In diesen Tagen sind viele Nachrufe zu lesen: auf die freie Rede im Internet. Das ist wohl stark übertrieben. Doch eine der wichtigsten Errungenschaften des Netzes könnte tatsächlich bald verschwinden, wenn wir nicht für sie kämpfen.

Für die demokratische Meinungsbildung ist das Netz so wichtig wie nie zuvor. Nun aber droht der digitale Diskurs am eigenen Erfolg zu ersticken: "Die Web-Trolle gewinnen, während die Grobheit zunimmt", titelt etwa die New York Times.

Trolle, das sind im Netzjargon die Störer, die nur an Debatten teilnehmen, um sie zu sabotieren. So wie jene Twitter-Nutzer, die die Tochter von Robin Williams wohl für immer von der Plattform vertrieben: Sie schickten ihr vermeintliche Fotos ihres verstorbenen Vaters, und gaben ihr die Schuld an seinem Tod.

Der Suizid des beliebten Schauspielers war Auslöser für eine weltweite Welle von Troll-Aktivitäten. Auch ZEIT ONLINE war davon betroffen: Ein Nutzer mit mehreren Identitäten versah den Bericht über Nacht mit antisemitischen Kommentaren, für einige Stunden unbemerkt von unserer Redaktion. Er ist einschlägig bekannt. Jeden Tag meldet er sich bis zu 30 Mal mit immer neuen Identitäten an, um extreme Beiträge zu allen nur erdenklichen Themen zu verfassen. Und wird immer wieder gesperrt.

Solche Menschen motiviert nicht der Inhalt einer Debatte, sondern unsere entsetzte Reaktion auf ihr zerstörerisches Treiben. "Do not feed the trolls!", lautet deshalb eine Grundregel: "Füttere die Trolle nicht!"

Was aber, wenn es so viele werden, dass wir sie nicht mehr ignorieren können? Wenn sie nicht so einfach zu erkennen sind wie die paar Irren in den Foren?

Nirgendwo können wir so frei debattieren wie im Netz. Diese fundamentale Freiheit hat aber einen Preis. Das Internet ist heute nicht mehr nur eine Echokammer für einzelne Saboteure, sondern auch für ganze Troll-Armeen, gesteuert von Regimen wie Russland oder China, die das Netz systematisch für verdeckte Propaganda nutzen.

Tausende prorussische Kommentare überfluteten etwa in den vergangenen Monaten den Kommentarbereich zur Ukraine-Berichterstattung deutscher Nachrichten-Websites, auch auf ZEIT ONLINE. Mehr als eine Million Euro pro Monat gab eine vom Kreml beauftragte PR-Agentur zeitweise aus, um mit gleich 600 Mitarbeitern die Meinungen auch im deutschsprachigen Netz zu beeinflussen. Westliche Geheimdienste wie der britische GCHQ betreiben heute ebenfalls spezialisierte Troll-Teams.

Die Utopie einer digitalen Agora, in der Gleiche mit Gleichen frei kommunizieren, ungefiltert und unverfälscht, ist in Gefahr.

Es gehört zu unseren neuen Bürgerpflichten, diese Sphäre zu schützen. Nur helfen dagegen keine neuen Gesetze, kein "Vermummungsverbot im Internet", wie einst gefordert, keine Internetpolizei. Derlei Initiativen werden genau das zerstören, was sie zu bewahren hoffen.

Die Trolle in Schach zu halten, ohne die Freiheit zu opfern, ist so einfach wie mühsam: Wir müssen uns täglich selbst einmischen. Millionen von Menschen, die zivilisiert debattieren, die falschen Informationen richtige entgegensetzen, die Störer gelassen übergehen und bei seltsamen Spam-Wellen aufmerksam werden, sind unbesiegbar. Einem aufgeklärten digitalen Bürgertum ist keine Troll-Armee gewachsen.

Wir kommen unserer Utopie nur näher, wenn wir sie selbst mit Leben füllen. Gehen Sie also jetzt auf Facebook und starten Sie eine Diskussion, wenn nicht zur deutschen Außenpolitik, dann eben über die Gentrifizierung Prenzlauer Bergs oder zur weiteren Verschönerung Papenburgs. Kommentieren Sie die aktuelle Lage in Gaza auf einer Nachrichten-Website. Die Redaktion von ZEIT ONLINE und viele andere verwenden große Leidenschaft darauf, einen zivilisierten Diskurs zu gewährleisten. Vor allem aber: Bleiben Sie gelassen, wenn nicht alles so wohltemperiert ist wie bei Anne Will. Ihr digitales Engagement ist für unsere Demokratie genauso wichtig wie das im Gemeinderat, in einer Bürgerinitiative oder Ihr Gang zur Wahlurne.

Solange das Internet frei ist, werden Trolle immer wieder kleine Siege erringen, manchmal auch große. Die Freiheit im Netz ist auch immer die Freiheit der Trolle.