DIE ZEIT: Herr Bertram, Sie bezeichnen die heute 30- bis 45-Jährigen als "überforderte Generation". Sind wir eine Gesellschaft von Weicheiern?

Hans Bertram: Nein. Die Berufstätigen von heute haben viel weniger Zeit für sich, als ihre Eltern früher hatten. Sie schlafen weniger, essen schneller, sie nehmen sich sogar weniger Zeit für die Körperpflege. Die überforderte Generation fühlt sich ständig unter Zeitdruck. Vor allem für Familien ist es viel schwerer geworden, den Alltag zu managen.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Bertram: Die Männer der Nachkriegsgeneration haben im Schnitt noch 48 Stunden pro Woche gearbeitet. Das war allerdings auch die gesamte Zeit, die eine Familie der Arbeitswelt zur Verfügung stellte. Heute beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit einer verheirateten Mutter mit ein bis zwei Kindern etwa 30 Stunden. Der Ehemann arbeitet im Schnitt 42 Stunden. Die von Ihnen als Weicheier bezeichneten Menschen sind also gemeinsam 72 Stunden berufstätig. Weil sich diese Arbeitszeit auf zwei Erwachsene verteilt, steigt der Organisationsaufwand im Familienalltag.

ZEIT: Dafür ist die Arbeit im Haushalt schneller erledigt als in den sechziger Jahren.

Bertram: Stimmt, da hat es tatsächlich eine Entlastung gegeben. Die Arbeitszeit für eine Hausfrau ist von 32 Stunden pro Woche in den sechziger Jahren auf heute 17 Stunden gesunken, weil zum Beispiel die Wäsche nach dem Waschen nicht mehr aufgehängt, sondern in den Trockner geworfen wird. Allerdings arbeiten auch die Männer mehr im Haushalt mit, früher waren es vier Stunden pro Woche, heute sind es neun. Der tatsächliche Freizeitgewinn fällt also insgesamt etwas kleiner aus. Familien erledigen heute neue Aufgaben, die vom Markt auf den Konsumenten verlagert wurden. Früher hat das Reisebüro die Pauschalreise organisiert, mittlerweile buchen wir nicht nur unsere Flüge selbst, sondern checken auch gleich das Gepäck ein und drucken die Bordkarte selber aus. Und: Die Kindererziehung ist heute viel anspruchsvoller als früher. In meiner Altersgruppe haben nur acht Prozent Abitur gemacht, heute sind es fünfzig Prozent eines Geburtsjahrgangs. Das bedeutet mehr Arbeit für die Eltern, die ihre Kinder unterstützen. So gab es insgesamt eine Zeitverschiebung zugunsten der Arbeitswelt und zugunsten der Kinder – obwohl es weniger Kinder gibt und wir im Durchschnitt weniger Wochenstunden arbeiten.

ZEIT: Die Eltern der "überforderten Generation" mussten Deutschland nach dem Krieg wiederaufbauen. Deren Eltern fürchteten im Krieg um ihr Leben. Und sie alle sollen weniger überfordert gewesen sein?

Bertram: Natürlich hatte zum Beispiel die Generation von Helmut Kohl eine Kindheit, um die man sie nicht beneiden kann. Aber sie wuchs auf mit einer klaren Vorstellung davon, wie das Berufs- und Familienleben zu organisieren ist, und sie fand dafür auch die passenden Rahmenbedingungen. Man muss sich nur mal alte Berliner S-Bahn-Pläne ansehen, um zu verstehen, wie strukturiert die Arbeitswelt der Industriegesellschaft war. Morgens um sechs Uhr mussten die Arbeiter in den Wedding, da war Schichtbeginn bei Siemens. Zwei Stunden später kam der nächste Schub von Fahrgästen, da öffneten die ersten Geschäfte. Es gab einen klaren Lebensrhythmus in der Industriegesellschaft, der übrigens mühsam erkämpft wurde. In der Agrargesellschaft folgten die Menschen den Jahreszeiten, im Winter wurde mehr gesungen und getrunken, im Frühjahr wurde dann Tag und Nacht rangeklotzt. Heute ist der alte Rhythmus der Industriegesellschaft verloren gegangen, aber wir haben ihn durch nichts Neues ersetzt.

ZEIT: Haben Sie einen Vorschlag?

Bertram: Unsere Lebensqualität wäre viel höher, wenn die Menschen sich in bestimmten Lebensphasen mehr Zeit lassen könnten. Für eine Frau mittleren Alters liegt die Wahrscheinlichkeit, hundert Jahre alt zu werden, inzwischen bei fünfzig Prozent. Gerontologen sind sicher, dass diese Generation viel später pflegebedürftig wird als die heutigen Rentner. Im Moment passen unsere Biografien nicht zu diesen Veränderungen. Wir gehen davon aus, dass man bis zum 35. Lebensjahr einen bestimmten beruflichen Status erreicht haben muss. Das sorgt bei den Jüngeren für großen Stress und bei den Älteren für Frustration.

ZEIT: Was wäre die Alternative?

Bertram: Wir sollten das Leben weniger als Treppe sehen, bei der eine Stufe nach der anderen erklommen wird. Wir Deutschen sind so staatsgläubig, dass wir die starren Karrieremuster des öffentlichen Dienstes auch auf unsere Lebensentwürfe übertragen haben. Andere Gesellschaften sind da offener und lockerer. Wir sollten uns unser Leben eher als aufeinanderfolgende Lebensphasen vorstellen, die sehr verschieden sein können.

ZEIT: Inwiefern sind die Unternehmen schuld, weil sie zu wenig in Entwicklungsmöglichkeiten in der zweiten Lebenshälfte investieren?

Bertram: Ich finde, die Politik sollte vorangehen und die Karrieremuster im öffentlichen Dienst ändern. Eine Erzieherin, die weiterkommen will, sollte auch als 35-Jährige noch fünf Jahre aussetzen und mit 40 ein Studium beginnen können, um Richterin zu werden. Diesen Beruf kann sie dann ja vielleicht noch 25 Jahre lang ausüben.