DIE ZEIT: Herr Montebourg, wenn Präsident François Hollande mit seiner ersten Amtszeit scheitert, wovon heute viele Franzosen ausgehen, wären Sie vielleicht der aussichtsreichste Präsidentschaftsanwärter der Linken. Ist das der Grund dafür, dass Sie nun aus der Regierung ausgetreten sind?

Arnaud Montebourg: Ich denke überhaupt nicht an meine Rolle bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017. Aber ich will die Gründe für meinen Austritt erklären: Ich war einmal Präsidentschaftsanwärter meiner Partei, dann habe ich mich dem Kandidaten Hollande angeschlossen und mit ihm ein gemeinschaftliches Programm erarbeitet. Diese gemeinsame Basis ist heute zerrissen.

ZEIT: Konkreter Anlass des Streits war der Euro. Genauer ging es darum, dass Sie die deutsche Sparpolitik für Europa harsch kritisierten. Zuvor hatte Präsident François Hollande gesagt, dass seine Regierung sich nicht in einer Konfrontation mit Berlin sähe.

Montebourg: Die französische Linke ist nicht an die Macht gekommen, um anschließend die gleiche Politik wie die deutsche Rechte zu machen. Genau diesen Eindruck aber erweckt unsere Politik. Tatsächlich nehmen die Meinungsverschiedenheiten zwischen unseren beiden Ländern heute gefährlich zu. Gerade deshalb müssen sie unbedingt offen ausgesprochen werden.

ZEIT: Dann fangen Sie mal an!

Montebourg: In Deutschland nimmt heute die Zahl der Menschen im Erwerbsalter jedes Jahr um 200.000 Personen ab, und in Frankreich wächst sie um 230.000 Personen. Ihr braucht das Wachstum weniger als wir. Deutschland verarmt bei Nullwachstum nicht, Frankreich sehr wohl, weil es mehr Münder füttern muss und die Jugend auf Arbeit wartet. Dafür aber müssen wir, egal mit welcher Regierung, politisch teuer bezahlen: nämlich mit dem Aufstieg des Front National, der nicht nur fremdenfeindlich und ultranationalistisch ist, sondern auf die Zerstörung der Europäischen Union zielt.

ZEIT: Geldausgeben bedeutet noch kein dauerhaftes Wachstum, Sparen nicht die Rezession. Das flexibilisierte Deutschland kann im Gegenteil mit wenig Wachstum viele neue Jobs schaffen, Frankreich nicht, aber egal, malen Sie da nicht den politischen Teufel an die Wand?

Montebourg: Wir haben die Gefahr überwunden, dass die Euro-Zone aus finanziellen Gründen explodiert. Heute aber besteht die gleiche Gefahr aus politischen Gründen. Wenn die Franzosen den Weg zurück zum Wachstum nicht finden, werden sie die europäischen Verträge brechen – an der Urne.

ZEIT: Sie warnen vor einem Wahlsieg Marine Le Pens im Jahr 2017 ...

Montebourg: ... das ist das schwarze Szenario, das heute Frankreich droht und überall im Land Zweifel und Sorgen weckt. Für Europa wäre es eine Katastrophe. Davor möchte ich unsere deutschen Freunde warnen. Sie müssen das Risiko erkennen, das auch sie selbst da eingehen.

ZEIT: Wie groß ist denn das Risiko?

Montebourg: Die kompromisslose deutsche Sparpolitik zwingt die französische Linke in die Defensive – so sehr, dass sie bald auf dem Müllplatz der Geschichte landen könnte. Dann stünde bei den Präsidentschaftswahlen 2017 ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen bevor. Und weil die große Mehrheit der linken Wähler dann die Urne meiden würde, hätte der Front National echte Siegchancen. Zumindest stünde er vor den Toren der Macht. Das ist das deutsche Szenario der 1930er Jahre. Die Französische Republik ist in Gefahr. Unsere deutschen Freunde müssen uns helfen.

"Ihr seid sehr wettbewerbsfähig und habt trotzdem kein Wachstum"

ZEIT: Die Frage ist aber, wie. Sie selbst befördern doch das Schreckensszenario, wenn Sie die Linke mit Ihrem Regierungsaustritt spalten und schwächen.

Montebourg: Das muss ich mir wohl vorwerfen lassen. Doch es ging für mich um das A und O der Wirtschaftspolitik. Das Sparen ohne Ende, wie es uns die Deutschen durch ihre Besessenheit bei der Schulden- und Inflationsbekämpfung auferlegen, wird unsere Wirtschaft eher kippen als zum Wachstum führen. Diese Haltung habe ich in meiner Regierung immer vertreten. Das wurde nun nicht länger gewünscht. Für mich aber ist das die zentrale demokratische Debatte unserer Zeit. Sie wird in der ganzen Welt geführt.

ZEIT: Reden Deutsche und Franzosen nicht genug miteinander?

Montebourg: Ich habe darüber viel mit Sigmar Gabriel geredet, der als Wirtschaftsminister mein Gegenüber war. Er und Matteo Renzi in Italien sagen nichts grundsätzlich anderes als ich.

ZEIT: Warum haben Sie nicht auch das Gespräch mit dem deutschen Finanzminister Schäuble gesucht?

Montebourg: Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman spricht, in Anlehnung an die Sprache des Kalten Krieges, von den "Falken der Inflation", die heute die Inflation bekämpfen wollen, obwohl es sie nicht mehr gibt. Zu diesen Falken zähle ich auch Herrn Schäuble und Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Ihr Unterbewusstsein kann uns in Europa noch sehr schwere Zeiten bescheren.

ZEIT: Dabei setzt die Politik der großen Koalition doch längst auf eine stärkere Nachfragepolitik!

Montebourg: Das gilt nur für die deutsche Innenpolitik. Aber in Brüssel geschieht nichts. Dabei besteht die eigentliche deutsche Lektion darin, dass Deutschland seine Hartz-Reformen nur durchsetzen konnte, weil es zur gleichen Zeit Hilfe aus Brüssel bekam und sich nicht nach den Maastricht-Kriterien richten musste.

ZEIT: Aber diese Hilfe bekommt Frankreich auch, sogar schon seit 2008. Sie scheuen ganz einfach die harten Reformen.

Montebourg: Wirtschaft hat nichts mit Moral zu tun. Es stimmt nicht, dass wir erst leiden müssen, damit es unserer Wirtschaft wieder besser geht. Deutschland ist dafür ein umgekehrtes Beispiel: Ihr seid sehr wettbewerbsfähig und habt trotzdem kein Wachstum.

ZEIT: Nicht so schnell. Waren die Anstrengungen in Spanien etwa umsonst?

Montebourg: Die Leiden in Spanien sind bis heute völlig unangemessen. Es herrschen 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und bis zu 70 Prozent Arbeitslosigkeit in manchen Regionen bei einem Wachstum von derzeit 0,6 Prozent. Das sind übermenschliche Tribute angesichts des mageren Ergebnisses.

ZEIT: Und Sie sagen, dieselben Leiden werden in Frankreich Le Pen an die Macht bringen? Tatsächlich aber legt Le Pen zu, weil die Politik in Frankreich sich vor Reformen drückt.

Montebourg: Falsch. Schon hat die Partei Rathäuser eingenommen, nächstes Jahr wird sie nach den Regionalwahlen ganze Landesteile regieren. Wenn das so weitergeht, kommt es zur Katastrophe.

ZEIT: Warum ist dann Le Pen die Erste, die Ihre Regierungskritik lobt?

Montebourg: Sie nutzt die Lage und folgt einer Strategie, mit der sie sich als Linke verkleidet und dem Volk Glauben macht, dass sein Glück in ihrer Hand liegt. Das wird Ihren älteren Lesern sicher bekannt vorkommen.

"Der Zentralstaat ist unsere Wahl"

ZEIT: Sie gelten als Globalisierungsgegner …

Montebourg: … was nicht stimmt. Ich kämpfe nur dafür, dass Frankreich seinen Rückstand in der Globalisierung aufholt – zur Not auch mit protektionistischen Mitteln, die andere selbst anwenden.

ZEIT: Aber kann die Aufholjagd mit einem Staatsanteil am Bruttosozialprodukt von 57 Prozent gelingen?

Montebourg: Natürlich. Frankreich wurde vom Staat geschaffen. Seit Ludwig XIV. leben wir in einem Zentralstaat. Die Revolution von 1789 wäre ohne ihn undenkbar gewesen. Lasst uns diese Freiheit! Unsere Geschichte entspricht vielleicht nicht dem liberalen Zeitgeist. Aber unsere Geschichte wird weiter ihren Lauf nehmen.

ZEIT: Leidet das Land etwa nicht am Zentralismus?

Montebourg: Der Zentralstaat ist unsere Wahl. Er hindert uns nicht, im Rahmen einer Marktwirtschaft zu funktionieren. Nach den USA und Japan haben wir die größte Zahl global tätiger Konzerne.

ZEIT: Die nützen Ihnen aber wenig bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Montebourg: Umso mehr habe ich mich als Wirtschaftsminister um die kleinen und mittleren Unternehmen in unserem Land gekümmert. Der Staat muss eine Art großer Bruder für sie sein.

ZEIT: Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck riet den Franzosen jüngst, ihre radikalen Gewerkschaften besser abzuschaffen.

Montebourg: Die Radikalen gibt es auf allen Seiten, auch bei den Unternehmern.

ZEIT: Also wollen Sie lieber die Gelddruckmaschine in Europa anwerfen?

Montebourg: Der Geldzuwachs seit 2008 beträgt in den USA 467 Prozent, in der Euro-Zone liegt er bei 25 Prozent. Kein Wunder, dass die Deflation vor der Tür steht. Deshalb sollte die Europäische Zentralbank an die übrigen Zentralbanken in Großbritannien, Japan und den USA angeschlossen werden. Dafür plädiere ich seit Jahren.

ZEIT: Sich Amerika anschließen? Und das von Ihnen?

Montebourg: Aber die Inflation befindet sich in freiem Fall. Jetzt noch Angst davor zu haben grenzt an Phobie. Wir können die Europapolitik doch nicht auf die Ängsten eines einzigen Volkes gründen.

ZEIT: Trotzdem bewundern viele Franzosen Deutschland heute für seine Prosperität.

Montebourg: Weil sie im Grunde das europäische Werk fortsetzen wollen. Aber sie wollen dafür keinen zu hohen Preis bezahlen. Und sie glauben, dass der Preis heute zu hoch ist. Deshalb wählen sie Le Pen.

ZEIT: Wollen Sie Maastricht neu verhandeln?

Montebourg: Bloß nicht, ich verlange nur Flexibilität bei der Auslegung des Maastricht-Vertrages, damit wir zum Wachstum finden. Schauen Sie auf die britische Zentralbank: Sie folgt längst nicht mehr der Orthodoxie eines obsoleten Vertrages, der nicht mehr den Bedürfnissen unserer Zeit entspricht.