Die Sängerin Rihanna im Juni 2014 auf der Bühne des CFDA Fashion Awards in New York City. © D Dipasupil/Getty Images

DIE ZEIT: Lieber Herr Sigusch, in diesem Sommer, der so heiß war wie nie, haben wir in den Städten viel nackte Haut gesehen – ist das die lang ersehnte sexuelle Freiheit?

Volkmar Sigusch: Ich sehe darin keine Freiheit. Es ist ein Gag. Das sind von den Medien aufgedrängte Tendenzen, die Leute mitmachen ohne Hintergedanken, weil es "in" ist. Es ist nicht sexuell und schon gar nicht erotisch.

ZEIT: Nicht sexy? In der Popkultur inszenieren Rihanna oder Lady Gaga gerade eine aggressive Supersexiness – vor fast ausschließlich weiblichem Publikum. Junge Männer gucken erstaunt, weil sie gar nicht mehr gemeint sind. Was geht da vor?

Sigusch: Es sind obszöne Szenen, die in Wirklichkeit eine Entsexualisierung bedeuten.

ZEIT: Ein Zurückschrecken vor dem Trieb? Zeigt sich so vielleicht, bei aller zur Schau gestellten Erotik, eine neue Prüderie?

Sigusch: Wir haben paradoxe Verhältnisse. Scheinbar kann man heute alles tun und alles bekommen, andererseits – das sind Ergebnisse des Hamburger Instituts für Sexualforschung – zeigen Daten, dass die allermeisten Menschen sexuell verlassen sind und einsam. Etwa 95 Prozent der Sexualakte finden in festen Beziehungen statt. Singles, die unter den Befragten 25 Prozent ausmachten, bekommen vom Kuchen der Sexualität nur 5 Prozent ab.

ZEIT: Der ungebundene Sex ist eine Schimäre?

Sigusch: So ist es.

ZEIT: Sie beschreiben in Ihren Büchern die letzten 100 Jahre als Folge dreier sexueller Revolutionen. Einer ersten, um 1905, ging es um den offenen Blick auf Nacktheit, man forderte das Recht auf Onanie und Abtreibung – es war ein Kampf um die Moderne. In den sechziger Jahren kam die zweite Revolte, sie zielte auf offene Beziehungen zwischen den Geschlechtern – und jetzt gibt es eine dritte Revolte, die der Neosexualität, in der alles möglich sein soll, notfalls mit Viagra. Schauen wir in die Sechziger: Frauen verlangten ihren Anteil am selbstbestimmten Sex. War das zu viel gewollt?

Sigusch: Es war die zentrale Frage, wurde aber nicht ernst genommen. Ich erinnere mich an eine Tagung in Berlin, die vom Weiberrat besetzt wurde. Die Frauen schrien: "Was macht ihr mit euren Schwänzen auf den Konferenzen?"

ZEIT: Der Schock wirkt noch nach. In Ihrem letzten Buch schreiben Sie: "Der Sexismus gehört neben dem gewaltbereiten Hass auf das Fremde, neben der egoistischen Raffgier der Besitzenden und dem zerstörerischen Allmachtswahn der Rationalisten zu den größten Verbrechen derer, die sich zivilisiert wähnen." Das klingt nach siedender Wut.

Sigusch: Ja. Diese Wut habe ich. Wenn ich lese, dass Frauen noch heute für die gleiche Arbeit 20 Prozent weniger bekommen als Männer, 20 Prozent! Das muss die Politik doch abschaffen!