DIE ZEIT: Herr Habeck, wenn allein Sie entscheiden könnten: Wo würden Sie den deutschen Atommüll hinpacken?

Robert Habeck: Ich würde ihn in jedem Fall so lagern, dass künftige Generationen erneut entscheiden können, wie sie damit umgehen. Womöglich gibt es in Zukunft bessere Lösungen. Dann müssen auch unsere Nachkommen die Möglichkeit haben, den Atommüll problemlos wieder aus dem Lager zu holen.

ZEIT: Laut Gesetz soll ein atomares Endlager aber eine sichere Verwahrung für eine Million Jahre bieten. Also: für immer.

Habeck: Dieser Anspruch ist eine Chiffre für die Ewigkeit. Und genau das zu garantieren ist unmöglich. Ewigkeit übersteigt jede Vorstellungskraft. Wissen Sie, was innerhalb der nächsten Million Jahre geschieht? Ich nicht. Es könnte geologische Verschiebungen geben, neue Eiszeiten könnten kommen und wieder vergehen. Politisch wird es Europa und Deutschland in der heutigen Form wohl auch nicht mehr geben. Und vor all diesen Szenarien wollen wir heute eine absolut sichere Verwahrung unseres Atommülls garantieren? Wer das glaubt, gaukelt sich und anderen etwas vor. Wir haben ein riesiges Problem – und tun so, als ob wir es mit den Bordmitteln der Gegenwart für immer lösen. Wir werden aber nur eine Lösung finden, die nach unserem heutigen Wissen die relativ beste ist. Mehr nicht.

ZEIT: Welche Lösung wäre das?

Habeck: Wir verschließen die Behälter mit Atommüll sicher, hinter Barrieren aus Gestein, Beton und Stahl. Sie sollten aber zugänglich bleiben. Unsere Nachfahren sollten nicht nur wissen, wohin wir den Atommüll gebracht haben, sie sollten ihn auch wieder herausholen können.

ZEIT: Wieder herausholen können bedeutet aber: Auch Terroristen oder Diktatoren kämen an das Material heran.

Habeck: Das ist ein berechtigter Einwand. Sie kämen aber auch an hochgiftige Chemikalien heran, die wir heute produzieren. Und trotzdem verlangt kein Mensch, deswegen die Chemieproduktion einzustellen. Das Böse sucht sich immer einen Weg. Die Sorge vor Missbrauch kann aber nicht die Grundsatzentscheidung ablösen: Setzen wir auf eine Endlagerung für immer und ewig, oder geben wir kommenden Generationen Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit? Da wir nur behaupten, absolute Sicherheit herstellen zu können, würden wir ihnen in Wahrheit erneut unseren Fatalismus aufzwingen.

ZEIT: Aber wie wollen Sie heute die Akzeptanz für ein atomares Endlager schaffen, wenn Sie der Bevölkerung dort signalisieren, das Lager sei gar nicht absolut sicher?

Habeck: Woher kommt denn der Widerstand gegen alle möglichen Formen der Endlagerung? Daher, dass die Menschen sehr genau wissen, dass es diese absolute Sicherheit nicht gibt – und dass unehrlich argumentiert, wer das behauptet. Wenn wir zugeben, dass wir nur die bestmögliche Lösung nach heutigem Wissen kennen, dass Menschen Fehler machen, aber auch lernen können, und dass es technischen Fortschritt geben kann, dann kann die Akzeptanz eines Endlagerstandorts sogar wachsen. Die Entscheidung für die Lagerung des Atommülls muss deshalb revidierbar sein. Vielleicht sollten wir auch nicht mehr von Endlagerung sprechen, sondern nur noch von langfristig sicherer Lagerung.