Berge von Papier müssen sie im Lauf ihres Berufslebens wälzen: die Servicetechniker, jene Fachleute, die Fabriken am Laufen halten, indem sie Maschinen in Betrieb nehmen, warten, wieder zum Laufen bringen. Und weil niemand Bedienungs- und Reparaturanleitungen auswendig lernt, gehört das Mitschleifen wackersteinschweren Schrifttums zum Schicksal dieses Berufsstandes.

In Zukunft könnten Servicetechniker auf das ganze Papier verzichten, zugunsten einer neuen Brille. Einer Brille allerdings, wie sie kein Optiker der Welt herstellen kann: Bis in die Bügel vollgestopft mit Sensoren, Kameras und Software, können industriell eingesetzte Datenbrillen über Funk oder Kabel die Verbindung mit einem Computer herstellen. Auf dem Rechner sind all die Anleitungen in digitaler Form gespeichert.

Müsste der Techniker sie sich Seite für Seite auf die Brillengläser projizieren lassen, wäre das viel unübersichtlicher, als schnell einen Aktenordner durchzublättern. Wird aber das Hightech-Gerät eingesetzt, um eine erweiterte Realität (Augmented Reality, kurz AR) zu erzeugen, dann geht es nicht mehr darum, Anleitungen zu lesen – sondern sich anleiten zu lassen.

Eine solche Brille hat das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern entwickelt. Sie ähnelt einer Kopflampe, wie ein Bergmann sie sich beim Einfahren vor die Stirn schnallt, und erhellend für ihren Träger ist auch sie. Denn wer das Gerät aufsetzt, kann plötzlich Maschinen reparieren, die er noch nie zuvor gesehen hat.

In einem Labor des DFKI steht – die Hightech-Brille auf der Nase – Nils Petersen, der die AR-Forschungsgruppe leitet. Kabel baumeln an seinen Schläfen herab, konzentriert blickt er auf eine Konstruktion aus Schrauben, Platten und Steckern. Reparieren, wie denn? Heillos verwirrend wirkt das von außen betrachtet. Doch Petersen kann es gar nicht misslingen, denn Schritt für Schritt leitet ihn die Brille durch die Reparatur.

Und das sieht so aus: In den Brillengläsern erscheint das Bauteil, das als nächstes bearbeitet werden soll, eine Schraube zum Beispiel. Stellt die Brille fest, dass Petersen auf den richtigen Punkt schaut, beginnt sich um die Schraube herum ein roter Pfeil gegen den Uhrzeigersinn zu drehen. Petersen soll also die Schraube lösen. Wenn er das gemacht hat, erscheint ein grünes Häkchen in seinen Brillengläsern: Aufgabe erfüllt, nächster Schritt.

Wer so eine Datenbrille trägt, hat beide Hände frei. Der Verzicht auf Papier erleichtert dann nicht nur die Anreise, sondern beschleunigt auch die Arbeit selbst. Für Didier Stricker, den Leiter des DFKI-Forschungsbereichs Erweiterte Realität, ist die Zukunft des Handbuchs virtuell. Tests hätten gezeigt, dass erfahrene Praktiker mit solcher Unterstützung zwischen 30 und 40 Prozent schneller solche Aufgaben erledigten, die sie vorher nicht geübt hatten. Parallel sei ihre Fehleranfälligkeit gesunken. "Augmented Reality hilft dem Servicetechniker in Situationen, in denen jeder Fehler lebensgefährlich ist, zum Beispiel in Energieanlagen", sagt Stricker. Typische Anwendungen lägen auch in der Ausbildung und im Training. Techniker, die neu in einem Unternehmen sind, könnten die Brille tragen, um ungewohnte Handgriffe einzuüben.

"Augmented-Reality-Handbücher werden nach und nach die gedruckten Handbücher ersetzen", sagt Ulrich Blockholt, der am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt die Abteilung Virtuelle und Erweiterte Realität leitet. Das liege daran, dass die Maschinen immer komplexer würden. "Die Fabriken wimmeln von Informationstechnik und Mechatronik. Für Wartungsaufgaben, die früher ein Werker durchgeführt hat, braucht man heute Techniker aus drei bis vier Ausbildungsberufen."

Noch sind Profi-Brillen, die industriellen Anforderungen genügen, nicht ausgereift oder sehr teuer. Gemeinsam mit der Telekom-Tochter T-Systems und dem europäischen Luftfahrtkonzern Airbus haben die Fraunhofer-Forscher eine App für Tablets und Smartphones entwickelt, die dem Servicetechniker die Wartung eines Flugzeugs erleichtern soll. Der Techniker läuft um das Flugzeug herum und filmt es. Diese realen Bilder werden dann digital angereichert. An manchen Stellen haften virtuelle Post-it-Notes, die signalisieren: Hier muss etwas getan werden.