Viele Nachwuchswissenschaftler ziehen alle paar Jahre weiter.

"Viele sehr gute Wissenschaftler gehen in die Wirtschaft"

Mein Vertrag ist gerade verlängert worden, bis Ende 2016. Dann werde ich fünf Jahre lang als Postdoc an der TU München gewesen sein. Das ist eine Ausnahme, die meisten wechseln nach zwei oder drei Jahren die Uni, weil das für die Karriere wichtig ist. Aber ich will nicht weg aus München. Mein Mann hat hier einen guten Job. Er ist schon mit mir von Karlsruhe, wo wir beide studiert haben, nach Bayern gezogen. Alle paar Jahre den Wohnort zu wechseln, sieht er nicht ein – und ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich habe mir hier ein soziales Umfeld aufgebaut, tanze Standard im Verein.

Natürlich würde ich gerne Professorin werden, aber nicht um jeden Preis. Ich könnte sicherlich im Anschluss noch eine zweite Postdoc-Stelle bekommen, da habe ich keine Bedenken. Aber ich will eben nicht überall hin. Immerhin habe ich in München den Vorteil, dass es hier zwei Unis und das Max-Planck-Institut für Physik gibt. Vielleicht ergibt sich ja etwas. Eine andere Möglichkeit wäre es, mir eine eigene Forschungsgruppe aufzubauen, zum Beispiel mit dem Emmy-Noether-Programm. Ich frage mich schon: Warum muss man als Nachwuchswissenschaftler alle paar Jahre weiterziehen? Ich weiß, ursprünglich ging es darum, dass dadurch das Wissen wandert, aber mit den heutigen Kommunikationsmöglichkeiten kann man auch international vernetzt arbeiten, wenn man nicht ständig den Ort wechselt. Außerdem trifft man sich weltweit auf Konferenzen.

Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht mehr. Viele sehr gute Wissenschaftler aus meinem Umfeld haben deshalb aufgehört und sind in die Wirtschaft gegangen. Natürlich mache ich mir auch Gedanken darüber, was ich tue, wenn mein Vertrag in zwei Jahren ausläuft und sich bis dahin nichts anderes in der Wissenschaft ergeben hat. Vielleicht gehe ich dann auch in die Wirtschaft. Erst einmal ist das Problem ja verschoben – und ich kann in Ruhe weiterforschen.

Jennifer Girrbach-Noe, 30, ist Postdoc am Fachbereich Physik der TU München

"Nach sechs Jahren steht man auf der Straße, egal, was man geleistet hat"

Meine Zeit als Juniorprofessor endet im Dezember. Wie es danach weitergeht, weiß ich noch nicht. Eigentlich halte ich so eine Juniorprofessur für eine sehr gute Vorbereitung auf eine Vollprofessur: Man lehrt und forscht eigenständig und ist in die Gremien eingebunden – eben alles, was man später auch macht. Auch die ursprüngliche Idee dahinter ist gut: Wer sich als Juniorprofessor bewährt, bekommt eine feste Stelle, so ähnlich wie in den USA mit dem Tenure-Track-System (siehe Kasten). Das Problem ist, dass in Deutschland die meisten Juniorprofessuren ohne einen Tenure-Track sind. Das heißt, nach sechs Jahren steht man auf der Straße, egal, was man geleistet hat.

Vielleicht bin ich da naiv rangegangen. Ich dachte mir: Wenn ich meine Arbeit ausreichend gut erledige, dann wird das schon klappen. Aber so einfach ist es nicht. Ich habe den Lehrpreis der Fakultät bekommen, ich habe eine knappe halbe Million Euro an Drittmitteln eingeworben, ich habe über 20 Artikel in Fachzeitschriften publiziert. Was soll ich denn noch tun?

Da kommt schon ein gewisser Frust auf. Über die Jahre habe ich um die 50 Bewerbungen für Professuren geschrieben, die Reaktionen waren sehr unterschiedlich: Einige Bewerbungen wurden komplett ignoriert, mal war ich eingeladen zum Vortrag, manchmal wurde ich auch auf der Liste mit Wunschkandidaten platziert, zwei Mal sogar auf Platz zwei. Geklappt hat es bislang leider nicht. Aber noch habe ich Hoffnung. Falls ich bis Januar keine Zusage habe, will ich es auf jeden Fall noch ein oder zwei Jahre lang weiter versuchen. Um im System zu bleiben, müsste ich wohl kostenlos als Privatdozent unterrichten. Da fragt man sich natürlich schon, warum es in Deutschland so schwer ist, unbefristete Stellen unterhalb der Professur zu schaffen. In Großbritannien gibt es zum Beispiel den sogenannten Lecturer, der ist unbefristet eingestellt, unterrichtet und wird einigermaßen gut bezahlt. Das ist ein deutlich besseres Sprungbrett!

Eric Linhart, 38, ist Juniorprofessor für Angewandte Politische Ökonomie an der Universität Kiel