Den Beruf zu wechseln, erfordert viel Mut.

"Ich bin erst mal hochgelaufen"

Schon mein Pädagogikstudium habe ich in nur drei Jahren durchgezogen. Ich war der Meinung, dass ich einen Vorteil habe, wenn ich besonders jung auf dem Arbeitsmarkt lande. Pragmatisch habe ich meine Praktika geplant, einen Freiwilligendienst in Nepal, mehrere Monate beim Goethe-Institut in Kalkutta. Das klingt gut im Lebenslauf. Ein richtig großes Ziel, auf das ich mit viel Herzblut hingearbeitet hätte, hatte ich jedoch nicht. Ich bin die Karriereleiter erst mal hochgelaufen – bis mir nach ein paar Berufsjahren plötzlich Zweifel kamen.

Bei einer großen deutschen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit bin ich 2008 als Praktikant eingestiegen. Aber ich dachte, wenn ich mich reinhänge, kann mehr daraus werden. Am Ende habe ich es tatsächlich geschafft, für eine Stelle als Juniorberater im Bereich Bildung ausgewählt zu werden. Zwei Jahre später wurde ich zum Berater befördert. Als mir ein Standortwechsel nach Bonn angeboten wurde, hat mir das noch mal einen enormen Schub gegeben: Ich wurde als Berater ins Entwicklungsministerium berufen – eine Stelle, die sonst nur langjährige Mitarbeiter bekamen. Mit Mitte zwanzig habe ich Reden für den Minister vorbereitet und internationale Konferenzen organisiert.

Was mich angetrieben hat, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall das Interesse an fremden Kulturen und mein Werteverständnis einer gerechten Welt. Vielleicht aber auch der Reiz, am Puls der politischen Macht zu sein? Prestige? Ich wollte sehen, was karrieretechnisch alles möglich ist. Das hat allerdings sehr viel Kraft gekostet. Ich war bald ziemlich am Anschlag.

Das Umdenken hat sich langsam angekündigt. 2011 wollte ich einen weiteren Karrieresprung machen, doch der hat nicht geklappt. Auf einmal kamen mir Zweifel. Vorher war die einzige Frage gewesen: Wie komme ich weiter? Jetzt dachte ich: Es geht nicht mehr voran, ist das wirklich das Richtige? Mir wurde immer klarer, dass ich langfristig etwas anderes machen möchte. Es war ein längerer Reifeprozess. Ein halbes Jahr lang war ich einfach nur frustriert. In dieser Zeit habe ich mich gefragt, was mich in den letzten Jahren eigentlich motiviert hat und worin meine besonderen Fähigkeiten bestehen. In diesen Monaten hat mir meine Freizeit viel gegeben: Ich war häufig klettern, habe Bergtouren mit Gruppen gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich weg vom Schreibtisch will – und einen pädagogischen Anspruch in meiner Arbeit suche. Ein konkretes Jobprofil hatte ich noch nicht vor Augen.

Vor einem halben Jahr, als mein Vertrag ohnehin auslief, habe ich die Entscheidung getroffen: Ich wage einen beruflichen Wechsel. Ich habe schon mit mir gerungen, es ist ja eine Komfortzone, aus der ich mich rausgelöst habe. Ich bereue aber nichts. Inzwischen habe ich eine Ausbildung als Tourenleiter für Bergsteigen und Klettertouren absolviert und werde nun sehen, wie ich das mit meiner bisherigen Arbeitserfahrung verbinden kann. Ich empfinde das nicht als 180-Grad-Wende. Aber diesmal will ich von Anfang an mehr auf mein eigenes Interesse achten.

Andreas Pfanzelt, 31, war sechs Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit.

"Wie ein Zahnrad in einer großen Maschine"

Mein Studienfach war schon zu Schulzeiten klar: Informatik. Rechner übten eine Faszination auf mich aus, ich wollte unbedingt wissen, wie sie funktionieren. In meine Karriere bin ich fast automatisch reingerutscht. Schon während meines Studiums habe ich nebenbei gearbeitet, um Unternehmen kennenzulernen. Ich war 2007 mit dem Studium fertig, einen Monat später begann ich meinen ersten Job als Consultant bei einer großen Unternehmensberatung. Nach zwei Jahren kam das Angebot, für einen Kunden in den USA zu arbeiten.

In den USA wurde mir bewusst, wie megastressig dieser Beruf ist: Unter der Woche musste ich lange beim Kunden bleiben, oft arbeitete ich am Wochenende. Auch meine Kollegen hatten kaum Privatleben. Die Gespräche drehten sich darum, wer das tollste Auto hat. Ich dachte immer öfter: Ich arbeite mich kaputt, und das alles nur dafür, dass ein Unternehmen seine Prozesse ein bisschen effektiver gestalten kann. Wie ein Zahnrad in einer großen Maschine – ist das wirklich das, was ich vom Leben will? Als mein Chef mir einen unbefristeten und gut bezahlten Vertrag anbot, schlug ich diesen aus.

Mehr Freiheit wollte ich in der Selbstständigkeit finden. Ich gründete mit einem Freund 2010 ein Start-up in Berlin, das eine Schnittstelle zu Börsenbrokern herstellt. Wir fanden rasch Investoren, bauten uns ein Team auf. Augenzwinkernd sagten wir uns, wir würden bald steinreich sein. Aus dem Höhenflug wurde aber schnell Stress. Abends, wenn alle gegangen waren, arbeitete ich oft noch weiter. Ich stand schon wieder unter Strom – und ein Privatleben hatte ich auch nicht. Als ich zwei Jahre später meine Freundin kennenlernte, nahmen die Zweifel am Job zu, da ich mehr Zeit mit ihr verbringen wollte. Es gab ja auch nicht die Aussicht, dass es irgendwann besser werden würde. Trotzdem fiel es mir schwer, die Reißleine zu ziehen. Der endgültige Bruch kam, als die weitere Finanzierung des Start-ups auf der Kippe stand. Ich bin in mich gegangen und musste zugeben: Ich kann nicht mehr.

Ich war im ersten Moment unheimlich froh. Ein Beigeschmack, aufgegeben zu haben, blieb. Momentan orientiere ich mich neu. Ich werde bald Vater, das verschiebt die Prioritäten: Am besten wäre ein Job, der Spaß macht und mir gleichzeitig Freiräume lässt. Auf jeden Fall bin ich zufriedener als noch vor zwei Jahren.

Ralph Oliver Delfs, 34, war drei Jahre lang Berater und drei Jahre selbstständig.