Die säuerliche Note von vergorenem Gras hängt in der Luft. Es ist der Geruch von Pandahäufchen. Überall liegen sie zwischen Bambusresten auf dem Boden der vergitterten Betonzelle. Mit einem Plastikbesen fege ich sie auf ein verbeultes Kehrblech und schaufele sie in einen Eimer. Versuche, dabei so flach wie möglich zu atmen. Ob der Geruch sich je wieder aus meinen Haaren waschen lässt?

Ich bin im Pandazentrum von Bifengxia in der südchinesischen Provinz Sichuan. In dem staatlichen Reservat können Freiwillige ein paar Tage lang als Hilfspfleger für Pandabären anheuern. Der Große Katzenbär, wie er auf Chinesisch heißt, ist in aller Welt beliebt. Mit dem runden Kopf und den schwarzen Flecken, die seine Augen riesengroß wirken lassen, entspricht er eindeutig dem Kindchenschema. Dazu ist er ein Symbol für die Verletzlichkeit der Schöpfung – etwa 1.600 wild lebende Exemplare gibt es noch, und zwar ausschließlich in China.

Für viele Touristen gehört der Panda daher unbedingt zu einer Reise in die Volksrepublik. Im Internet kursieren Tipps, in welchen Parks man für mehrere Hundert Dollar ein paar Minuten lang ein Bärenkind im Arm halten darf. Auch ich wollte ein paar Pandas aus nächster Nähe sehen. Das Reservat, das ich gewählt habe, ist eher klein. 65 Bären leben darin. Hier kann man keine Babys streicheln – aber mit eigenen Händen helfen, Pandas zu schützen. Hieß es zumindest in der Ausschreibung.

Nach meiner Ankunft steckt man mich in einen grün verwaschenen Arbeitsoverall, Größe XXXL. Offenbar die Standardgröße für Langnasen. Dann eile ich zu einem Käfigtrakt, einem L-förmigen Ensemble aus einstöckigen Betonbauten. Auf dem Hof davor empfängt mich der stämmige Meister Chen, mein Vorgesetzter, und mustert mich skeptisch. Wortlos reicht er mir ein Paar orangefarbene Plastikhandschuhe und weist mit einem bellenden Laut auf den ersten Käfig. Ich beschließe, erst mal einen guten Eindruck zu machen, und fange unter Meister Chens ausdruckslosem Blick an, Häufchen wegzufegen.

Auf einmal verändert sich das Licht in der düsteren Bude. An der vergitterten Luke zum Außengehege taucht ein nasser Pelzberg auf. Es ist die Pandabärin Na Na, die in ihren Käfig will. Wenn nicht gerade geputzt oder gefüttert wird, können die Pandas sich frei zwischen Außengehege und Käfig bewegen. Vorsichtig gehe ich in die Hocke. Das schwarz-weiße Fell kenne ich von so vielen Bildern, Strampelanzügen und Stofftieren, dass es mir an der echten Bärin wie ein Kostüm vorkommt. Merkwürdig beseelt blicken ihre kleinen Äuglein mit der braunen Iris. Kaum dreißig Zentimeter sind zwischen uns. Mit einer Art Fauchen unterbricht Meister Chen die Begegnung und scheucht mich in den nächsten Käfig.

Als ich den ohne weitere Begegnung gefegt habe, ist es Zeit für die Mittagspause. Zeit, mir den Park anzusehen. Auf schmalen, stufigen Wegen spaziere ich über das 400 Hektar große hügelige Gelände. Mehrere Käfigtrakte sind darauf verteilt, umgeben von baumbestandenen Gehegen, die von stockfleckigen Betonmauern umgrenzt sind. Überall wuchert üppiges Grün – Farne, Bambusse und Sträucher wie in einem Märchenwald.

Jungbären im Pandazentrum von Bifengxia, September 2013 © REUTERS/China Daily

Das Reservat ist der höchste Punkt einer regenreichen Berglandschaft, der Bifengxia-Schlucht. Sie zählt zur ursprünglichen Heimat der Bären. Einst lebten viele wild im Süden und Osten von China, im Norden Myanmars und Vietnams und ernährten sich von Bambus. Ungefähr alle 60 Jahre blühen die Wälder, danach sterben die Pflanzen ab. Früher zogen die Pandas dann weiter in den nächsten Hain. Das Nomadentum wurde jedoch zunehmend schwierig, weil der Mensch immer mehr Wälder abholzte – und immer mehr Siedlungen baute, die für die Bären unüberwindbar waren. In Sichuan blühten und starben zudem in den 1980er Jahren besonders viele Wälder gleichzeitig. Die Zufluchtsorte der Bären wurden immer weniger. Viele verhungerten, die verbliebenen lebten dicht gedrängt, sodass sich Krankheiten ausbreiteten, und weitere starben – und unter den übrigen kam es zur Inzucht. Seit 1992 betreibt China daher in Kooperation mit dem WWF ein Schutzprogramm. Heute gibt es rund 60 Reservate.

Die Bifengxia Panda Base wurde 2003 angelegt – vor allem für Jungtiere und ältere Bären, die nicht mehr im Zuchtprogramm eingesetzt werden. Auch die "Austauschschüler" wohnen hier. So nennt man in China die Bären, die auf befristete Zeit und gegen Gebühr an ausländische Zoos ausgeliehen wurden: Jeder Panda, der irgendwo auf der Welt in einem Tierpark lebt, gehört der Volksrepublik. Selbst Jungtiere, die in der Fremde geboren werden, sind chinesischer Besitz.

Auf meinem Spaziergang durch den Park sehe ich von Weitem dicke Menschentrauben vor einem Außengehege. Es gehört zum Pandakindergarten, in dem die Jungtiere wohnen. Eines hat sich bis in die Spitze eines Baumes gewagt. Hilflos wogt es im Geäst und traut sich nicht herunter. Bei jedem Zappeln jauchzen die Besucher. Zwei andere Bärchen beißen einander gerade in die Ohren. All die spielenden Teddys sind eigentlich verstoßene Kinder: Bis zu drei Junge kann eine Bärin pro Wurf bekommen, doch nur eines nimmt sie an. Jedes weitere würde sie zu viel Kraft kosten. Die übrigen Jungen werden hier mit der Flasche aufgezogen. Leider nicht von ausländischen Hilfspflegerinnen.

Am Nachmittag kauert vor Na Nas Käfig eine junge Chinesin. Sie sei Studentin und "wissenschaftliche Praktikantin", gibt sie schüchtern Auskunft. In der einen Hand hält sie eine Tafel, auf die ein Stück Papier mit schwarz-weißem Farbverlauf geklebt ist, in der anderen ein Stäbchen, mit dem sie darauf hin und her zeigt. So solle sie herausfinden, ob die Bärin auf Helligkeitsunterschiede reagiert, sagt die Frau. Weitere Erklärungen sind nicht aus ihr herauszubekommen.