1939: Uniformierte Männer, die sich lachend an einem Schlagbaum zu schaffen machen: 75 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen ziert das Foto die Seiten von Printmedien und Broschüren. In Deutschland und Polen ist es im Lauf der Zeit zu einer medialen Ikone des Kriegsbeginns 1939 avanciert. Es findet sich wenn auch gespiegelt und falsch kontextualisiert als Eingangsbild zur Abteilung Zweiter Weltkrieg in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Selbst die Kanzlerin verwendet es auf ihrer Website unter dem Stichwort "Beginn des Zweiten Weltkriegs".

Das ist erstaunlich. Denn das Bild zeigt einen heiteren Waffengang, der so gar nichts zu tun hat mit dem hoch industrialisierten Krieg und dem massiven deutschen Militärschlag gegen Polen, der den Zweiten Weltkrieg einleitete. Wenn es überhaupt eine Tatsache abbildet, dann nur die, wie stark die öffentliche Erinnerung medial geprägt wird und wie wichtig es für die Geschichtswissenschaft ist, solche Bilder einer historischen Analyse zu unterziehen.

Der genaue Ablauf des in der Fotografie festgehaltenen Ereignisses stellt sich dann so dar: Am frühen Morgen des 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht mit einem gigantischen Militärapparat von 54 Divisionen, mehr als 1,5 Millionen Soldaten, 2.500 Panzern und fast 2.000 Flugzeugen Polen der bis dahin massivste Militärschlag der Geschichte gegen ein anderes Land. Während die 4. Armee der Heeresgruppe Nord den Danzig umschließenden polnischen "Korridor" eroberte, beschoss das vor der Stadt liegende Kriegsschiff Schleswig-Holstein den polnischen Militärstützpunkt auf der Halbinsel Westerplatte. Zeitgleich begannen Angehörige der beiden Danziger Landespolizeiregimenter den Angriff auf das polnische Postamt in der Danziger Altstadt. Sowohl bei der Westerplatte als auch bei dem Postamt handelte es sich um seit Jahren umstrittene polnische Enklaven in der durch den Versailler Vertrag geschaffenen Freien Stadt Danzig.

Die Hauptstoßkeile des deutschen Angriffs indes ließen die Stadt nördlich liegen. Sie richteten sich auf Warschau. An den Grenzen Danzigs zu dem an Polen abgetretenen Westpreußen blieb es daher weitgehend ruhig, so auch am polnischen Grenzkontrollpunkt Kolibki/Koliebken wie an der nur einige Hundert Meter entfernten Grenzwache Steinfließ der Stadt Danzig. Nur schwach war Gefechtslärm von der Westerplatte zu hören. Die Grenzanlagen bestanden aus festen Gebäuden und je einem Schlagbaum auf polnischer und einem auf deutscher Seite. Am Vormittag des 1. September drang Danziger Landespolizei, also deutsche Soldaten, die im Laufe des Sommers in die entmilitarisierte Stadt Danzig eingeschleust worden waren, bei Steinfließ in den Korridor nordwestlich von Danzig ein. Am Nachmittag erreichten Infanteristen der 4. Armee den bereits eingenommenen Grenzpunkt und passierten den geöffneten Schlagbaum in Richtung Korridor.

Bilder davon, wie deutsche Soldaten unter einem hochgeklappten polnischen Schlagbaum durchmarschieren, schienen den Kameramännern und Fotografen, die an den Grenzübergang beordert worden waren, allerdings zu wenig dramatisch und symbolträchtig gewesen zu sein. Sie sahen sich daher zu einer erneuten Inszenierung des Grenzbruchs veranlasst, in der der polnische Schlagbaum zum zentralen Objekt des Geschehens geriet. Um diesen komplikationslos durchbrechen zu können, hatte man ihn zuvor angesägt. Ein Infanterist berichtete später, wie bei seinem Eintreffen der Schlagbaum schon abgebrochen neben dem Bock gelegen habe. Ein Kriegsberichterstatter habe gerufen: "Nehmt doch mal diesen Schlagbaum und tut so, als ob ihr ihn abbrecht!" Die Szene wurde mehrfach wiederholt, bis man die richtigen Bilder "im Kasten" hatte. Festgehalten wurde die Aktion von mehreren zivilen Fotografen sowie von mindestens einem uniformierten Kameramann, der auf einer Aufnahme zufällig ins Bild läuft.

Von den am 1. September gemachten Aufnahmen fand vor allem eine Fotografie des Danziger Fotografen Hans Sönnke Eingang in das Bildgedächtnis. Es visualisierte den Überfall als eine Aktion gut gelaunter junger deutscher Soldaten, die scheinbar widerstandslos eine jahrelang als Unrecht empfundene Grenze beseitigen. Damit beruhigte man die Zeitgenossen zu Hause, die den Krieg ja keineswegs euphorisch bejubelten.

Tatsächlich verliefen die Kämpfe um die Westerplatte und die polnische Post keineswegs so, wie es die deutsche Generalität geplant hatte. Trotz massiven deutschen Militäreinsatzes scheiterte zunächst sowohl die schnelle Einnahme der Stellungen auf der Westerplatte als auch die als Handstreich geplante Stürmung des polnischen Postamtes am erbitterten Widerstand der polnischen Verteidiger.

Aufgenommen wurden die Fotografien Sönnkes von polnischem Territorium aus in Richtung Westen. Bei den im Zentrum der Inszenierung stehenden Akteuren handelte es sich um Angehörige der Danziger Landespolizei. Ebenfalls beteiligt waren Soldaten der 4. Armee der Heeresgruppe Nord, die bereits bis Danzig vorgerückt waren, sowie zwei Angehörige des "Verstärkten Grenzaufsichtsdienstes", vermutlich von der Grenzwache Steinfließ. Polnische Soldaten sind nicht zu sehen. Sie scheinen, so suggeriert der Subtext der Aufnahme, vor dem übermächtigen deutschen Militärapparat Reißaus genommen zu haben.

Hans Sönnke war Berufsfotograf. Unter dem Namen "Foto-Kino-Sönnke Danzig" betrieb er am Langen Markt in Danzig ein Fachgeschäft für Fotoarbeiten, Fotobedarf und Kameras. Nach dem Krieg eröffnete er ein neues Geschäft in Lübeck. Wie sich ein damaliger Mitarbeiter erinnert, habe sein Chef am 1. September den ganzen Tag über Aufnahmen von verschiedenen Schauplätzen in Danzig gemacht. Noch am Abend gingen sie von der deutschen Hauptpost per Bildfunk an einen der großen Bilderdienste in Berlin und über diesen in die Welt.

Zur Ikone wurde das Bild erst nach dem Krieg

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass Sönnkes Bild mitnichten das Ergebnis einer groß geplanten Propagandaaktion ist und dass es in den zeitgenössischen Tageszeitungen kaum publiziert wurde, obwohl es sich passgenau in das von der NS-Propaganda gezeichnete Sprachbild des Überfalls als Polizeiaktion einfügte. Eine systematische Planung der Bildproduktion hatte es zu Kriegsbeginn noch nicht gegeben. Neben den Propagandakompanien, die den Waffengattungen und einzelnen Einheiten der Wehrmacht zugeordnet waren, arbeiteten zivile Berufsfotografen, die ihre Aufnahmen den Bilderdiensten anboten. Da Sönnkes Bild von den Zensurbehörden erst am Sonntag, den 3. September, freigegeben wurde, konnte es frühestens in den Morgenzeitungen des folgenden Tages erscheinen. Zu diesem Zeitpunkt erschienen angesichts des schnellen Vorrückens der deutschen Verbände die Ereignisse in Danzig bereits nicht mehr aktuell. Nur in einigen Wochenzeitungen kamen Sönnkes Bilder noch zum Abdruck. Zeitgenössisch fanden sie so vor allem in Erinnerungsbänden mit lokal- und regionalgeschichtlichem Kolorit Verwendung.

Die deutschen Wochenschauberichte zu Beginn des Krieges lieferten ein völlig anderes Bild des Überfalls. Es dominierten Aufnahmen, die in schnell geschnittenen Bildern und zu aggressiver Musik schweres Kriegsgerät sowie den massiven Beschuss polnischen Territoriums zu Wasser, zu Lande und aus der Luft zeigten. Sie lassen viel mehr als die Schlagbaum-Idylle erahnen, dass bereits der erste Kriegstag Tausende von Soldaten und Zivilisten beider Seiten das Leben kostete.

Zum ikonischen Bild des Kriegsbeginns wurde das Foto von Sönnke erst durch die medialen Publikationspraktiken nach dem Krieg. Das Bild schien alle jene Elemente zu enthalten, die das Ereignis auf eine knappe Formel verdichteten und damit für eine gute Bildnachricht wichtig waren: die deutschen Soldaten als Akteure, der polnische Adler und der zerbrochene Grenzbaum als Symbole. Hinzu kam, dass Bildredakteure nach dem Krieg nicht so genau hinschauten und sich kaum Gedanken machten, wie die Bilder beim Betrachter ankamen und ob sie dem Geschehen überhaupt angemessen waren. Dass die Demontage von Schlagbäumen im sich vereinigenden Europa nach und nach positiv betrachtet wurde, gab dem Foto zudem einen völlig neuen, quer zur Historie stehenden Sinn.

Geradezu widersinnig erscheint, dass selbst in Polen die Aufnahme Sönnkes als Schlüsselbild des 1. September gilt, obwohl sie doch ein beschönigendes Bild des Überfalls aus deutscher Sicht widerspiegelt. Erst der polnische Künstler Zbigniew Libera vermochte daran etwas zu ändern. In seiner Fotografie Kolarze (Radfahrer) von 2003 reinszenierte er das bekannte Bild mit heutigen Personen und Sujets und gab ihm damit zur Provokation seiner Landsleute eine positive Bedeutung. Der symbolbesetzte polnische Schlagbaum von 1939 wird in seinem Bild zum banalen Hindernis, das von einem fröhlichen Fahrradclub in buntem Outfit zur Seite geräumt wird. Mit diesem fotografischen Reenactment trieb Libera die propagandistische Bedeutung des Fotos als scheinbar harmlose, widerstands- und opferlose Grenzbereinigung auf die Spitze und machte es als das kenntlich, was es ist: ein abgefeimtes Werk der Realitätsverschleierung, das zu Unrecht und völlig unbegründet auf deutscher und polnischer Seite als Ikone des Kriegsbeginns betrachtet wird.