Anprobe mit Augmented Reality in Tokio © YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Eine deutsche Altstadt an einem Mittag im August 2019. Es sind exakt 28 Grad im Schatten, in einem Radius von fünf Minuten Fußmarsch liegen drei Eiscafés. Aber nur eines haben die Kontakte aus dem Sozialen Netzwerk durchgängig mit fünf Sternen bewertet. Zu ihm weisen hellblaue Pfeile den Weg, sie scheinen über dem Pflaster des Platzes zu schweben. Links oben im Blickfeld ist die verbleibende Entfernung in Metern zu sehen, mit jedem Schritt in Richtung Eis wird die Zahl kleiner. Früher hätte man für so etwas sein Handy zücken müssen, heute werden die Informationen auf die Innenseite der Brillengläser projiziert, sodass es wirkt, als gehörten sie zum Straßenbild. Die Vielzahl augenscheinlich frei schwebender W-Symbole zeigt: Zu jedem der historischen Gebäude beiderseits der Straße gibt es einen Wikipedia-Eintrag, teilweise mit überblendbaren historischen Fotos; jener zum frisch errichteten Helmut-Kohl-Denkmal ist gerade vor ein paar Minuten erst geändert worden.

Diese Szene nimmt den Alltag in fünf Jahren vorweg. Einen Alltag, in dem der Blick in die Welt durch passgenaue Informationen aus dem Internet ergänzt wird. Natürlich ist das konstruiert – aber auf Basis technischer Elemente, die bereits heute existieren: bei deutschen Technologie-Start-ups und amerikanischen Netzkonzernen, in Internetcommunitys und bei asiatischen Elektronikherstellern. Zusammengenommen ermöglichen sie eine völlig neuartige Vermischung von greifbarer Realität und digitalen Daten – und werden so unseren Alltag spürbar verändern.

Unsere Umgebung wird zur Projektionsfläche, auf der Computer Informationen einblenden. Und dafür werden die Computer unsere Umgebung genauer als je zuvor erfassen und zugleich versuchen, jede unserer Bewegungen zu deuten. Kurzum, die Welt wird maschinenlesbar. Erkunden wir diese nahe Zukunft in drei Schritten.

Digitale Sessel stehen im Wohnzimmer, Videoclips laufen auf Pappkärtchen

Zu Besuch bei der Firma Metaio in München. In einem walfischförmigen Bürogebäude über dem neuen Busbahnhof sitzen die Schöpfer einer App, die aus dem gedruckten Ikea-Katalog heraus Sessel, Sofas oder Tische in die eigene Wohnung zaubert. Dazu muss man bloß den Katalog flach auf den Fußboden legen und das Smartphone darauf richten. Auf dem Bildschirm erscheint dann in dem Videobild, das die rückwärtige Kamera des Smartphones aufnimmt, das Zimmer mit einem zusätzlichen Möbelstück an jener Stelle, wo der Katalog liegt. Es ist richtig proportioniert und winkelgetreu platziert, wie von Geisterhand. Das ist wohl das bisher beste Beispiel für diese neue Technik, nicht nur weil der Katalog mit mehr als 200 Millionen Exemplaren im Jahr und Übersetzungen in mehrere Dutzend Sprachen ein globales Phänomen ist. Sondern auch weil das "Hej, du!"-Möbelhaus die Masse der Normalos anspricht und keine Technikbegeisterten. Ende August erscheint die neue Ausgabe des Katalogs, dazu gehört wieder eine Einrichtungs-App: Eine abgehobene Ingenieursspielerei ist sie definitiv nicht mehr, die Augmented Reality.

So heißt die Anreicherung der realen Welt mit digitalen Inhalten (von lateinisch augmentare, " vermehren/fördern"). Erweiterte Realität, Anett Gläsel-Maslov von Metaio zeigt, was den Pionieren dieser Technik vorschwebt.

Sie hält ein Etikett mit dem Logo eines Wintersport-Ausrüsters vor die Kamera ihres Smartphones, plötzlich wird ein Snowboardvideo aus dem Internet abgespielt. Auf dem Display sieht es so aus, als laufe das Filmchen direkt auf dem Pappschild. Der Eindruck entsteht durch die passgenaue Einblendung des Clips ins Videobild vom Etikett. Eine nette Spielerei – aber dieselbe Technik kann auch ganz praktisch eine Bedienungsanleitung ersetzen, zum Beispiel im Auto. Gläsel-Maslov richtet ihr Handy auf das Armaturenbrett eines Audi A1, die App eKurzinfo erkennt eines von mehr als 200 verschiedenen Bedienelementen und klärt über dessen Funktion auf. Nach demselben Prinzip entwickeln Forscher digitale Handbücher für Servicetechniker. Und mit einer Ortungsfunktion kombiniert, wurde Augmented Reality, kurz AR, gar zum Pfadfinder: In Tokio empfingen watschelnde Pinguine Besucher des Sunshine-Aquariums am Ausgang der U-Bahn-Station, sobald diese ihre Mobiltelefone auf die Fußgängerzone richteten. Die digitalen Tiere lotsten die echten Menschen zur Pforte des Aquariums. Dafür brauchten die Geräte nicht mehr als eine Kamera und eine passende App, den Augmented-Reality-Browser der Münchner Firma.

Browser, das klingt nach Firefox und Safari, nach jenen Programmen also, die uns die Seiten des Webs sichtbar machen. Während aber im World Wide Web der Inhalt prinzipiell unabhängig vom Ort des Betrachters existiert, zeigt AR digitale Informationen an, die an einen konkreten Ort (wie die U-Bahn-Station in Tokio) oder ein Objekt (wie das Armaturenbrett des A1) gebunden sind. Inhalte für solche Browser zu erstellen ist nicht viel aufwendiger, als Webseiten zu bauen. Längst haben sich Kreative darauf spezialisiert. Und auch Laien füllen das Internet mit AR-Informationen. So verknüpfen Freiwillige für den in Salzburg entwickelten AR-Browser Wikitude geografische Positionen, etwa von Baudenkmälern, mit den entsprechenden Wikipedia-Artikeln.

Freilich muss, wer durch diese angereicherte Realität browsen will, sich sein Smartphone oder Tablet vor die Nase halten. Das ist unpraktisch und wirkt von außen betrachtet recht ungelenk. Die plausibelste Alternative ist die Datenbrille. Tausende Testnutzer probieren gerade die Glass von Google aus, Epson und Vuzix bieten bereits (klobigere) Modelle zum Kauf an, und gerüchtehalber wird auch der Elektronikgigant Samsung bald eine Datenbrille vorstellen, möglicherweise ja Anfang September zur Ifa, der Berliner Funkausstellung.