© Lucas Wahl für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr Harder, im Osten Europas herrscht Krieg, und in Ihrem Wohnzimmer in Reinbek stapeln sich dafür Staubschutzbrillen, Verbandskästen, Medikamente, Knieschützer, Schuhe und Munitionstragetaschen.

Alexander Harder: Das kommt alles in die Ukraine.

ZEIT: Wieso unterstützen Sie die Soldaten dort?

Harder: Angefangen hat alles mit der Revolutionsbewegung auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, Anfang des Jahres. Ich habe in Hamburg mit meiner Frau und meinem Sohn am Computer verfolgt, wie die Menschen dort demonstrierten. Wir wollten helfen, spenden. Aber: An wen? Auf welchem Weg? Man gibt ja nicht einfach sein Geld, wenn man nicht weiß, wo es landet – gerade in der Ukraine. Aber wir fanden Menschen, mit denen es transparent und einfach ging. Wir haben überwiesen, sie haben in Kiew dafür Nützliches gekauft.

ZEIT: Ihre Frau ist Ukrainerin?

Harder: Wir reisen regelmäßig im Frühjahr und Sommer zu meinen Schwiegereltern in die Zentralukraine nach Myrhorod. Ich habe 2007 nicht nur sie geheiratet, ich habe auch das Land geheiratet.

ZEIT: Was sagen Sie ihrem fünfjährigen Sohn, wenn er fragt, was Papa da gerade macht?

Harder: Die Gesichter vom Ex-Präsidenten Janukowitsch und dem Oppositionspolitiker Vitali Klitschko konnte er schon auseinanderhalten, als in Kiew die Revolution begann. Irgendwann rief uns die Kita an und fragte, wieso unser Sohn im Kindergarten "Janukowitsch muss weg!" ruft. Da mussten wir der Kindergärtnerin erst mal erklären, was in Kiew passiert. Mittlerweile ist sie Ukraine-Expertin. Meine Frau und ich reden nun aber nur noch abends, wenn unser Sohn schläft, über die Kriegshandlungen. Jetzt sterben täglich Menschen im Donbass.

ZEIT: Wie organisieren Sie Ihre Unterstützung von Hamburg aus?

Harder: Läuft alles über Facebook. Die Ukrainer schreiben, was sie brauchen. Ich suche Materialien und Fahrer, die die Pakete mitnehmen. Die Soldaten unterstützen wir rein privat. Neben diesen Direkthilfen haben wir Anfang des Jahres den Verein Humanitas-Ukraine gegründet. Darüber sammeln wir Rollatoren, Rollstühle, Betten, WCs, alles, was das Krankenhaus in Myrhorod gebrauchen kann.

ZEIT: Schicken Sie auch Waffen?

Harder: Wir schicken nur Dinge, die man legal in Deutschland kaufen kann, keinen Sprengstoff, keine Waffen.

ZEIT: Was wird derzeit am meisten benötigt?

Harder: Unsere Ein-Mann-Apotheken für Soldaten waren sehr begehrt, inklusive Verbandsmaterial und Schmerzmittel. Davon haben wir sogar viel in der Ukraine gekauft. Das Paradoxe ist: Es mangelt nicht an allem im Land. Der Basar in Charkiw ist beispielsweise voll mit Uniformen. Auch Schmerzmittel gibt es. Eigentlich müsste Petro Poroschenko, der ukrainische Präsident, da nur hingehen, das Scheckbuch rausholen, und die Soldaten könnten eine vernünftige Ausrüstung bekommen.

ZEIT: Fühlen Sie sich als Teil der Volksarmee?

Harder: Im Frühjahr 2013 war ich in Myrhorod. Das ist eine kleine Stadt, etwa 30.000 Einwohner. Die Menschen gingen damals schon gegen ihre korrupten Politiker auf die Straße. In der Ukraine konnte man mit Schmiergeld ja alles kaufen: Jobs, Lizenzen, Politiker, sonst was. Ich bin einfach mitgelaufen, habe eine Fahne geschwenkt, fotografiert, Videos gedreht. So wurde ich zum Aktivisten. In diesem Jahr, als die Separatisten in der Ostukraine mit Unterstützung Russlands Land besetzten, strömten Männer aus der ganzen Ukraine in die Freiwilligen-Bataillone. Das waren Soldaten in Jeanshosen, T-Shirts und Badelatschen. Die brauchten Ausrüstung. Die ersten Wochen haben wir ganz viel selbst gepackt und von Hamburg nach Myrhorod gefahren.

Eine Deutsche Geisel wäre für die Separatisten wie ein Sechser im Lotto

ZEIT: Würden Sie direkt im Krieg kämpfen?

Harder: So eine Frage stellt man sich natürlich. Momentan ist das unrealistisch. Wir haben in Hamburg Verpflichtungen, meine Frau arbeitet als Architektin, ich bin selbstständig. Wenn Russland jedoch offiziell in die Ukraine einmarschiert und die Lage auch für meine Familie eskalieren könnte, dann würde ich in Hamburg meine Sachen packen und losfahren.

ZEIT: Vor wenigen Tagen ist der erste Amerikaner im Krieg gestorben, der freiwillig für die Ukraine gekämpft hat.

Harder: Davon wusste ich noch nichts. Grundsätzlich finde ich es bewundernswert, dass die Freiwilligen mit fast nichts in der Hand für die Freiheit und Zukunft ihres Landes kämpfen. Ich wollte auch mal nach Donezk, um es zu sehen und unsere Spenden direkt zu übergeben, aber daraus wurde nichts. Schon der Weg dorthin wäre gefährlich gewesen. Wenn die Separatisten einen Deutschen als Geisel bekommen, ist das für sie ein Sechser im Lotto. Das möchte ich denen nicht gönnen.

ZEIT: Wie fühlt es sich an, wenn Sie aus der Ukraine nach Hamburg zurückkehren?

Harder: So etwas wie die Krim-Annektierung gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in Europa, aber so richtig interessiert das hier nicht. Viele Deutsche machen sich wohl erst Gedanken, wenn sie an der Tankstelle oder im Supermarkt mehr bezahlen müssen. Dabei ist das ein sehr naher Konflikt. In zwei Flugstunden ist man in Kiew.

ZEIT: Haben Sie russische Freunde in Hamburg?

Harder: Ich kenne einige Russen, die uns unterstützen. Aber dieser Krieg ist auch in Hamburg einer zwischen Russen und Ukrainern. Es verläuft ein Graben zwischen den Lagern. Im Frühjahr, als Putin-Unterstützer, Linke und DKP-Mitglieder vor dem ukrainischen Konsulat in Hamburg demonstrierten, wollte meine Frau schauen, was dort passiert. Als sie als Ukrainerin identifiziert war, wurde sie bedroht, übel beleidigt, als Hure der Deutschen beschimpft.

ZEIT: Wo führt das noch hin?

Harder: Ich weiß es nicht. Neulich stand ich mit meinem Auto, über dem immer eine kleine ukrainische Fahne weht, vor einer Ampel. Neben mir sah ich ganz langsam einen schwarzen Geländewagen mit zwei Männern vorfahren, beide hatten slawische Gesichtszüge. Dann ging die Scheibe runter, und sie fragten provokant: Ey, bist du ein Bandera, oder was? Stepan Bandera war Ukrainer, der für die Unabhängigkeit seines Landes gekämpft hat. Ich habe nicht geantwortet, bin weggefahren. Diese Situation wirkte brenzlig.