Es gibt Zoff in der Alternative für Deutschland (AfD). Lauten, unappetitlichen Zoff, nichts Neues also. Zum ersten Mal allerdings könnte am Ende einer als Verlierer dastehen, der sonst fast immer gewinnt: Bernd Lucke, der Chef der AfD. Es geht in diesem Streit um die Haltung zu Russland. Die Haltung zu Russland ist für die AfD, was Gorleben für die Grünen ist und der Sozialismus für die Linkspartei: identitätsstiftend.

Bislang war die AfD eine russlandfreundliche Partei. Alexander Gauland, außenpolitischer Kopf der AfD, forderte Ende 2013 in einem Grundsatzpapier, Deutschland müsse sich wieder auf Bismarcks Rückversicherungspolitik besinnen. Russland dürfe nicht weiter geschwächt werden. Gauland setzte der Komplexität postmoderner Außenpolitik die geostrategische Ratio des 19. Jahrhunderts entgegen. Mehr Preußen, weniger USA. Die Partei klatschte Beifall.

Dann annektierte Wladimir Putin die Krim. Der Rest der Welt musste sich dazu irgendwie verhalten. Auch die AfD, die sich bis dahin vor allem mit dem Euro beschäftigt hatte.

Die Mitglieder blieben Putin treu. Auf ihrem Parteitag in Erfurt im März beschlossen sie, es sei "von größter Bedeutung", keine Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Sie machten Gaulands Russlandkurs zur offiziellen Parteilinie. Bernd Lucke bekräftigte diese Linie im AfD-Vorstand. Am Ende hatte die junge Partei ein zweites, ein außenpolitisches Profil: Sie war nicht mehr nur die Anti-Euro-Partei. Sie war jetzt auch die Pro-Putin-Partei.

Kürzlich aber hat Lucke im Europaparlament für einen Antrag gestimmt, der ganz andere Töne anschlägt. Darin begrüßt das Parlament eine künftige Verschärfung der Sanktionen gegen Russland und "verurteilt die Aggression Russlands gegenüber der Krim als gravierenden völkerrechtlichen Verstoß". Auch Vize-Parteichef Hans-Olaf Henkel und zwei weitere Europaabgeordnete der AfD stimmten dafür.

Die Mitglieder in Deutschland toben. In Briefen, E-Mails und auf der Facebookseite der AfD fordern sie Lucke zum Rücktritt auf. Sie nennen ihn "Speichellecker", "Mitläufer" und "überbezahlten Sesselfurzer". Der rechtspopulistische Journalist Jürgen Elsässer, der von vielen AfD-Mitgliedern geschätzt wird, nennt Luckes Abstimmung in Brüssel "die größte Verarschung von Wählern und Mitgliedern, die man sich vorstellen kann".

Auch Gauland, der Vater der russlandfreundlichen Parteilinie, meldete sich zu Wort. Luckes Abstimmungsverhalten sei "völlig falsch" und "unloyal gegenüber der Parteibasis". Er warnte vor einer Spaltung der AfD. Der Shitstorm an der Basis wurde zur Krise im Führungszirkel. Gauland ist nicht nur außenpolitischer Sprecher der AfD. Er sitzt auch im Bundesvorstand.

Als Europaabgeordneter ist Lucke nur seinem Gewissen verpflichtet. Dass er Sanktionen gegen Russland befürwortet, ist sein gutes Recht – und ein Tritt in die Eingeweide seiner Partei, ein Angriff auf die Identität vieler ihrer Mitglieder. Die Partei ist Heimat von Menschen, die Nachrichten auf Russia Today als objektive Berichterstattung betrachten und die Tagesschau als Teil der westlichen Weltverschwörung. Menschen, die ein fundamentales Problem mit der Westbindung Deutschlands haben.