Wenn Nico Schild als kleiner Junge gefragt wurde, wo sein Vater stecke, sagte er: "Papa Streik". Einmal fand er zu Hause so viele rote Aufkleber mit Werbung für die 35-Stunden-Woche, dass er seinen ganzen Kinderzimmerschrank damit beklebte. Die Sticker stammten aus dem Sommer 1984, als draußen auf den Straßen Zehntausende Arbeiter marschierten – eine Machtprobe, wie es sie in der Nachkriegszeit noch nicht gegeben hatte. Armin Schild, der Vater von Nico, war damals 23. Ein junger Metallgewerkschafter, der im Morgengrauen Flugblätter an den Werkstoren verteilte und später auf Großdemonstrationen protestierte, bei denen nicht nur für andere Tarifverträge geworben wurde, sondern für ein anderes Lebensgefühl. "Fünf Stunden mehr, für Liebe und Verkehr" war einer der Slogans.

Sechs Wochen dauerte der Kampf, dann willigten die Arbeitgeber ein, die Stundenzahl zu senken. Aber in den Jahren danach verbreitete sich eine ganz andere Stimmung: dass die Deutschen wieder mehr arbeiten und sich mehr anstrengen müssten. Die Erinnerung an den großen Streik von 1984 verblasste wie die Farbe der Aufkleber auf Nico Schilds altem Kinderschrank.

Bis zu diesem Sommer.

Nico Schild arbeitet bei den Stadtwerken Gießen, er repariert Gasleitungen. Morgens um sieben fährt er mit zwei, drei Kollegen raus zu den Baustellen, meistens müssen schwere unterirdische Rohre erst freigelegt und dann geschweißt werden, und das bei fast jedem Wetter. Ein anstrengender Job ist das, und wenn der 24-Jährige so weitermacht, wird er sich in ein paar Jahren ziemlich sicher den Rücken ruiniert haben. Deswegen will er etwas Neues lernen: An drei Tagen in der Woche besucht er die Abendschule, an den anderen macht er abends Hausaufgaben.

Am liebsten würde Nico Schild seine Arbeitszeit daher vorübergehend um ein paar Stunden pro Woche verkürzen. "Dreißig Stunden, das wär’s eigentlich", sagt er. Doch das ist nicht so einfach bei den Stadtwerken. So wie 1984 sein Vater, ringt jetzt auch Nico darum, weniger zu arbeiten.

Erstmals seit 30 Jahren wollen die Deutschen wieder andere Arbeitszeiten, und wieder ist es eine Massenbewegung. Vier von fünf Beschäftigten in der Metallindustrie wünschen sich flexiblere Arbeitszeiten, so eine aktuelle Umfrage der IG Metall unter einer halben Million Mitgliedern. Sie wollen nicht generell weniger arbeiten – aber kürzertreten können, wenn es für sie mal nötig ist. Das kann zum Beispiel nach der Geburt der Kinder sein: 82 Prozent aller Männer mit Kindern würden gern Teilzeit arbeiten, jeder dritte Vater hält eine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden für ideal. Das fand die Väter gGmbH heraus, eine Unternehmensberatung für familienorientierte Dienstleistungen.

"Wir alle werden immer älter und arbeiten meistens auch eine viel längere Zeit unseres Lebens – warum also müssen die Menschen in der Zeit zwischen 30 und 45 so viel gleichzeitig erledigen?", fragt der Familiensoziologe Hans Bertram. In einem noch unveröffentlichten Buch über die "überforderte Generation" (siehe Interview) beschreibt er, dass die Berufstätigen heute viel weniger Freiraum haben, als ihre Eltern und Großeltern je hatten. Die Kindererziehung nimmt mehr Raum im Leben ein, in immer mehr Ehen finden zwei Berufstätige zusammen. Und dann kommt manchmal auch noch die Pflege der Eltern hinzu.

So fehlt es allen vor allem an einem: Zeit.

Wir schlafen kürzer.

Wir essen schneller.

Wir beantworten unsere beruflichen E-Mails auch am Wochenende oder nach Feierabend spät in der Nacht.

"Wer es sich leisten kann, flieht aus der Zeit", sagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte. Das erklärt den Boom der Wellnesshotels, der Reisemagazine und die vielen kleinen und großen Gedanken ans Ausbrechen, die jeder Einzelne so mit sich trägt.

Früher gab es zumindest einige Gruppen in der Bevölkerung, die viel Zeit hatten: Kinder, Arbeitslose, Rentner, oft auch Hausfrauen mit erwachsenen Kindern. Und heute? Haben schon Grundschüler einen vollen Kalender, müssen sich Arbeitslose ständig bewerben und qualifizieren, führen viele Rentner eine rastlose Existenz. Hausfrauen gibt es auch immer seltener. Weil so viele Beschäftigte von ihren Chefs nahezu rund um die Uhr mit E-Mails bombardiert werden, forderte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor wenigen Tagen sogar ein "Recht auf Feierabend".

Die Deutschen, sagt Karl-Rudolf Korte, brauchten wieder mehr Zeit: zum Leben, für die Kinder und, ja, auch Zeit zum Sterben. "Eine Partei, die Zeit-Reichtum verspricht", sagt der Politikexperte, "würde sofort gewählt."