Sie wartete, bis sich die Dunkelheit auf die Stoppelfelder senkte. Dann entrollte Anita Buschow* ihre schwarze Mütze zu einer Maske. Sie erinnert sich noch daran, wie das Benzin in den Plastikflaschen schwappte, die sie in einer Tasche mit sich trug. In der Ferne zeichnete sich der Umriss des Fleischereibetriebs ab, und Anita schaute sich noch einmal das Gelände an, das sie schon so gut kannte. In den zwei Monaten zuvor war sie häufig hier gewesen, mal montags, mal dienstags, mal morgens, mal mittags, mal abends. Bis sie den Betriebsablauf an allen Werktagen und zu allen Tageszeiten kannte. Stundenlang hatte sie im Schutz einer Böschung auf dem Boden gelegen und beobachtet, was auf der anderen Seite des Zaunes vor sich ging.

Wann kommen die Fleischlaster, wann die Arbeiter, wann rückt der Wachschutz an?

Im Dunkeln rauchte sie eine Zigarette nach der anderen und drückte ihre Kippen in einem Glas aus, das sie wieder mitnahm. Niemand außer ihren Komplizen durfte von dieser Aktion wissen. Niemand sollte beweisen können, dass sie an diesem Ort war. Auch heute darf niemand erfahren, wann und wo sich die Attacke zutrug, von der Anita Buschow erzählt. Deswegen berichtet sie davon nur vage. Zu viel steht für sie auf dem Spiel: das erste Leben, das sie neben diesem verborgenen zweiten führt.

In Hohenhameln, Niedersachsen, tritt dem Bauern Michael Löhr der Schweiß auf die Stirn. Es ist warm in seinem Hühnerstall, 29,9 Grad. Luftfeuchtigkeit: 78 Prozent. Alles im Plan. Vor einer Woche hat Löhr eine neue Lieferung bekommen, jetzt piepsen 39.000 gelb gefiederte Küken im Halbdunkel der Halle. Es riecht süßlich, mistig, feucht. Löhr zieht sich einen dunkelgrünen Overall an, steigt in die Gummistiefel und beginnt seine Morgenrunde. Mit einem Kescher in der rechten Hand und einem schwarzen Eimer in der linken schreitet er die Futterlinien ab. "Die Brut hatte einen Magen-Darm-Keim", murrt er. Nun sterben ihm die Hühner weg. Mit dem Kescher fischt Löhr tote Tiere vom Boden. Kranke Küken schnappt er, betäubt sie mit einem Nackenschlag und bricht ihnen am Henkel des Eimers das Genick.

32 Kadaver zählt Löhr an diesem Morgen. Den Eimer entleert er in einen Container vor dem Stall. Am Zaun, der das Gelände umgrenzt, hängt ein Schild: "Wertvoller Tierbestand. Betreten der Anlage verboten". Kameras überwachen jeden Winkel.

Tag für Tag werden Tiere zermust, vergast, zerschossen, vergiftet, zu Leder verarbeitet, zu Fleischbrocken zerschnitten (…). Heutzutage kann niemand mehr sagen, er/sie hätte von alldem nichts gewusst
Aus einem Positionspapier militanter Tierrechtler

Löhr ist Landwirt, und wenn er Küken das Genick bricht, dann gehört das zur Alltagsarbeit eines Bauern. Löhr zählt nicht zu den verrufensten Figuren seiner Branche. Sein Hof ist nicht überdurchschnittlich groß und auch nicht durch Gesetzesbrüche aufgefallen. Er ist ein ganz normaler Mastbetrieb. Doch es gibt Menschen, die es zornig macht, dass als normal gilt, was Löhr in seinem Stall tut.

Anita Buschow war schon lange davon überzeugt, dass Menschen nicht das Recht haben, Tiere auszubeuten oder zu töten. Seit Längerem lebte sie vegan, verzichtete also auf alle tierischen Produkte wie Fleisch, Eier, Milch und Leder. Kein Lebewesen dürfe für die Bedürfnisse eines Menschen leiden – für diese Sichtweise hatte Anita demonstriert, doch sie hatte das Gefühl, allein mit den legalen Mitteln der Demokratie sei an der Lage der Tiere nichts zu ändern. So war es in ihren Augen bloß eine "konsequente Fortsetzung anderer Protestformen", als sie entschied, ihre Überzeugung über das Gesetz zu stellen. Sie sprach ein paar Freunde aus der Tierrechtsszene an: Leute, die sie schon lange kannte und von denen sie glaubte, dass sie so wütend waren wie sie. Wütend genug für das, was sie eine "direkte Aktion" nennt.

Die Freunde begannen, Farbbeutel an Pelzgeschäfte zu werfen und Jägerhochsitze umzukippen. Wie man einen Brandsatz mit Brandverzögerung baut, lasen sie in der Mundorgel für Militante, einem Praxisratgeber für Autonome. Auf Seite 72 die Überschrift "Nobelkarossentod" – darunter eine detaillierte Anleitung.

In Hohenhameln zeugen noch heute rußgeschwärzte Bleche und abgesplitterte Fassadenteile von dem heftigsten Zornesausbruch, den der Bauer Michael Löhr bisher erfahren hat. In einer nebligen Oktobernacht im Jahr 2011 entflammten an seiner Mastanlage drei Brandsätze. In einem Bekennerschreiben hieß es: "Allen Landwirt_innen raten wir: Finger weg von Mastanlagen! Sie brennen leicht ab!"

Brennende Ställe, zertrümmerte Lastwagen, Morddrohungen – um das Ausbeuten und Töten von Tieren zu stoppen, kämpfen militante Tierschützer immer häufiger auch mit Gewalt. Michael Löhr ist nur eines von Hunderten Opfern in Deutschland, dem Bundeskriminalamt (BKA) zufolge wurden in den vergangenen zehn Jahren etwa 2100 Anschläge verübt. Die Zahl der als extremistisch eingestuften Straftaten aus dem Milieu ist in dieser Zeit um das Siebenfache gestiegen. Inzwischen setzen die Ermittler schon V-Leute ein, um die militante Szene zu durchdringen. Die fühlt sich der Bewegung der "Tierrechtler" zugehörig, die sich auf Philosophen wie den Australier Peter Singer und dessen Buch Animal Liberation– Die Befreiung der Tiere beruft. Singer plädierte schon in den siebziger Jahren dafür, Tiere aus der Vorherrschaft der Menschen zu befreien (ZEIT Nr. 21/14).

Deutschlandweit sollen es inzwischen 500 bis 1.000 Radikale sein, die Angriffe auf Zoodirektoren, Jäger, Metzger, Pelzhändler und Manager von Pharmakonzernen organisieren. Ein Viertel der Attacken findet in Niedersachsen statt, wo jedes zweite Huhn und jedes zweite Schwein in Deutschland gemästet wird, wo zwei der größten deutschen Schlachthöfe stehen und wo sich auch Michael Löhrs Stall befindet.

Die Radikalisierung der Szene begann, wie so oft bei extremistischen Bewegungen, fast unbemerkt. Proteste gegen Nerzfarmen und Versuchslabore hatte es schon früher gegeben, nun kamen Meldungen von Brandanschlägen hinzu. Vor acht Jahren entzündete sich ein Brandsatz an einem Schlachthof in Hannover. Aktivisten warfen die Scheiben des Bauamtes in Celle ein, weil dort Bauanträge für Mastanlagen genehmigt wurden. Sie zertrümmerten Fenster von Fleischereien, zerstörten Kühllaster und hinterließen Botschaften wie "Fleisch ist Mord". Darunter oft das Kürzel ALF – für Animal Liberation Front. Die Aktivisten haben sich in Kommandos zusammengefunden und nennen sich "Mordpräventionskommission" oder auch "Zornige Bambis". Viele dieser Kommandos verstehen sich als Zellen der ALF oder der ELF, der Earth Liberation Front.

ALF und ELF haben keine förmlichen Mitglieder und keinen Vorstand. Ihre Zellen wissen wenig voneinander, haben aber ein gemeinsames Ziel: die Ausbeutung von Tieren und der Natur im Allgemeinen mit aller Gewalt zu verhindern. Diese Gewalt dürfe sich nicht gegen Menschen oder Tiere richten, heißt es auf der Webseite der ALF. Ansonsten ist alles erlaubt, was nicht erlaubt ist.