Karsten Hinrichsen hat gewonnen, aber er fühlt sich nicht so. Er steht auf dem Elbdeich hinter seinem Haus, ein schmaler Mann von 71 Jahren, und schaut auf das Monster unten am Fluss, das er bekämpft hat, jahrzehntelang. Eine riesige Kuppel, ein grauer Schornstein, der in den milchigen Himmel ragt – das Atomkraftwerk Brokdorf. In wenigen Jahren wird es abgeschaltet. Doch das, was an seine Stelle treten soll, ist nicht so, wie Hinrichsen es sich vorgestellt hat.

Er stapft in seinen Gummistiefeln vom Deich zurück zum Haus, in dem er so lange den Widerstand organisiert hat. Vor der Tür ein verwilderter Garten, an der Küchenheizung döst die Katze. Auf der Anrichte steht noch Hinrichsens Spendenbüchse, ein Aufkleber schreit: "Atomkraftwerk Brokdorf stilllegen – aber sofort!"

Anfang der achtziger Jahre stand Hinrichsen mit Tausenden anderen Demonstranten am Zaun, bis die Polizei mit Tränengas und Hubschraubern anrückte. "Das ging schon Richtung Krieg", sagt Hinrichsen.

Damals gewann die Atomlobby. 1986, nur Monate nach der Katastrophe von Tschernobyl, ging in Schleswig-Holstein das AKW Brokdorf ans Netz. Hinrichsen bezahlte Anwälte, klagte vor Gericht, 13 Jahre lang, am Ende war er um 90.000 Mark ärmer, aber Brokdorf lief weiter. Seine Ehe zerbrach. "Ich hatte immer nur ein Thema", sagt Hinrichsen. Den Kampf gegen die Atomkraft. Und die Suche nach Alternativen.

Schon 1993 baute Hinrichsen, ein studierter Meteorologe, Sonnenkollektoren auf das Dach seines Hauses und eine kleine Windkraftanlage, nur einen Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk. Er wollte weitere Windräder aufstellen, aber die Gemeinde und die Bauern waren dagegen. Hinrichsen galt damals als Spinner.

Er sitzt an seinem Küchentisch und erinnert sich, wie seine Mission zum Mainstream wurde. Wie groß die Genugtuung war, als Rot-Grün im Jahr 2000 den Atomausstieg beschloss und Schwarz-Gelb 2011 auf den gleichen Kurs umschwenkte.

Und wie groß die Enttäuschung ist, seit er begriffen hat, was die deutsche Energiewende bedeutet.

Bald wird in Hinrichsens Nähe wieder ein Ungetüm gebaut werden, in der Kleinstadt Wilster, keine zehn Kilometer von seinem Haus entfernt. Holzfäller werden Bäume absägen, Bauarbeiter werden Äcker umgraben, um Platz zu schaffen für einen riesigen Strommast, 70 Meter hoch und damit fast doppelt so groß wie die meisten gewöhnlichen Masten, eingefasst in Beton, gefolgt vom nächsten Mast ein paar Hundert Meter weiter, vom übernächsten und überübernächsten.

Wie eine endlose Reihe von Wachtürmen werden sich die Strommasten durch die Republik ziehen. Es wird eine Schneise entstehen, 80 Meter breit und rund 720 Kilometer lang, eine Höchstspannungsleitung, die Strom durchs Land jagt, über Dörfer, Felder, Flüsse und Mittelgebirge hinweg, einmal längs durch Deutschland, von Niebüll in Schleswig-Holstein bis nach Grafenrheinfeld in Bayern. Es ist diese Wucht, die brachiale Größe der Bauten, die Karsten Hinrichsen das Gefühl geben, dass irgendetwas falsch läuft. Die verhindern, dass er sich als Sieger fühlt, obwohl er den Kampf gegen das AKW Brokdorf am Ende gewonnen hat.

Mehrere neue Megatrassen will die Bundesregierung im Zuge der Energiewende in den nächsten Jahren bauen lassen. Sie tragen Namen wie Westküstentrasse, Südlink, Süd-Ost-Trasse oder auch Korridor A bis D. Es ist das größte deutsche Infrastrukturprojekt seit dem Bau der Autobahnen.

"Wer Ja sagt zu erneuerbaren Energien, muss auch Ja zum Netzausbau sagen", hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt.

"Der Leitungsausbau ist die Voraussetzung dafür, dass wir die Energiewende betreiben können", sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Was bei Gabriel so plausibel wie beiläufig klingt, umschreibt das große Problem der Energiewende: Atomkraftwerke konnte man dort bauen, wo man Strom braucht. Der Wind aber weht vor allem an der Küste. Wer Atomkraftwerke durch Windräder ersetzen will, muss dafür sorgen, dass der Strom auch in den Süden, nach Bayern, nach Hessen, nach Baden-Württemberg gelangt, wo der Wind wenig Kraft hat.

Eigentlich logisch.

Wenn da nur nicht diese Zahlen in den Zeitungen stünden. Wenn da nicht diese Bilder im Fernsehen wären. Wenn nicht diese Schreiben auf Karsten Hinrichsens Küchentisch lägen.

Es sind seine Stromrechnungen aus den vergangenen Jahren. Im Jahr 2000 hat Hinrichsen umgerechnet 18 Cent für die Kilowattstunde Strom bezahlt. Heute sind es rund 33 Cent, ohne Mehrwertsteuer. Seit dem Atomausstieg ist sein Strompreis auf dem Papier also um weit mehr als die Hälfte gestiegen. Das liegt daran, dass der Strom aus Wind und Sonne so teuer ist, lautet die gängige Begründung. Aber stimmt das auch?

Und wieso steht in den Zeitungen, dass in Deutschland der Ausstoß an Treibhausgasen steigt, obwohl es noch nie so viele Windräder und Sonnenkollektoren gab?