Irgendwo in den Gassen Istanbuls musste jemand die Rakete gezündet haben. Wo genau, war von der Dachterrasse des Restaurants aus nicht zu sehen. Wir blickten ihr hinterher, wie sie ihren Schweif durch den Nachthimmel zog, über den Bosporus. Wir, das waren die Reste einer Hochzeitsgesellschaft. Das Brautpaar hatte gefeiert, wie die türkische Oberschicht feiert: 300 Gäste, vier Fotografen, ein Kameramann, das Brautkleid aus Paris und die Popmusik aus Amerika.

Die Rakete verglühte. Ein Mann sagte: "Die war für Tayyip. Sie zelebrieren ihren Sieg über uns." Während wir gefeiert hatten, hatte Erdoğan die Präsidentschaftswahl gewonnen. Ein islamischer Politiker aus den Gassen Istanbuls. Bei seiner Feier gab es keine Kleider aus Paris. Dafür Frauen in Kopftüchern. Auf der Terrasse flüsterte ein Mädchen: "Sag nicht wir und sie, du klingst, als wären wir verschiedene Völker." Der Mann antwortete: "Sind wir auch. Wir hatten nie etwas miteinander zu tun."

Ich blickte mich um. Die Männer auf dem Dach waren glatt rasiert, die Frauen trugen die Haare offen. Sie hatten im Ausland studiert, arbeiteten für Konzerne. Sie waren mir ähnlicher als den Türken dort unten. Wie ist das in Deutschland?, fragte das Mädchen.

Wie ist das in Deutschland? War auch ich ihnen ähnlicher als den Deutschen, die nicht im Ausland studiert, sondern eine Lehre absolviert hatten? Hatte ich Kontakt mit solchen Menschen? Ich dachte an den Sportverein, das Ferienlager, dann fiel es mir ein: im Zivildienst.

Elf Monate war ich Zivi in einer Freiburger Behindertenwerkstatt, arbeitete als Werkstattgehilfe und lernte Lkw fahren. Die Behinderten kamen aus den umliegenden Dörfern. Ihre Eltern waren Bauern und Handwerker. Ich wollte nicht in die Werkstatt. Ich wusste nicht, wie man mit Lastwagen umgeht oder mit Menschen mit Behinderung. Doch es war nichts anderes mehr frei. Und so stand ich eines Tages vor einer Eingangstür, hinter deren Glas sich fünf Dutzend Werkstattmitarbeiter die Nasen platt drückten und riefen: "Zivi! Zivi!" Ich kam mir vor wie ein Tier.

In den ersten Wochen bekam ich in der Kantine keinen Bissen runter und walzte mit dem Lkw den Zaun der Nachbarn nieder. Nach drei Monaten schaffte ich das Mittagessen und die Landstraße. Nach sechs Monaten aß ich den Nachtisch, den mir die Behinderten zusteckten, und fuhr singend durch den Schwarzwald. Und als alles vorbei war, herzte ich fünf Dutzend Menschen mit Behinderung und fuhr meinen Umzugs-Lkw vom Hof. Typische Zivildienst-Erfahrungen.

2011 stellte eine Studie des Familienministeriums fest, der Zivildienst sei eine "gelungene Instanz der persönlichen und sozialen Entwicklung junger Männer". Egal, mit welcher Einstellung die Dienstzeit angetreten worden war, am Ende hatten die Zivis bessere soziale Kompetenzen. Sie waren teamfähiger und selbstständiger. Sie hatten mehr Verständnis für andere gesellschaftliche Gruppen, übernahmen mehr soziale Verantwortung und traten eher für die Rechte anderer ein. "Zivilgesellschaftliche Auswirkungen" nennt das der Report und konstatiert, dass "Strukturen erlebt wurden, die davor und danach ... in der Form nicht mehr erlebt wurden".

Ein Jahr zuvor befragte das Deutsche Jugendinstitut ehemalige Zivildienstleistende und kam zu ähnlichen Ergebnissen. Fast 90 Prozent der befragten Ex-Zivis gaben an, teamfähiger zu sein, andere Menschen besser zu verstehen und ihnen mehr zu vertrauen.

Im Zivildienst erfuhren wir jungen Männer, was es heißt, Teil einer Gesellschaft zu sein. Wir verstanden, dass unser Land nicht nur aus Akademikern und deren Kindern besteht. Und, ja, wir lernten Demut, als wir dem Jungen im Rollstuhl den Sabber vom Mund putzten und der Greisin im Krankenhaus den Kot vom Körper. Wir übernahmen Verantwortung und wurden zu Bürgern. Es ist eine Erfahrung, die nicht nur jungen Türken fehlt, sondern auch jungen Deutschen, seit die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde und damit der Zivildienst verschwand.

Aber eine Gesellschaft braucht diese Erfahrung, sonst zerfällt sie. Deutschland braucht ein soziales Pflichtjahr für alle jungen Deutschen. Abzuleisten von jenen, die jetzt noch in der Schule sind, bevor sie mit Studium und Ausbildung beginnen. Die Einsatzorte können soziale, kulturelle oder andersartig gemeinnützige Institutionen sein. Innerhalb Deutschlands – denn nur so begreift man, wer die anderen sind, mit denen man dieses Land teilt.