Ventile und Rohre an einer Gas-Kompressor-Station an der Ukrainisch-Slowakischen Grenze. Die Ukraine importiert seit August 2014 Gas aus der Slowakei. © David W Cerny/Reuters

Ginge es in der internationalen Politik ökonomisch rational zu, dann wäre diese Geschichte überflüssig. Dann wäre das Szenario, das ihr zugrunde liegt, gänzlich frei erfunden. Ein Hirngespinst. Niemand in Deutschland würde fürchten, dass seine Wohnung im bevorstehenden Winter kalt bleibt. Niemand würde sich Gedanken darüber machen, ob er genug Brennholz für seinen Kaminofen beschaffen kann. Niemand würde es wagen, die vor drei Jahren beschlossene Stilllegung aller Atomkraftwerke noch einmal infrage zu stellen.

Waltete allein wirtschaftliche Vernunft, dann würde nämlich niemand ernsthaft damit rechnen, dass Wladimir Putin, der russische Präsident, auf die Idee kommen könnte, dem Westen den Gashahn abzudrehen. Erdgas ist schließlich eines der wenigen Produkte, mit denen Russland Geld verdient. Putin wäre verrückt, wenn er darauf verzichtete.

Dennoch ist ein Stopp der russischen Gaslieferungen nicht mehr vollständig auszuschließen, zum Beispiel als Revanche für verschärfte westliche Strafmaßnahmen. Die flüchtige Energie kam bisher zwar immer in Deutschland an, selbst in den finstersten Zeiten des Kalten Krieges. Doch langsam schwindet der Glaube an die Zuverlässigkeit der russischen Lieferanten. Die Ukraine bekommt schon seit einigen Monaten kein Gas mehr – und Russland hat gerade einen umfangreichen Liefervertrag mit China geschlossen.

In der vergangenen Woche befeuerte der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk die Furcht der Europäer. Er behauptete, Kenntnis davon zu haben, dass Russland der EU im kommenden Winter den Gashahn zudrehen wolle. Sowohl der russische Energieminister als auch der Chef des Öl- und Gaskonzerns Rosneft dementierten das zwar umgehend. Doch allein weil inzwischen so häufig darüber geredet wird, wächst die Angst vor dem Ernstfall.

Was dann? Gingen in Deutschland die Lichter aus? Müssten die Menschen frieren? Zwänge ein russischer Lieferstopp die Konjunktur in die Knie? Würde der Streit um die Energiewende neu entflammen – und erst recht der um den Atomausstieg?

Ein Blick in die Statistik zeigt, wie wenig überzeugend die Idee ist, Gas durch Atomstrom zu ersetzen. Deutschland bezieht zwar 35 Prozent seines Erdgases aus Sibirien; aber nur 12 Prozent des gesamten Gas-Verbrauchs dienten zuletzt der Stromerzeugung.

Selbst der Umstand, dass Erdgas als Brücke in die Ära der erneuerbaren Energien gilt, lässt seine Bedeutung für die Stromerzeugung und für das Gelingen der Energiewende nicht wachsen. Für diese Wende sind Kraftwerke nötig, die schnell an- und wieder abgeschaltet werden können, je nachdem, ob der Wind weht oder nicht. Dafür sind Gaskraftwerke ideal geeignet. Dauerhaft am Netz sein und dabei viel Brennstoff verbrauchen müssen sie nicht.

Bleibt der Nachschub aus Sibirien aus, dann droht keine Strom-, sondern eine Wärmekrise. Jede zweite der rund 41 Millionen Wohnungen wird mit Erdgas geheizt. Noch etwas mehr Gas als alle Haushalte zusammen verbraucht die Industrie – zur Erzeugung von Prozesswärme, aber auch beispielsweise zum Schweißen, zur Erzverhüttung, zur Kunststofferzeugung oder zur Härtung von Fetten. Die Industrie und die Haushalte, sie wären das Ziel eines Lieferembargos.

Wie stark die Betroffenheit wäre, hat das Energiewirtschaftliche Institut (EWI) der Universität Köln ermittelt. Ergebnis: Einen im November beginnenden Lieferstopp aus Russland könnten fast alle europäischen Länder verkraften – allerdings nur, wenn er nicht länger als drei Monate währte. Die in dieser Zeitspanne ausbleibenden Lieferungen ließen sich durch Entnahmen aus den gut gefüllten Gasspeichern ausgleichen und durch etwas mehr importiertes Gas aus anderen Quellen. Lediglich in Polen und in der Türkei käme es zu ersten Engpässen.

Dauerte der Lieferboykott sechs Monate an, könnte auch in Deutschland die übliche Nachfrage nicht mehr gedeckt werden. Wenn der Lieferausfall sogar neun Monate währte, also bis Mitte nächsten Jahres, dann käme es laut der druckfrischen EWI-Studie in Deutschland, dem größten Importeur von russischem Gas, sogar zu ernsten Problemen. Es fehlten dann zwölf Milliarden Kubikmeter; das ist mehr als ein Drittel der Menge, die private Haushalte im vergangenen Jahr zum Heizen und zum Wassererwärmen verbrauchten. "Der Angebotsausfall wäre gravierend", sagt der EWI-Studienleiter Harald Hecking.