Der Schriftsteller Thomas Hettche kämpft um seine Literatur. Er begründet sie, erklärt sie, verteidigt sie, und er kann dabei richtig ärgerlich werden. Das hat damit zu tun, dass man ihn nach seinen ersten Büchern Ende der achtziger Jahre zu einem avantgardistischen Poeta doctus ernannt hat und seine Romane wie Ludwig muss sterben und Nox zu intellektuellen Exerzitien in narrativer Verkleidung. Das passte ihm nicht. Er wollte ein richtiger Erzähler sein. Doch bekanntlich lassen sich Klugheit und Einsicht auf Dauer nicht verstecken. Und so kam es zu der schönen Entwicklung, dass Hettches Stoffe und Romanhandlungen immer populärer wurden, aber gleichzeitig seine dramaturgische und stilistische Arbeit die intellektuelle Ambition und Lust völlig in sich aufnahm. Hettche schreibt erzählerische Essays, die zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat, etwa in seinem vorletzten Buch Totenberg. Und er hat jetzt einen Roman geschrieben, der den kulturgeschichtlichen Essay nahtlos mit dem historischen Roman und einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte zu verbinden weiß.

Er heißt Pfaueninsel, spielt auf ebendiesem verwunschen-bizarren Eiland in der Havel zwischen Berlin und Potsdam, jenem preußischen Arkadien, an dem die Preußenherrscher bis zu Friedrich Wilhelm III. und ihre großen Künstler wie Peter Joseph Lenné und Karl Friedrich Schinkel gebaut haben. Doch nichts wird von diesem aufgemöbelten Paradies erzählt, von seinen exotischen Pflanzen, wilden Tieren und exzentrischen Architekturen, was nicht zugleich vom Stand der historischen Zeit und vom Stand der tragischen Liebesgeschichte kündet, die das Gerüst des Romans oder – wir befinden uns schließlich in einem Landschaftsgarten – seine wesentliche Sichtachse darstellt.

Es ist die Liebesgeschichte einer Zwergin namens Marie, die als Waise im Alter von sechs Jahren samt Zwergenbruder Christian auf die Insel kommt, mit Gustav, dem Neffen des Hofgärtners, der mit ihr aufwächst, sie immer schon liebt, von ihr geliebt wird, aber nicht mit ihr zusammen sein kann, weil ihre Kleinheit, ihre krummen Beine, platte Nase, dicker Steiß, hohe Stirn sie nach und nach zu einer anderen machen, einer Fremden aus einer anderen Welt, die auch über die Liebe nicht mehr integrierbar ist in das Gefühlsleben des vernünftigen, erfolgreichen Mannes und nicht integrierbar ins immer vernünftiger werdende Zeitalter selbst, das beginnende Maschinenzeitalter.

Wir erleben, weitgehend aus der Perspektive Maries, die Jahre 1810 bis 1880 mit, als wissenschaftliche Entdeckungen auch sogleich implementiert werden – vom Wasserpumpwerk über die Elektrizität bis zur Eisenbahn. Und hier wie dort schwindet der Platz für Abweichung und Exzentrik. Es entsteht der Freak. Unregelmäßigkeiten werden zu Unnatürlichkeiten, für klassifizierende Botaniker ebenso wie für die beginnende Genetik. Hettche verweist gelegentlich zurück in die Zeit des Barock, als das Absonderliche noch mit Staunen und Interesse rechnen konnte, oder weiter zurück ins Mittelalter, als der Zwerg noch seinem Gegenpol, dem König, nahe war, oder noch weiter ins Reich der Sage und des Märchens, als die Zwerge als Hüter des Feuers und der Erze zum Inneren der Erde gehörten. Selbst Marie und Christian sehen wir im Roman zum ersten Mal inmitten des Wurzelwerks eines großen Baumes am Havelufer, bedeckt von einem Schutzdach aus Grassoden. So inzestuös geborgen werden sie nicht bleiben. "Monster" wird man sie nennen, und das wird ihr Leben in ewigen Aufruhr bringen. Es ist die Schönheit selbst, die so spricht, das Maß aller Dinge.

Der Roman setzt ein mit dem Besuch der schönsten aller Preußentöchter, Luise: "Die junge Königin stand einen Moment lang einfach da und wartete, dass ihre Augen sich an das Halbdunkel des Waldes gewöhnten." Ebendort wird sie den hässlichen Zwerg Christian entdecken. Und er endet mit einem Besuch der alten Marie, die ihr Zwergenleben lang niemals die Insel verlassen hatte, im industrialisierten Berlin, im "Feuerland", heute das Gebiet um die Chausseestraße in Mitte, wo Borsig die ersten Lokomotiven baute. Eine Sensation für Marie, aber auch für uns Leser, die wir ganz verstrickt sind in gärtnerische und botanische Fragen wie die nach den Bodenbedingungen für die neu gezüchtete blaue Hortensie, und ob sie als natürliche Entsprechung zur romantischen blauen Blume taugt. Mit Marie stolpern wir also aus der natur- und kunstschönen Architektur- und Gartenbau-Enklave Pfaueninsel in die Großstadt. Es bietet sich ein wahrhaft monströses Bild von Rauch und Feuer und Fabrikmauern, und wir werden heimlich daran erinnert, dass die Förderung von Erzen und deren Verarbeitung in alter Zeit Sache der Zwerge war. Das Zeitalter ist monströs geworden.

Das Monströse ist denn auch ein Leitmotiv des ganzen Romans. Und wie Hettche dies einfädelt und durchhält und auf alle Schichten des Romans verteilt, auf das Sexuelle, die Architektur, den Gartenbau, das macht seine Kunst der Amalgamierung, der inneren Verschmelzung aller Teile aus. Wir können nicht von Pflanzenformen lesen, ohne zugleich in die Seele Gustavs oder Maries zu schauen. Und wir können kein lautes Lachen des faunischen und genital hochaktiven kleinen Christian hören, ohne die Schwüle des Treibhauses, die Exotik der Palmen und den Schauwert der wilden Tiere zu spüren. Das prunkende Schreiten und das heisere Schreien der Pfauen, das Blöken der Böcke und all das Gewese der Menschenfreaks und exotischen Tiere erzählen immer auch vom Stand der Zoologie, der öffentlichen Neugier, der kulturellen Formung der Wahrnehmung überhaupt. Gelegentlich berühren sich die getrennten Sphären schlicht und ergreifend auf der Handlungsebene: Marie, liebeskrank den Bauch des einsamen Löwen streichelnd; Christian in der Hose aus Schaffell, einen Ziegenbock am roten Seidenband führend.