Männer kochen keine Marmelade, so stand es kürzlich in der ZEIT, was eine Vielzahl von Leserbriefen auslöste. In derselben Ausgabe war von Krieg, Blut und Tod ringsum die Rede, was wiederum nur wenige Leser zum Schreiben animierte.

Muss uns das wundern?

Überhaupt nicht, ließe sich argumentieren. Dass das Unheil in der Welt ist, ist ja nichts Neues. Überraschend ist hingegen die Behauptung, Männer kochten keine Marmelade. Im Übrigen, wer einen Leserbrief über Marmelade absendet, dem müssen Krieg, Blut und Tod deswegen noch lange nicht gleichgültig sein.

Und dennoch. Dieser Tage geht die Mode um, sich für den guten Zweck Eiswasser über den Kopf zu gießen, vorher wurmte der Song Happy unsere Ohren, im Fernsehen gilt Promi Big Brother als Ereignis, und mittendrin in diesem Allotria treten freundliche Nachrichtensprecher auf und sagen etwas zur jüngsten Ausgeburt der Hölle namens IS. Oder über die Schrecken von Gaza. Oder über den Krieg mit den Russen am Ostrand Europas. Währenddessen erfreuen die großen Wochenblätter das Publikum mit Titeln wie Wann bin ich wirklich ich? (ZEIT), Liebe auf Rezept (Spiegel), Wahnsinn Pubertät (stern) und Fahrrad (Focus). Ist das noch normal?

Krieg und Tod anderswo zeigen uns, wie kostbar Frieden und Liebe sind

Die Diskrepanz zwischen weltpolitischem Drama und alltäglicher Komödie existiert nicht erst seit heute. "Die Engländer töten in Indien Tausende von Menschen, die genauso viel wert sind wie wir", sagt zum Beispiel eine Romanfigur Honoré de Balzacs, "aber haben Sie deswegen eine Tasse Kaffee weniger zum Frühstück getrunken?"

Mit dem Mitgefühl verhält es sich offenkundig wie mit den physikalischen Anziehungskräften, es nimmt mit der Entfernung ab.

Das hat Folgen für die Moral. Sie stellt zwar Forderungen an den Menschen; aber damit diese angemessen sind, dürfen sie seinem Empfinden nicht zuwiderlaufen und schon gar nicht sein Können übersteigen: Niemand kann ebenso viel Fernstenliebe aufbringen wie Nächstenliebe. Selbst an der hapert es ja oft schon.

Allerdings hat sich etwas verändert. Es ist lange her, dass fernes Leid abstraktes Leid bedeutete. Heute ist es konkret, individuell, es hat ein Gesicht. Die schreiende Mutter mit dem toten Kind erscheint in der Twitter-Timeline auf unserem Handy, der Kriegsflüchtling klopft an unsere Haustür, der fanatische Schlächter im Irak ist ein Rapper von nebenan. Auch das ist Globalisierung.

Distanz beruhigt, nur ist eben just dieser Schutz verschwunden und stattdessen der Alarmzustand auf Dauer gestellt. Das war die tiefere Bedeutung des war on terror . Mit den Kalifatfaschisten im Irak und in Syrien beginnt der Terror jetzt sogar, staatliche Gestalt anzunehmen, und nun führt er tatsächlich einen Krieg. Politisch bedeutet das Machtzuwachs der Exekutive, psychologisch bedeutet es Stress. Und dessen Folgen sind typischerweise Aggression oder Flucht.

In der deutschen Politik geht es zwar wenig aggressiv zu, dafür ist die Lage zu ernst und sind unsere Politiker zu vernünftig; wie zum Ausgleich aber tobt sich im Internet eine Wut auf Juden, Muslime, Ausländer, Politiker oder Journalisten aus, die nur noch psychologisch gedeutet werden kann, als Spannungsabbau. Neben diesen Ausbrüchen hingegen finden sich allerlei Nettigkeiten im Netz, fotografierte Abendessen beispielsweise, Katzen, Gärten, Autos: eine digitale Biedermeierkultur, in die man sich vor der Heillosigkeit da draußen zurückziehen kann.

Die paradoxe Reaktion, angesichts des großen Bösen das kleine Gute zu suchen, ist zutiefst menschlich und gewiss kein Anlass für Spott. Unangenehm sind eher solche Leute, die unausgesetzt vom Menschheitswohl reden oder Plakate hochhalten, im privaten Umgang hingegen wenig Achtsamkeit für andere zeigen.

Es gibt da eine lehrreiche Beobachtung: Wer Kriege, Attentate oder Revolutionen erlebt, dessen Empfinden stumpft entweder ab, was eine Form des Selbstschutzes ist – oder, ganz im Gegenteil, er entwickelt ein ganz besonderes Zartgefühl für den Mitmenschen. Vielleicht, weil die Seele aufgewühlt ist und daher empfindlicher, wer weiß das schon.