Sie applaudieren, als die Aeroflot-Maschine in Simferopol landet, länger und lauter, als man das sonst aus Ferienfliegern kennt. In die Freude auf den Süden, das Meer und die Sonne mischt sich in diesem Sommer die Erleichterung, dass beim Flug von Moskau auf die Krim alles gut gegangen ist. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich von mir auf meine russischen Mitreisenden schließe?

Es ist unwahrscheinlich, dass sie wie ich den gestrigen Tag damit verbracht haben, Flugrouten zu studieren, um sicherzustellen, dass wir nicht über umkämpftes Terrain fliegen. Ihnen hat auch niemand eingeschärft, sie sollten doch bitte vorsichtig sein, weil sie ja ein Krisengebiet bereisten. Aus russischer Sicht gilt die Krim als "befriedet". Seit dem umstrittenen Referendum, das im März zur Abtrennung von der Ukraine führte, werden Reisen dorthin als patriotischer Akt von der Regierung gefördert. Vielleicht klatschen meine Mitreisenden ja sich selbst ein wenig Beifall. In der Flughafenhalle wundern sie sich über die alten ukrainischen Hinweistafeln. Auf einigen kleben Zettel mit den entsprechenden russischen Begriffen. Ein Passagier entdeckt dort prompt einen Tippfehler. Barsche Frage ans Bodenpersonal: "Haben Sie keinen, der bei Ihnen Korrektur liest?" Barsche Antwort: "Haben Sie Kapazität?"

Draußen schlägt mir die Hitze ins Gesicht. Schon am späteren Vormittag hat die Sonne den Asphalt weich gekocht. Der Geruch des Südens – Feigen und Akazien – mischt sich mit den Auspuffgasen der Charterbusse, die die Leute nun in die Hotels und Sanatorien von Jalta, Kertsch und Sewastopol befördern. Ich will nach Artek, ins größte und berühmteste Kinder- und Jugendlager der Welt. 1925 auf Lenins Geheiß am südlichen Zipfel der Halbinsel gegründet, war es über sechzig Jahre lang der Sehnsuchtsort sowjetischer Komsomolzen. Kein Kind, das nicht gewusste hätte, dass man von den Schlafsälen in Artek auf die See gucken konnte, das die roten Halstücher nicht als Zeichen der Auserwähltheit erkannt hätte. Denn nur wer gut lernte und von strammer Gesinnung war, kam damals aus Sibirien oder der kasachischen Steppe ins Land, wo die Zitronen blühen. Der Mythos Artek war so stark, dass er die Ideologie, die ihn trug, mühelos überlebte.

Als ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal dort war, deutete nichts darauf hin, dass das Kinder- und Jugendlager schon seit 1991 der unabhängigen, kapitalistischen Ukraine gehörte: uniformierte Kinder, die im Schatten einer gigantischen Lenin-Statue paradierten, Aufseher, die Parolen skandierten, eine Lehrerin, die beim Mittagessen sagte: Sie finde, die sozialistische Pädagogik habe sich bewährt. Doch es war, zumindest für die Kinder, ein Spiel. Sie waren ja keine kleinen Parteisoldaten mehr, sondern zahlende Gäste, denen es gefiel, für ein paar Wochen die Erzählungen ihrer Eltern nachzuerleben.

Wie alle ukrainischen Staatsbetriebe auf der Krim hat die russische Regierung jetzt auch Artek "nationalisiert". Und vielleicht gibt die konservierte Vergangenheit hier einen Vorgeschmack der Zukunft. Während die Ukraine nach Westen strebt, will Russland bekanntlich zurück zu alter Größe – und zu den Traditionen, die Artek seit 89 Jahren pflegt.

Die Straße, die sich in Serpentinen bis an die Küste windet, ist so löchrig, wie ich sie in Erinnerung hatte. Doch sie führt durch eine Gegend, der es in den letzten Jahren gut gegangen sein muss. Villen und brandneue Ferienanlagen lassen auf eine reiche Klientel schließen, Baustellen zeigen: Hier wird investiert. Nach einer guten Stunde passiert das Taxi eine riesige Betonflagge mit dem Staatswappen von Russland und der Sowjetunion (das ukrainische haben sie vor Kurzem abgeklopft), dann bin ich in Artek.

Wild und unberührt wirkt das Jugendlager auf den ersten Metern, Mirabellen kullern über die Straße, Katzen streunen umher. Platz wäre hier für 4.000 Kinder. Diesen Sommer sind es nur 1500, weil die Ukrainer wegbleiben. Rechts und links der Straße blühen uralte Oliven- und Feigenbaumhaine. Schließlich eine Schule, die man mit ihren spitzen Türmchen für ein Hotel aus postsozialistischen Angeberzeiten halten könnte, ein riesiger Sportplatz, bröckelige Arenen, Schwimmbäder und die terrassenförmig an den Hang gebauten Wohnstätten der Kinder. Auf halbem Weg zum Ufer ragt auch noch die steinerne Glatze von Wladimir Iljitsch Lenin aus den Bäumen, dem sie hier ja wirklich viel zu verdanken haben. Welches kapitalistische Land hätte ein solches Traumgrundstück für die Jugend reserviert? 2,2 Quadratkilometer hat das Areal. "Mehr als Monaco", sagt der Artek-Mitarbeiter, der hinter der Betonflagge zugestiegen ist. Er heißt Juri Mamyschew, trägt weiße Shorts zu weißen Sandalen und macht nicht den Eindruck, als würde man ihn schnell wieder los.

Mein Hotel liegt am östlichen Ende des riesigen Küstengartens. Es ist nicht wahnsinnig gut in Schuss, doch die gewienerten Marmorböden und die hellen, großzügig geschnittenen Zimmer, von denen man aufs Meer schaut, erinnern daran, dass hier einst die Elite abstieg. Leider nimmt das Hotel im Moment keine Kreditkarten. Die schöne Frau an der Rezeption ist untröstlich, behält meinen Pass ein und schickt mich gleich wieder los: nach Gursuf, in den Badeort am anderen Ende der Bucht, Geld holen. Was schwieriger ist als gedacht. Der erste Geldautomat ist leer, der zweite wird von einem Polizisten bewacht. Nach der gelungenen Transaktion sagt er: "Glück gehabt!" Rubel seien gerade Defizit. Auf der russischen Krim? Mamyschew, der tatsächlich die ganze Zeit an meinen Fersen klebt, schaut etwas betreten. "Die Ukrainer hatten 23 Jahre Zeit, sich hier einzurichten, da dürfen wir schon ein paar Monate brauchen."

"Artekzy malazyj", Leute von Artek sind super!, rufen die Kinder nach der Mittagsruhe, die hier "absolut" heißt, weil sie keine Ausnahmen duldet. Wie 2002 marschieren sie in Zweierreihen durchs Gelände, wie damals tragen sie beigefarbene Shorts und karierte Hemden. Nachdem sie den Vormittag mit Gruppenarbeit in den Abteilungen Kino, Journalistik, Tourismus oder Maritimes verbracht haben, geht es jetzt rauf zu den Sportplätzen: Training für die Wettbewerbe, bei denen die Gruppen ständig ihre Kräfte messen. Oder runter ans Meer.