Ioan Hefin spricht, verkleidet als Naturforscher Alfred Russel Wallace, zu seinen Anhängern. © Urs Willmann

Meine bisher längste Wanderung ließ sich in Stunden bemessen. Für die heutige sind größere Dimensionen nötig. Ich habe mir 3,8 Milliarden Jahre vorgenommen. Das könnte sich hinziehen. Ich hoffe, die eingepackten Double-Chocolate-Cookies und die Nüsse und Rosinen reichen bis ins Ziel: zum Anfang des Lebens.

Knapp hundert Leute stehen mit mir vor dem Klinkerbau der Chingford Railway Station im Norden Londons. Gemeinsam wollen wir uns auf den menschlichen Zweig des Ancestor’s Trail begeben. Dies ist keine Wanderung im herkömmlichen Sinn, es ist eine Pilgerreise. Aber auch innerhalb der Kategorie Pilgerreise ist es kein gewöhnliches Unternehmen. Es fehlt das religiöse Element, komplett.

Die meisten Teilnehmer sind Humanisten – sortenreine Atheisten, deren weltanschauliches Gerüst von den Pionieren der Evolutionslehre errichtet wurde: Charles Darwin und Alfred Russel Wallace. Gott hat auf dieser Wanderung eigentlich nichts verloren. Aber er taucht doch in den Gesprächen der Wartenden auf, in denen es um Evolution, Verwandtschaften und Artensterben geht. An einem solchen Tag scheint es wichtig zu sein, sich gegen imaginäre Gegner abzugrenzen, die beim Durchschreiten der Natur vielleicht auf die spinnerte Idee kämen, von Schöpfung zu reden.

Die Pilgerwanderung beginnt unweit des Bahnhofs im hohen Gras. Den ersten Schritt gen Norden zelebriert der Evolutionsbiologe Yan Wong überdeutlich. Ein Stechschritt in Superzeitlupe, um das Prinzip zu erläutern, um das es geht. Wong ist der Co-Autor des Buchs The Ancestor’s Tale von Richard Dawkins. Geschichten vom Ursprung des Lebens heißt das Werk auf Deutsch. Es beschreibt den Weg aus der Gegenwart zurück zu den Wurzeln.

Der Baum des Lebens gibt im Buch die Route vor. Wir Menschen sind ein Blatt am Rand der Krone, über den Blattstiel mit Ästchen, Ast und Stamm verbunden. Vierzig Kapitel lang geht der Leser auf Zeitreise: zurück zu jener Zelle, die den Prozess in Gang setzte – indem sie sich als Erste zweiteilte.

Im Lauf von 3,8 Milliarden Jahren haben sich aus der Urzelle Kreaturen wie der Farn, die Nacktschnecke, der Quastenflosser, das Rindvieh oder die Stechmücke entwickelt. The Ancestor’s Tale inspirierte den Humanisten Chris Jenord, Lehrer für Biologie, Chemie und Physik, zum Ancestor’s Trail – einem metaphorischen Fußmarsch zum Ursprung allen Lebens (ancestorstrail.org.uk).

Im vergangenen Jahr durchstreiften die Pilger Cornwall. Der nunmehr fünfte evolutionäre Wandertrip führt durch London, genauer gesagt durch den Epping Forest und das Lea Valley am Rand der Metropole. In einführenden Worten hat der Organisator Chris am Morgen die Hoffnung geäußert, dass sich keiner verlaufe: "Achten wir darauf, dass die menschliche Spezies nicht ausstirbt." Es wird an diesem Tag nicht der einzige Kalauer über das Aussterben bleiben – obwohl es schwierig ist, sich einen plötzlichen Artentod im evolutionären Rückwärtsgang logisch vorzustellen.

Yan Wong hat seinen ersten Schritt beendet und bleibt auf dem rechten Bein stehen. "Das waren 10.000 Jahre!", ruft er der Zuhörerschaft zu. Schon nach einem Meter steht er damit am Anfang der neolithischen Revolution, als der Mensch begann, die Landwirtschaft zu erfinden.

Yan macht weiter im Stechschritt, jeder Tritt weitere 10.000 Jahre zurück. "Hier kamen wir aus Afrika", ruft er nach zehn Schritten. Er dreht sich um und zeigt zurück ins Gras auf eine imaginäre Schlüsselstelle zwischen den Büschen: "Dort begegnete unsere Spezies dem Neandertaler."