Irgendwann muss der Machthaber im Kreml die Geduld verloren haben. Jedenfalls schickt er an einem kalten Sonntag im Januar Soldaten und Panzer nach Vilnius, um dem Spuk der litauischen Unabhängigkeit ein Ende zu bereiten. Vierzehn Menschen sterben dabei, manche werden von russischen Panzern überrollt, es gibt mehr als tausend Verletzte.

Das ist keine Dystopie, keine düstere Vorausschau darauf, wo die aggressive Politik von Wladimir Putin noch enden könnte. Vielmehr fand der sogenannte Blutsonntag von Vilnius schon statt, vor dreiundzwanzig Jahren, und der Mann, der den Befehl dazu gab, die litauische Freiheitsbewegung niederzuwalzen, hieß Michail Gorbatschow. Ja, genau der Mann, der bis heute als bester Freund des Westens und Ermöglicher der deutschen Einheit gefeiert wird. Manch einer im politischen Berlin denkt dieser Tage daran zurück und fragt sich: Wenn schon ein Gorbatschow zu einer solchen Tat in der Lage war, was haben wir dann erst von einem Putin zu erwarten?

Die Frage erscheint allzu plausibel, weil der russische Präsident in Sachen Ukraine schon jetzt alles erreicht hat, was man vernünftigerweise von seiner "Vorneverteidigung" russischer Interessen erwarten kann. Die Annexion der Krim wird ihm der Westen völkerrechtlich nicht ratifizieren können, hingenommen hat er sie freilich schon; eine Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato ist auf absehbare Zeit ausgeschlossen; die Ukraine dürfte sich künftig zugleich mit der EU assoziieren und mit der russisch dominierten Zollunion; und auch ein föderaler ukrainischer Staat mit starken Selbstbestimmungsrechten der russischen Minderheit wird bereits vorgedacht. All das hat Putin schon, und er weiß es. Was also will er jetzt noch, warum hört er nicht auf, schwere Waffen in die Ostukraine zu schicken?

Darauf sagen die Optimisten, er könne eine militärische Niederlage seiner Separatisten aus Gründen der Gesichtswahrung nicht hinnehmen, müsse also ohne strategisches Ziel vorerst weitermachen.

Die Pessimisten denken dagegen, der Kremlchef habe eben doch ein strategisches Ziel, allerdings nicht die Schwächung und Destabilisierung der Ukraine, sondern: die Schwächung und Destabilisierung des Westens insgesamt, speziell der Nato.

Der Westen – so schwach wie nie zuvor

Dass konkurrierende Mächte in diesen Tagen auf solch eine Idee kommen können, verwundert kaum. Denn die USA und Europa befinden sich in einer tiefen internationalen Orientierungskrise. In den westlichen Hauptstädten ist die strategische Verunsicherung mit Händen zu greifen, die dreifache Krise – in der Ukraine, im gesamten arabischen Raum und wieder mal in Nahost – überfordert: mental, politisch und militärisch. All das ist allzu offenkundig; jeder Versuch, es zu leugnen, um die Gegner nicht noch weiter zu ermutigen, scheint sinnlos. Jetzt muss man anfangen, der Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn die Konflikte derweil in hohem Tempo weitergehen. Nicht zuletzt Putins ideologischer und militärischer Großangriff, der vielleicht tatsächlich den Westen ins Wanken bringen soll.

Den Westen ins Wanken bringen? Wie das? Hier spielt wieder das Baltikum, die Achillesferse der Nato mit seiner starken russischen Minderheit, eine große Rolle. Angenommen, die russische Führung würde das ukrainische Szenario auch dort anwenden – russische Minderheit ruft nach Hilfe, Soldaten ohne Hoheitsabzeichen tauchen auf, ebenso russisches Kriegsgerät, dann Bürgerkrieg et cetera –, was könnte der Westen dann tun?

Nicht viel. Das Baltikum ist militärisch kaum zu verteidigen, höchstens zurückzuerobern. (Es sei denn, man würde so viele westliche Soldaten und so schwere Waffen dort stationieren, dass Russland sich provoziert fühlen dürfte und die Nato als Aggressor dastünde.) Eine Rückeroberung des Baltikums würde allerdings bedeuten, dass sich Nato und Russland direkt bekriegten, wodurch sofort die Gefahr der nuklearen Eskalation entstünde. Die Älteren unter uns, also vermutlich auch Wladimir Putin, erinnern sich noch an eine Grundregel der atomaren Konfrontation, die da lautet: Der Irrere ist der Stärkere. Sie besagt, dass in einem solchen Konflikt derjenige die Dominanz gewinnt, dem man zutraut, zu größeren Opfern bereit zu sein, und der willens und verrückt genug ist, die je nächste Stufe der Eskalation zu erklimmen. Das wird die Nato nicht sein, der Westen ist nicht verrückt, nicht mal der Nato-Generalsekretär ist es. Wenn nun aber der Westen am äußersten Rand seines Territoriums, dem Baltikum, angegriffen wird und eine militärische Konfrontation mit Russland aus guten Gründen scheut, dann, so die deutsche Verteidigungsministerin in der ZEIT von letzter Woche, "ist die Nato tot". Ursula von der Leyen spricht hier mit der Offenheit des außenpolitischen Neulings von etwas, wovon andere nur munkeln: von der neuen Verwundbarkeit des Westens.