"Eine innere Leere machte sich breit"

Als DDR-Kind wuchs ich in einem System auf, das wenig Raum für Individualität ließ. Nach dem Abitur hatte ich daher kaum eine Vorstellung, wo es hingehen sollte. Das Fach "Recht" war mir in der Schule leicht gefallen. Daher beschloss ich: Jura ist erst einmal nicht verkehrt. Es ist handfest und bietet viele Entwicklungsmöglichkeiten. Also begann ich in Leipzig mein Jurastudium. Das erste Staatsexamen schloss ich als eine der Besten meines Jahrgangs ab. Danach zog ich ein Jahr mit Work & Travel durch Australien und Neuseeland. Eine geniale Zeit.

Als ich 2001 zurückkam, merkte ich, dass ich nicht sofort wieder Teil eines Systems werden wollte. Weil ich aber an mein bisheriges Studium und das bevorstehende Referendariat dachte, suchte ich nach einem Kompromiss. Drei Monate später saß ich im Flugzeug nach Kanada, wo ich ein halbes Jahr in einer Anwaltskanzlei arbeitete.

Die letzte Station meines Referendariats absolvierte ich in Hamburg bei einer deutschen Großkanzlei, die mich danach auch übernahm – ein super Sprungbrett. Im Berufsalltag war ich zuerst sehr motiviert, weil ich als junge Anwältin von den Top-Juristen viel lernen konnte. Doch nach einer Weile empfand ich alles als Routine. Außerdem fehlte mir die Zusammenarbeit im Team. Meine Wochen waren so durchgetaktet, dass für Reisen, Sport und Treffen mit Freunden kaum Zeit übrig blieb. Eine innere Leere machte sich in mir breit, ich merkte bald: Das kann nicht alles gewesen sein. Nach drei Jahren wagte ich einen Vorstoß: Ich fragte meinen Chef nach möglichen Teilzeitmodellen. Die Frage schien vor mir noch niemand gestellt zu haben. Eine Lösung in dieser Richtung gab es jedenfalls nicht.

Weil mir keine bessere Alternative einfiel und mich der Alltag gefangen hielt, arbeitete ich erst mal weiter. In der Zeit kam ein Freund von mir nach Hamburg, ein Psychologe, der sich ein Jahr Auszeit von seinem Beruf genommen hatte. Das fand ich ungewöhnlich und bewundernswert. Es arbeitete in mir, und eines Abends war mir glasklar: Ich muss aus diesem eintönigen Rhythmus raus, so schnell wie möglich. Mit 33 Jahren reichte ich meine Kündigung ein.

Ich wollte mich endlich in Ruhe mit einigen wichtigen Fragen befassen, zum Beispiel damit, für welche Themen mein Herz im Leben wirklich schlägt. Bald tauchte ich in die Start-up-Szene ein und zog nach Berlin. Mittlerweile habe ich mein erstes eigenes Start-up StorageBook gegründet, das Lagerräume lokalisiert. Letztes Jahr haben wir damit einen deutschlandweiten Wettbewerb gewonnen. Während ich mich früher eher an den Erwartungen anderer orientiert habe, lebe ich jetzt viel authentischer. Ich habe manchmal den Eindruck, dass mein vorheriges Leben die eigentliche Auszeit war.

Sandra Meyer, 37, ist Gründerin und Geschäftsführerin der Firma StorageBook.