Yellowstone-Park, USA: Im Morgengrauen sind wir aufgebrochen, jetzt brennt die Mittagssonne. Seit Stunden sucht Nancy mit ihrem Fernglas den Horizont ab. Die ehemalige Biologielehrerin ist seit ihrer Pensionierung Ranger im Yellowstone-Park, sie kennt jeden Pfad. Die erfahrene Spurenleserin wird für die nächsten paar Tage unsere Führerin sein.

Plötzlich pfeift Nancy durch die Zähne und stochert mit einem Stock in einem dunkelbraunen Fladen herum, der auf der Wiese neben einem abgenagten Rentierknochen liegt. "Grizzlykot", ruft sie und strahlt. Ein paar Meter weiter zieht sie ein Büschel aus einem Dornenbusch. "Grizzlyhaare", sagt sie und drückt uns die drahtigen, braunen Fasern in die Hand, damit wir sie fühlen können.

Doch wo ist der dazugehörige Bär? Hunderte Bisons kreuzen unseren Weg. Dazwischen Elche, Rentiere, Gabelantilopen, Schwarzbären, Kojoten, sogar ein selten zu sehender Grauwolf. Es wimmelt von wilden Tieren, als wäre die Arche Noah hier im Yellowstone-Park gestrandet. Nur der Grizzly, der König der Rocky Mountains, ist nirgends zu sehen.

Seinetwegen sind wir in den weltberühmten Naturschutzpark gekommen. Denn über die Riesenbären im Norden der Vereinigten Staaten, die bis zu zweieinhalb Meter groß und bis zu 300 Kilo schwer werden, wird seit Jahren heftig gestritten. Wie davor bereits über die Bisons und die Grauwölfe. Es ist immer dasselbe Dilemma: Einst waren die Tiere vom Aussterben bedroht, vom Menschen beinah zugrunde gerichtet – weil er sie fürchtete und weil sie ihm im Weg oder als Fleisch- und Felllieferanten von Nutzen waren. Dann wurden sie vom Staat geschützt. Und jetzt sind es wieder so viele, dass es zu Zusammenstößen mit dem Menschen kommt. Bedürfen sie also keines besonderen Schutzes mehr? Ist eine geordnete Koexistenz mit den Menschen überhaupt noch möglich? Sollte man die Tiere gar wieder jagen dürfen?

Eines ist unbestritten: Im Yellowstone-Park leben wieder ziemlich viele Grizzlys. Vor 40 Jahren waren sie hier nahezu ausgestorben. In den gesamten Vereinigten Staaten gab es noch 600 von ihnen, zusammengedrängt auf einem verschwindend kleinen Bruchteil ihres ehemaligen Siedlungsgebiets. Und selbst dort waren sie nicht sicher. Um 1900 hatten südlich der kanadischen Grenze noch etwa 50.000 dieser Petze gelebt.

Wir haben Pfefferspray für den Notfall. Auf die Füße zielen, sagt die Rangerin

Darum wurden die Grizzlys, auch Graubären genannt, 1975 auf die Liste bedrohter Tierarten gesetzt. Später folgte gar ein absolutes Jagdverbot. Heute gibt es in den USA wieder fast 2.000 Grizzlys, knapp 800 davon im Yellowstone-Park. Der U. S. Fish and Wildlife Service (FWS), jene Bundesbehörde, die für das Wohl der Graubären zuständig ist, war darum schon vor sieben Jahren der Ansicht, der Bestand sei inzwischen ungefährdet, das Schutzziel erreicht. Noch in diesem Jahr will der FWS die Bären von der Liste streichen. Doch diverse Umweltverbände protestierten dagegen, riefen die Gerichte an und argumentierten, für eine derart weitreichende Entscheidung sei es noch zu früh, die Erfolgsgeschichte des Grizzlyschutzes drohe zunichte gemacht zu werden.

Wir schleppen uns in der Mittagshitze weiter den Hügel hinauf. Auf den satten Wiesen oberhalb des Lamar-Flusses wollen Parkwächter vor ein paar Tagen zwei Grizzlys gesichtet haben. Nancy spricht mit den Rangern, lässt sich Positionen durchgeben, doch weit und breit ist kein Grizzly zu sehen. Unsere Führerin scheint recht zu behalten. Wir könnten uns glücklich schätzen, hatte sie gesagt, wenn wir eine Spur entdeckten, der Graubär scheue die Menschen und sei darum schwer zu finden.

Trotzdem haben wir uns vorsichtshalber mit Pfefferspray bewaffnet. Mit dem Grizzly sei nicht zu spaßen, sagt Chris Colligan, Bärenexperte der Greater Yellowstone Coalition, die sich dafür einsetzt, dass die wilden Tiere ausreichend Lebensraum erhalten. Vor allem die Weibchen, sagt er, seien während der Aufzucht ihrer Jungen unberechenbar und äußerst aggressiv. Wohl auch deshalb wird der Grizzly, dessen Vorfahren vor 50.000 Jahren über die Beringstraße aus Asien nach Nordamerika einwanderten, auch Ursus arctos horribilis genannt: der schreckliche Bär.

In seiner beeindruckenden Dokumentation Grizzly Man erzählt der Filmemacher Werner Herzog die Geschichte eines sonderbaren Bärenfanatikers aus Kalifornien. 13 Sommer lang lebte Timothy Treadwell in Alaska mit einer Gruppe Grizzlys und glaubte, ihr Freund geworden zu sein. Doch eines Tages griff ein Bär ihn und seine Partnerin an, tötete sie beide.

"Falls ein Grizzly auftaucht", weist uns Nancy an, "zielt mit dem Pfefferspray auf seine Füße." Schnauze und Augen sind zwar die besten, weil empfindlichsten Ziele – aber in Panik leicht zu verfehlen.

Bislang lassen sich die Grizzlys nicht mal in sicherer Entfernung blicken. Nancy macht uns derweil zu Bärenexperten. Wir können jetzt Grizzlykot von Schwarzbärenkot, Elchkot und Bisonkot unterscheiden. Wir lernen, dass Graubären Allesfresser sind, sich aber im Yellowstone-Park wegen der vielen leicht zu erbeutenden Tiere überwiegend von Fleisch ernähren. Sie sind Einzelgänger und promisk, ein Wurf kann verschiedene Väter haben. Sie verschlafen den Winter und fressen sich vorher eine dicke Fettschicht an. Sie vermehren sich nur sehr langsam, weil Weibchen ihre Jungen mindestens zwei Jahre lang behüten und in dieser Zeit nicht wieder trächtig werden. Das passt den fortpflanzungshungrigen männlichen Bären überhaupt nicht, weshalb sie Jungtieren des Öfteren nach dem Leben trachten. Grizzlymütter wittern darum überall Gefahr.

Wir erfahren auch, dass der Yellowstone-Park, mit 9.000 Quadratkilometern etwa halb so groß wie die Niederlande, längst zu eng geworden ist. Einige Graubären haben ihn verlassen und streifen durch die Umgebung. Den Nachbarn des Parks, vor allem den Imkern und Viehzüchtern, ist das gar nicht recht, denn immer häufiger machen sich die Vielfraße über ihren Honig und über die Schafe, Hühner und Rinder her. Wie der FWS meinen deshalb auch die Landwirte, dass die Grizzlys nicht mehr besonders geschützt werden sollten.