Jetzt ist er weg. Er hat den Flughafen vermasselt, interessante Kulturprojekte scheiterten an seinem Desinteresse, immerhin begann er, den Haushalt zu sanieren. Viele Berliner mochten ihn trotzdem. Klaus Wowereit ging gerade rechtzeitig, um noch als Mehrdeutiger in Erinnerung zu bleiben: Er ist die Verkörperung des bräsigen Berlins mit all seinen unguten Beharrungskräften. Aber ein bisschen Zukunft verknüpft sich mit seiner Amtszeit schon: Berlin ist heute nicht nur eine kreative Stadt, sondern "Kreativstadt". Daraus könnte sich etwas entwickeln. Vielleicht ist das aber auch nur eine Sprechblase.

Zwei Artikel in amerikanischen Zeitschriften, einer im Rolling Stone, ein weiterer im New Yorker, lösten unlängst eine Berliner Verstörung aus. Nach Selbstversuchen wagten die Reporter zu fragen, ob das Berghain wirklich noch der beste Club der Welt sei – oder doch schon, bei allem Respekt, ein bisschen etabliert. An diesen Angriff entzündete sich eine kurze "Berlin is over"- Debatte, aber wenn etwas in Berlin intakt ist, dann die Kraft zur Selbstidealisierung. Ist das noch die Stadt, in der man leben muss? Eine Gruppe interessierte die Frage sehr, denn sie hat mit ihren Arbeitsbedingungen zu tun. Sogar Subventionen hängen daran.

Berlins digitale Boheme, diese buchstäblich von der ganzen Welt, vom Senat, von der EU und vom Silicon Valley so wohlwollend betrachtete Generation, das Zukunftsfähige an der Stadt verkörpernd, ausgerechnet jene, die Scharen anderer junger Leute aus dem Ausland anlocken, fragen sich seither, ob man nicht doch besser nach Krakau oder Cluj geht, wo man billiger lebt, oder nach Tel Aviv, gleich in den militärisch-industriellen Komplex, oder nach München, wo die Karrieren in geraden Bahnen verlaufen und das Gehalt verlässlich fließt.

Für einen Augenblick machte sich die Ahnung von Vergänglichkeit breit: Verlust der Hipness. Das ist ein grauenerregender Gedanke, denn dabei geht es ja nicht nur um Zuschreibungen, die sich positiv auf den Fremdenverkehr auswirken. Hipness ist Standortfaktor, sie ist das Schwungrad, auf dem Berlin in die kommende Zeit rollen möchte.

Berlins Image ist aus Fiktion und Realität gleichermaßen zusammengesetzt, etwas, das technische ebenso wie kulturelle und finanzielle Aspekte hat. Symbolik, Erwartung und sichtbare Wirklichkeit bestätigen einander darin wechselseitig. Die Berliner Hipness ist auch mehr als Stadtmarketing. Sie macht aus der Stadt einen Ort des Unerwarteten, einen Ort des Noch-nie-Gesehenen und des Noch-nicht-Verstandenen, in einem Wort: zur Welthauptstadt der Kreativität.

Das Land der Ideen überlebt im Globalen nur durch Innovation

Kreativität ist Berlins Wette auf die Zukunft. Es ist die Spekulation einer deindustrialisierten Stadt, die nach der Wende von vielen wirtschaftlichen Entwicklungen abgeschnitten wurde oder sich selbst abschnitt. Zwei Dinge verkoppelten sich, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun hatten: eine durch Glücks- und Zufälle in Berlin sich bildende Verdichtung von Start-ups aus der IT-, Informations- und Kommunikationstechnik samt Netz aus zugeordneten Finanzinstituten, Beratungszentren, Investoren und Business Angels sowie eine Politik, die nach mehr als zwanzig Jahren Mauerfall endlich eine tragfähige Idee von der Stadt präsentieren musste, eine ökonomische Basis definieren, Förderschwerpunkte ausmachen, an irgendeiner Stelle Zuwachsraten vorweisen musste. Dieser Druck, diese Hoffnungen fließen jetzt in eines der politischen Zauberwörter der Gegenwart, dasjenige von der "Kreativindustrie".

Kreativindustrie ruft einen gewaltigen Horizont auf. Der ganze bundesrepublikanische Heroismus der Wirtschaftsmoderne schwingt darin. Ein Land ohne natürliche Ressourcen mit seinen sozialpolitischen Ambitionen kann es nur mit den besten, jüngsten, originellsten Köpfen schaffen, so der aus der Vokabel sprechende Appell. Das Land der Ideen überlebt im Globalen nur durch Innovation. Das Geld wird in Zukunft auf smarte Weise verdient, leichthändig und einfallsreich, aber immer digital. Jean-Claude Juncker verspricht, dass die EU Berlins digitale Wirtschaft ganz besonders fördern werde. Google kündigte an, 100 Millionen Euro in Berlins Start-up-Szene zu investieren.