Wäre die "Alternative für Deutschland" ein Koalitionspartner für Sachsens CDU-Chef Stanislaw Tillich, 55, den amtierenden und – ziemlich sicher – auch künftigen Ministerpräsidenten?

Was für ein absurder Gedanke.

Sachsens AfD, das ist doch die Partei, die im Wahlkampf mit Slogans wirbt, die so oder ähnlich auch die NPD verwendet. Zum Beispiel: "Sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität".

Sachsens AfD, das ist doch die Partei, deren Spitzenleute sich reihenweise als Rechtsaußen entpuppt haben: zuletzt der stellvertretende Landeschef Thomas Hartung, der auf Facebook einen Mann mit Downsyndrom übel beleidigte und erst auf äußeren Druck hin zurücktrat.

Sachsens AfD, das ist auch die Partei, von deren Landtagskandidaten einer kürzlich den österreichischen Rechtsaußen Andreas Mölzer als Redner einlud; jenen Mann, der die EU als "Negerkonglomerat" bezeichnet hat.

Mit dieser AfD zu koalieren – für Stanislaw Tillich, einen Politiker der Mitte, der die Bürger vereinen will und nicht spalten; einen Politiker aus der ostdeutschen Grenzregion, der fließend Polnisch und Tschechisch spricht – für so einen Politiker ist eine Koalition mit der AfD undenkbar. Könnte man meinen.

Denn dieser Stanislaw Tillich hat eine Koalition mit der AfD nach der Wahl eben nicht ausgeschlossen. Die Frage, wie er’s mit der AfD halten will, lässt er betont unbeantwortet – bis heute. Man hört von ihm lapidare Sätze wie jenen, den er zu Beginn des Wahlkampfs der ZEIT sagte: "Linke und NPD schließen wir aus, alles andere wartet bis nach der Wahl." In Dutzenden Variationen wiederholte er das inzwischen, mal etwas distanzierter, mal etwas weniger distanziert. Es gibt keinen zweiten CDU-Politiker seines Ranges, der im Umgang mit der AfD derart taktiert. Tillich wolle sich offenbar mit "Deutschnationalen" einlassen, schimpfte zu Wochenbeginn SPD-Chef Sigmar Gabriel. In jedem Fall spielt Tillich mit dem Feuer.

Die AfD liegt in den Umfragen bei bis zu acht Prozent, viele ihrer Wähler gehören eigentlich zum Milieu der CDU, aber der Ministerpräsident hat es versäumt, sie durch eine klare Haltung und gute Argumente zurückzugewinnen.

Dabei ist es tatsächlich sehr unwahrscheinlich, dass Tillich die AfD nach der Wahl zur Regierungspartei macht. Weil ihm politische Experimente suspekt sind; weil er nichts mehr scheut als die Aufregung, die dann erst recht in den Medien und in seiner Partei entstünde. Tillich ist keiner, der gern Wagnisse eingeht. Und es wäre ein Wagnis, einen einstimmigen Präsidiumsbeschluss der Bundes-CDU zu ignorieren, wonach mit der AfD nicht zu koalieren sei. Tillich hat diesen Beschluss mit gefällt. Dass er ein Bündnis mit der AfD nicht ausschließt, hat vor allem strategische Gründe.

Tillich meint diese Partei als Drohmittel zu benötigen – falls die FDP wirklich aus Sachsens Landtag fliegen sollte (was wahrscheinlich ist) und es für Schwarz-Grün keine rechnerische Mehrheit geben sollte (was nicht unwahrscheinlich ist). Kurzum: Tillich hat Angst, erpressbar zu sein, wenn die einzige Partei, die nach dem Wahlsonntag als Partnerin infrage kommt, die SPD sein sollte. Er will die SPD dann wenigstens noch mit Hinweis auf die AfD in Schach halten können.

Das klingt taktisch gewieft. Aber es ist demokratietheoretisch töricht.

Tillich wertet die AfD damit in einer Weise auf, wie das bislang in keinem Bundesland passiert ist. Gerade weil Tillich in seinem Land beste Zustimmungswerte hat – fast zwei Drittel der Sachsen würden für ihn stimmen, falls man den Ministerpräsidenten direkt wählen könnte –, ist sein Spiel so gefährlich. Tillich erweckt den Eindruck: Mit der AfD kann man reden. Die AfD ist eine Option. Damit treibt er ihr letztlich Wähler zu.