Die Lenin-Statue in Schwerin © John MacDougall/AFP/Getty Images

Überall ist der Lenin weg. In Berlin haben sie ihn im Köpenicker Forst verbuddelt. In Potsdam wurde er vom Sockel gerissen. Dresden hat ihn an einen niederländischen Sammler verschenkt. In Halle-Neustadt hat man dort, wo er einst stand, gar ein Einkaufszentrum hingesetzt.

Die DDR war übersät mit Denkmälern, die an Lenin, den Gründer der Sowjetunion, erinnern sollten. Mit dem SED-Staat verschwanden auch die Mahnmale. Aber nicht alle.

In Schwerin nämlich blickt der Lenin noch immer über die Hamburger Allee, er steht dort seit 1985 in einem Plattenbauviertel namens Großer Dreesch. Schwerins Lenin ist imposant. 3,50 Meter hoch, breitbeinig, die Hände in den Manteltaschen. Drumherum sieht es aus wie in den Kulissen von Good Bye, Lenin! Das war 2003 jener Film über Mauerfall und Mutterliebe, in dem der steinerne Sowjetführer am Ende vom Hubschrauber weggeflogen wird.

Aber Schwerins Lenin wurde nicht weggeschafft. Er steht. Inzwischen ist heftiger Streit entbrannt um die Frage, ob er stehen bleiben darf. Es geht dabei um Geschichtspolitik. Um Symbolpolitik. Und auch darum, ob eine Stadt im 25. Jahr der Einheit nicht etwas souveräner mit ihrem DDR-Erbe umgehen kann. Ob man den Lenin nun, da er schon ein Vierteljahrhundert Kapitalismus überlebt hat, nicht einfach lassen kann, wo er ist.

"Warum sollten wir defensiv mit unserem kulturellen Erbe umgehen?", fragt Angelika Gramkow. Die Linke ist Schwerins Oberbürgermeisterin. Ihre Parteizugehörigkeit sei aber in dieser Frage nicht erheblich. "Lenin hat auch die Oberbürgermeister von SPD und CDU überlebt." Warum ist der Lenin in ihrer Stadt erhalten geblieben, bis heute? Ein bisschen Dickköpfigkeit habe wohl eine Rolle gespielt. Die sei in Mecklenburg eben besonders ausgeprägt. Gramkow, 55, ist die prominenteste Verteidigerin der Lenin-Statue. Sie trat 1978 in die SED ein, war in der FDJ-Kreisleitung aktiv, studierte Wirtschaftswissenschaften in Leipzig und arbeitete als Lehrerin in Schwerin. Sie sagt: "Ich hatte mich damals schon mit Stalinismus auseinandergesetzt. Ich wusste von Repressalien und Gulag." Sie sagt aber trotzdem: "Ich habe das System in der DDR nicht infrage gestellt." Lenin gehört für sie zur DDR-Geschichte. "Er war nicht für den Zweiten Weltkrieg und die Teilung Deutschlands verantwortlich." Es könne nicht sein, dass alle DDR-Straßennamen geändert, alle Denkmäler geschleift würden. "Die Diskussion wiederholt sich seit den Neunzigern. Da mache ich nicht mit", sagt Gramkow. "Lenin ist auszuhalten."

Ist er das? Gegner bewerfen die Statue inzwischen regelmäßig mit Farbbeuteln, Sympathisanten pinseln "Lenin bleibt!" in großen Lettern auf den davorliegenden Bürgersteig. An dem einen Tag wird der Kommunistenführer besudelt, am nächsten Tag gesäubert.

Vor ein paar Jahren hätte es fast geklappt mit dem Plan, Lenin zu entsorgen. Ein Stadtratsbeschluss sollte die Wende bringen. Am Ende fehlten zwei Stimmen. "Zwei von der CDU", erinnert sich der damalige Initiator Christoph Priesemann, Stadtverordneter von der FDP. Priesemanns Vater war 1950 auf der Straße verhaftet, nach Moskau verschleppt und später erschossen worden. Weil Stadtrat Priesemann in der DDR selbst Lehrer war, hätten die Linken im Stadtrat geflucht: So schlecht sei es ihm doch im SED-Staat nicht ergangen! Man habe ihn für einen Nestbeschmutzer gehalten, sagt Priesemann. Aber er bleibe dabei: Weg mit Lenin!

Unterstützung erhält er von Klaus Schroeder, Politikwissenschaftler an der FU Berlin. "Lenin war ein Massenmörder", sagt Schroeder. "Es gibt null Gründe für eine Statue." Was also tun mit dem Monument, Herr Schroeder? "Mit dem Presslufthammer ran."

Tatsächlich geht es dem Mahnmal mittlerweile öfter an den Kragen. Am 17. Juni, dem Jahrestag des Volksaufstandes von 1953, wurde Lenins Kopf mit einem Tuch verhüllt. "Eine Provokation" sollte das sein, sagt Alexander Bauersfeld. Bauersfeld saß zu DDR-Zeiten anderthalb Jahre in Haft, weil er kirchliche Friedensarbeit geleistet hatte. Seine Lenin-Verhüllung wollte die Stadt ihm verbieten, er musste bis vors Landesverwaltungsgericht ziehen. Die Stadt hatte die Genehmigung zuvor abgelehnt. Eine Begründung: Teilnehmer könnten beim Hinaufklettern von der Leiter stürzen. Bauersfeld gewann. Gebracht hat die Aktion bislang nichts. Der Lenin steht.