Der Fund war eine kleine Sensation: Im Oktober 1992 entdeckten russische Historiker im Archiv des KPdSU-Zentralkomitees die Originale des Hitler-Stalin-Paktes samt den geheimen Zusatzprotokollen. Mehr als 50 Jahre lang hatten die Papiere als verschollen oder nicht existent gegolten.

Der Vertrag, nach russischer Lesart "Molotow-Ribbentrop-Pakt" genannt, ist eines der wichtigsten Dokumente der deutsch-sowjetischen Geschichte. Mit ihm sicherte sich Adolf Hitler das Stillhalten der Sowjetunion beim Überfall auf Polen am 1. September 1939. Doch er leitete nicht nur den Zweiten Weltkrieg ein, sondern brachte auch fast den gesamten Osten Mitteleuropas unter sowjetische Herrschaft. Die Folgen sind bis heute spürbar, und noch immer, 75 Jahre danach, wird um die Bewertung des verhängnisvollen Vertragswerks gerungen.

Die Vorgeschichte ist mittlerweile gut ausgeleuchtet. Hitler wollte den Krieg, und er wollte ihn gegen Polen beginnen. Dabei hatte er, wie der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller zeigte, noch bis zum März 1939 um das Nachbarland geworben, um es als Partner zu gewinnen für einen Angriff auf Sowjetrussland, vermutlich noch im selben Jahr. Doch die polnische Regierung erteilte Hitler eine Abfuhr. Fortan war Polen der Feind Nummer eins.

Die Sowjets sahen sich nach dem Münchner Abkommen, das Deutschland 1938 mit Frankreich, England und Italien geschlossen hatte, isoliert. Nun brachten sie sich bei den Deutschen wieder in Erinnerung. Unter anderem ließ Stalin seinen Außenminister Maxim Litwinow, der für ein Bündnis mit Frankreich und England stand, durch Wjatscheslaw Molotow ersetzen. Der Wechsel wurde in Berlin aufmerksam registriert. Auch England und Frankreich regten sich: Im Sommer 1939 begannen sie, mit Stalin zu verhandeln – wobei sie jedoch allzu halbherzig vorgingen und den Fehler machten, niederrangige Vertreter ohne Vollmachten nach Moskau zu schicken. Daraufhin ließ Hitler vorfühlen, ob der Kreml zu einer Klärung der gemeinsamen Interessen bereit sei.

In überraschend kurzer Zeit – die westlichen Vertreter befanden sich noch auf der Heimreise – wurden die Eckpunkte eines Vertrages abgesteckt: Der Kreml war zu einem Nichtangriffspakt bereit, bestand aber auf einer Gegenleistung. Stalin wusste, dass Deutschland Polen überfallen wollte, und trieb den Preis entsprechend in die Höhe. Er bestand, wie man heute weiß, auf einer Abgrenzung der Einflusssphären, festzulegen in einem "Protokoll". Ohne Protokoll kein Pakt. Hitler willigte ein und entsandte seinen Außenminister Joachim von Ribbentrop mit Generalvollmacht nach Moskau.

Gemeinsam mit dem deutschen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, der sich später dem Widerstand anschloss, traf sich Ribbentrop am Nachmittag des 23. August im Kreml mit Stalin. Das war ein Novum, der sowjetische Diktator hatte zuvor noch nie mit westlichen Politikern oder Gesandten verhandelt. Schnell war man sich über den Nichtangriffsvertrag einig, und in einer Verhandlungspause ließ Ribbentrop vereinbarungsgemäß einen Entwurf des Zusatzprotokolls aufsetzen, der in der Nacht Stalin und Molotow unterbreitet und mit ihnen abgestimmt wurde.

Nachdem das Vertragswerk gegen zwei Uhr morgens eilig übersetzt und getippt worden war – daher die schlampige äußere Form –, setzten Molotow und Ribbentrop ihre Unterschrift darunter. Hinter ihnen, so ist es auf einer ganzen Reihe von Fotos zu sehen, stand Stalin in seiner Uniformjacke und war bester Laune. Er hatte das Geschäft seines Lebens gemacht: Mit diesem Vertrag würde die Sowjetunion fast wieder so groß sein wie das Russische Reich vor 1914.

Die Nachricht vom Pakt zwischen Hitler und Stalin schlug ein wie eine Bombe. Das Zusatzprotokoll allerdings versuchte man geheim zu halten, was auch für die ergänzenden Dokumente zum "Grenz- und Freundschaftsvertrag" galt, den Ribbentrop und Molotow am 28. September 1939 unterzeichneten. Ein deutscher Diplomat verriet der amerikanischen Botschaft die Details des Protokolls zum Nichtangriffspakt. Die offizielle Geheimhaltung aber blieb bestehen – auch nach 1945. Zwar kamen die geheimen Vereinbarungen im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, in dem auch Ribbentrop verhört wurde, zur Sprache, im Urteil aber wurden sie auf Betreiben der Sowjetunion nicht erwähnt. Bis 1989 unterdrückte man im Ostblock jeden Hinweis und jegliche Diskussion.

Dann brachen die Dämme: Die baltischen Republiken debattierten über die Protokolle in ihren Parlamenten und forderten vehement die Anerkennung des historischen Unrechts seitens der Sowjetunion und Deutschlands. Eine Kommission des Volkskongresses in Moskau ließ daraufhin die damals bekannten Kopien des Vertragswerks untersuchen. 1992 schließlich tauchten die Originale auf – zweifellos ein politisch gewollter Archivfund.