Dieser Raum im Hochparterre einer Backsteinvilla erinnert an eine Hotellobby. An die vier Meter hohe Wände, bequeme Sessel. Durch die Fenster blickt man auf sattgrüne Laubbäume. In Wahrheit ist der Raum ein Wartezimmer, und das Backsteinhaus im beschaulichen Stadtteil List in Hannover beherbergt eine Zahnarztpraxis. In der Praxis von Ralf L. hätten sich die meisten Patienten "willkommen gefühlt", bestätigt einer von ihnen. Jedenfalls beim ersten Besuch.

Vor Kurzem hat die Staatsanwaltschaft Hannover L. wegen gewerbsmäßigen Betruges angeklagt: In 24 Fällen soll der Zahnarzt die Taten vollendet haben, in 36 weiteren Fällen blieb es wohl beim Versuch. Dabei soll L. Leistungen abgerechnet haben, die er entweder nicht erbracht hat oder gar nicht hätte abrechnen dürfen. Die Anklage ist fast 100 Seiten lang. Den Schaden für die Patienten schätzt die Staatsanwaltschaft auf insgesamt 120.000 Euro, womöglich liegt er aber noch weitaus höher.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Fall L. sich zu einem der größten Zahnarztskandale des Landes auswachsen könnte. Er illustriert, wie schwarze Schafe in weißen Kitteln mit der einen Hand im Mund ihrer Patienten arbeiten – und mit der anderen in deren Brieftasche langen.

Im Mai, als sich die Staatsanwälte in Hannover noch mit einigen Sachverständigengutachten im Fall L. befassten, legten die Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen bundesweite Zahlen zu Behandlungsfehlern vor: Besonders in der Zahnmedizin haben sich im vergangenen Jahr viele Vorwürfe von Patienten bestätigt. Von 1.454 Beschwerden über eine Zahnbehandlung war jeder dritte Vorwurf nachweislich richtig. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Viele Patienten suchen nach einer Panne schnell einen anderen Zahnarzt auf, um Schmerzen behandeln und unansehnliche Zähne korrigieren zu lassen. Diese Fälle werden selten publik. Ohnehin betreffen die Zahlen der Medizinischen Dienste nur gesetzliche Krankenkassen. Privatpraxen, wie Ralf L. eine betreibt, werden von der Statistik gar nicht erfasst.

Vor einigen Monaten willigt L. überraschend in ein Gespräch mit der ZEIT ein. Sein PR-Berater arrangiert das Treffen in seiner Praxis in Hannover. Es findet statt, bevor die Staatsanwaltschaft Hannover Anklage erhoben hat. Im Wartezimmer der Backsteinpraxis sitzen an diesem Tag keine Patienten. Zahnarzt L. betritt den Raum. Er trägt eine Brille mit modischem schwarzem Rand, feine Koteletten umrahmen sein Gesicht, und für ein paar Sekunden zeigt L. ein Fernsehlächeln. Man kann sich ihn gut auf einem Poloturnier vorstellen. Doch schnell wird er ernst: Ja, es gebe Vorwürfe. Und ja, er habe nun weniger Patienten als früher. Aber, nein, die Beschuldigungen seien falsch. Gerade mal 0,2 Prozent seiner Patienten seien unzufrieden gewesen, Ärger habe er wegen einer Kampagne von Zahlungsverweigerern.

L. ist 50 Jahre alt, er praktiziert seit 23 Jahren, seine Praxis betreibt er seit 19 Jahren: "Und seit einiger Zeit macht diese Minderheit gegen mich Stimmung."

Das Landgericht Hildesheim muss nun entscheiden, ob es das Strafverfahren gegen L. eröffnet. Diverse Zivilprozesse laufen bundesweit schon seit Jahren. Mehr als 100 Patienten streiten sich mit Ralf L. oder von ihm beauftragten Abrechnungsfirmen um mangelhafte Implantate, zweifelhafte Röntgenaufnahmen oder hohe Rechnungen.

Aber ist es wirklich vorstellbar, dass Hunderte von Patienten auf einen Zahnarzt hereinfallen? Alte und Junge, Männer und Frauen, Pastoren und Lagerarbeiter wie Michael F.?