam.

Die pädagogische Absicht dahinter beruht auf dem Glauben, dass die politisch korrekte Sprechweise auch das Denken korrigieren könne – und damit die Wirklichkeit. Am weitesten fortgeschritten, fast zur Üblichkeit gediehen ist das Verfahren auf dem Feld der feministischen Sprachpolitik. Wenn es nur gelänge, die Gesellschaft an "ProfessorInnen" oder "Professorx" zu gewöhnen, werde sie sich auch, so der Gedanke, daran gewöhnen, Frauen auf Professorenstellen für selbstverständlich anzusehen – als gebe es für die weibliche Karriere nicht noch ganz andere Hindernisse, die robuste materielle Ursachen haben oder echte Machtfragen berühren.

Aus der totalitären Politik ist der Versuch, den Blick auf die Wirklichkeit durch Euphemismen zu verstellen, gut bekannt. Schon die Nazis verfuhren so, als sie den Terminus "Endlösung" für den Judenmord einführten – indes umsonst. Nach kurzer Zeit nahm "Endlösung" just die grausige Bedeutung des Verbrechens an, das damit verschleiert werden sollte. Das Beispiel mag für unsere Zusammenhänge monströs überzeichnet wirken, hat aber den Vorzug, den Mechanismus genau zu zeigen. Wörter tragen keine feste Bedeutung in sich; sie nehmen stets die Bedeutung der Sache an, für die sie verwendet werden. Nicht anders ergeht es den harmlosen Euphemismen unserer Tage. Die Bezeichnung "I-Kind" – nämlich für eines, das trotz seiner Defizite in den normalen Unterricht "integriert" ist – wird an den Schulen längst gleichbedeutend mit "behindert" gebraucht. Weit davon entfernt, das Kind auch sprachlich zu integrieren, wird es noch einmal ausgegrenzt: durch die im verschleiernden Ausdruck mitschwingende Vermutung, eine brutale Wahrheit dürfe nicht ausgesprochen werden.

Das aber erfüllt den Tatbestand der Heuchelei exakt. Mit der Forderung, über den Behinderten zu sprechen, als sei er dem Nichtbehinderten gleichgestellt, über den Homosexuellen, als sei er fortpflanzungsfähig wie eine Frau, über den Sohn des Arbeiters, als habe er den Sohn des Grafen mit seinen Tischmanieren schon überflügelt, befinden wir uns tatsächlich in dem von Stendhal karikierten Salon, der die habituell untreue Gattin als erzfromme Katholikin feiert.

Was ist der tiefere Grund für die heuchlerische Unterstellung tugendhafter Verhältnisse? Der Grund ist: Alles andere verstieße gegen die Gleichheit. Gleichheit, darin hat Thilo Sarrazin einmal recht, ist tatsächlich das heilige Ideal der Gegenwart. Schicksal dagegen, Herkunft, Geschlecht sind die Produzenten von Ungleichheit, ihnen Wirksamkeit zuzugestehen, hieße für viele Zeitgenossen, vor den schlechten Verhältnissen zu kapitulieren. Darum wird Gleichheit nicht als etwas behandelt, dass in Kämpfen mühsam errungen werden muss – denn damit würde ja die aktuell bestehende Ungleichheit eingestanden. Die Heuchelei besteht darin, Gleichheit als etwas schon Eingetretenes zu behandeln oder als etwas mit einem simplen linguistischen Trick jederzeit Herstellbares – eine Frage der Gutwilligkeit letztlich und keine Machtfrage.