Gerhard Besier, 66, geboren in Hessen, war für Sachsens Linke ein Vorzeige-Intellektueller. Der Historiker ("Der SED-Staat und die Kirche") hatte in Heidelberg gelehrt, ehe er in Dresden von 2003 bis 2007 das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung leitete. Er galt als Konservativer, daher überraschte seine Hinwendung zur Linken

DIE ZEIT: Herr Besier, Sie haben einen abenteuerlichen Selbstversuch hinter sich – als früherer Berater Helmut Kohls (CDU) wurden Sie vor fünf Jahren Landtagsabgeordneter der Linken in Sachsen. Jetzt sind Sie wieder aus der Partei ausgetreten. Was war Ihr Plan?

Gerhard Besier: Ursprünglich war ich neugierig. Mit Kohl habe ich über Politik ja immer nur diskutiert, habe von außen beobachtet. Dann bot sich mir im Jahr 2009 die Gelegenheit, selbst Politik zu machen. Das fand ich höchst interessant. Aber was ich innerhalb der vergangenen fünf Jahre über die Linke und über den politischen Betrieb in Sachsen erfahren habe, war ernüchternd.

ZEIT: Sie wollten daran mitarbeiten, dass es in Sachsen zu einem Machtwechsel kommt. Den wird es wohl nach der Landtagswahl am kommenden Sonntag wieder nicht geben. Ist die Linke am Erfolg der CDU in Sachsen selber schuld?

Besier: Wahrscheinlich ist das so. Die Linke in Sachsen, angeführt von Rico Gebhardt, wäre gar nicht in der Lage, die Regierung zu übernehmen. Was meinen Sie, warum Ministerpräsident Stanislaw Tillich einem öffentlichen Kandidatenduell mit Gebhardt zugestimmt hat? Weil Tillich wusste, dass er sich vor diesem Duell nicht fürchten muss. Martin Dulig von der SPD ist ein ganz anderes Kaliber. Gebhardt ist der schwache Chef einer vollkommen zerstrittenen Partei – die sich jedoch gar nicht helfen lassen will.

ZEIT: Was haben Sie erwartet? Dass die Linke einen bürgerlich-konservativen Professor wie Sie zum Spitzenkandidaten macht?

Besier: Das nicht, aber ich hatte mehr Professionalität erhofft. Was mich betrifft: Die Linke kam 2009 auf mich zu. Mir war wichtig, dass ich keinen Wahlkampf machen muss, sondern mich ganz auf die Arbeit in der Fraktion konzentrieren kann. Ich sollte Hochschulpolitischer Sprecher werden, das erschien mir attraktiv, ich arbeite schließlich seit Jahrzehnten als Hochschulprofessor.

ZEIT: Das erklärt nicht, warum jemand, der einst eine politische Nähe zu Helmut Kohl verspürt hat, sich dann in der Linken zu Hause fühlt.

Besier: Sie verharren noch in Schablonendenken, das nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Die Unterschiede zwischen den großen Parteien sind marginal. Die meisten, abgesehen von der FDP, vertreten ein sozialstaatliches Programm.

ZEIT: Wie haben die Linken Sie aufgenommen?

Besier: Rein fachlich konnte ich machen, was ich wollte. Was den Umgang miteinander betrifft, so gibt es in der Linken eine ausgeprägte Tätschel- und Schmusekultur. Diese Begrüßungszeremonien waren nicht so meins.

ZEIT: Dabei ist die Linke doch dafür bekannt, dass unter der Oberfläche der Hass brodelt, so heftig wie sonst in keiner Partei.

Besier: So ist es, und das war für mich schwer erträglich. Nur einen Tag nach der Landtagswahl 2009 – ich war erst ganz frisch dabei – rief mich Landeschef Rico Gebhardt an. Er wollte Fraktionschef werden und den bisherigen Amtsinhaber stürzen, einfach so. Das war eine lupenreine Intrige unmittelbar nach der Wahl. Ich habe mich nicht darauf eingelassen. Mich hat das fassungslos gemacht. Zunächst ist dieser Putschversuch gescheitert, aber Gebhardt hat nicht lockergelassen. In den Wochen danach holte er einen Abgeordneten nach dem anderen auf seine Seite. Später trat der damalige Fraktionschef freiwillig zurück, zum Ausgleich wurde ihm ein guter Listenplatz bei der Bundestagswahl versprochen. In der Linken herrscht ein andauernder Kampf: Jeder belauert jeden. Das habe ich meiner Fraktion auch mehrfach vorgeworfen. Ich sagte: "Ich war noch nie in einer Subkultur, in der es so intrigant zugeht wie hier. Noch mehr als einen Hochschulpolitischen Sprecher braucht ihr einen Psychotherapeuten." Keiner hat mir widersprochen.

ZEIT: Warum, glauben Sie, setzen sich Leute freiwillig einem solch denunziatorischen Klima aus, wie Sie es beschreiben?

Besier: Die meisten aktiven Linken haben nirgendwo sonst beruflich Fuß gefasst. Für sie ist es das Ziel aller Wünsche, Parlamentarier zu sein. Es ist die Alternative zu Hartz IV.