Nationalmannschaft - Miroslav Klose im Zeitraffer

Man muss an diesen Salto denken, diesen legendären Überschlag, den Miroslav Klose nach seinen Toren für die Nationalmannschaft zelebrierte. Eigentlich hat er diese Luftrollen nur für seine Familie gemacht, und doch verzückte er mit dieser besonderen Art der Freude Millionen von Zuschauern am Fernseher. Kinder versuchten, ihrem Idol nachzueifern. Das war das Letzte, was er wollte, Verletzungen verursachen. Deshalb verzichtete er eine Zeit lang auf seinen Freudensprung.

Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien wirbelte er dann doch noch mal durch die Luft. Es war die 71. Minute im WM-Vorrundenspiel gegen Ghana: Benedikt Höwedes verlängerte einen Eckball per Kopf auf den langen Pfosten, und Klose, kurz zuvor eingewechselt, drückte den Ball aus kurzer Entfernung zum 2 : 2-Endstand über die Linie. Er nahm Schwung und sprang ab. In diesem Moment erkannte man, dass sein Körper nicht mehr so federte. Er konnte die Drehung gerade noch so beenden, dann verlor er den Halt. Es wird der letzte Salto Kloses im DFB-Dress gewesen sein, denn er hat sich entschieden, aus der Nationalmannschaft zurückzutreten. Nächsten Mittwoch wird er gemeinsam mit Philipp Lahm und Per Mertesacker am Rande des Freundschaftsspiels gegen Argentinien vom Deutschen Fußballbund in Düsseldorf verabschiedet.

DIE ZEIT: Warum gehen Sie gerade jetzt?

Miroslav Klose: Eigentlich wollte ich so lange spielen, bis mein Körper die Belastung nicht mehr aushält.

ZEIT: Aber?

Klose: Nach dem Sieg in Brasilien wurde mir klar, dass es besser ist, zu gehen, bevor die Physis irgendwann nachlässt und mir die Jungs wegrennen.

ZEIT: Wie geht es Ihnen mit der Entscheidung?

Klose: Ein bisschen mulmig ist mir schon bei der Vorstellung, nur noch von der Tribüne aus zuzuschauen. Das Loslassen fällt mir nicht leicht. Aber vielleicht kann ich die Situation ja nutzen, um der nachfolgenden Generation noch etwas mit auf den Weg zu geben.

Es war spannend, die deutsche Mannschaft in Brasilien bis hin zum Titelgewinn zu beobachten. Aber was seit dem Finale von Rio geschieht, ist nicht minder entscheidend. Auf den ersten Blick beenden nahezu zeitgleich mit Klose zwei weitere erfolgreiche Spieler ihre Karriere. Jeder von ihnen hat ein persönliches Motiv: Per Mertesacker sehnt sich nach Zeit mit seiner Familie, seine Frau hat gerade das zweite Kind bekommen. Philipp Lahm möchte sich nun ausschließlich auf sein Lebensprojekt, den FC Bayern München, konzentrieren. Alle drei Spieler verbindet der Wunsch nach Selbstbestimmung. Aber da ist noch mehr: Sie alle haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen, nicht zuletzt weil sie Teil des Mannschaftsrats der DFB-Elf waren. Deshalb ist es nicht überraschend, dass sie ihrem Rücktritt nun einen Sinn geben wollen. Lahm hat es schon angedeutet: Jetzt muss die nächste Generation Verantwortung übernehmen, schrieb er in der ZEIT (Nr. 31/14). Klose wird nun noch konkreter.

Klose: Um die Entwicklung der Jungs auf dem Platz mache ich mir keine Sorgen.

ZEIT: Es heißt, Deutschland habe ein Stürmerproblem?

Klose: Das ist Quatsch. Deutschland hat kein Problem im Sturm. Mario Gomez wird zurückkehren und kann meine Position eins zu eins einnehmen. Mario Götze und Thomas Müller werden mit ihrem außergewöhnlichen Talent die Mannschaft noch Jahre prägen. Jogi Löw kann im Angriff wunderbar variieren.

ZEIT: Worum geht es Ihnen denn?

Klose: Das, was ich meine, geht tiefer. Die jungen Spieler bewegen sich heute bereits mit 21 Jahren so sicher in der Fußballwelt, im Vergleich zu ihnen bin ich damals noch orientierungslos umhergegeistert. Sie lernen nicht nur jede taktische Finesse in den Ausbildungszentren, sie schauen sich auch Verhaltensmuster ab, die anscheinend zum Erfolg führen.