In der Berliner Lisson Gallery stellt Christian Jankowski aus. Hier seine Installation "Wow" aus der Serie "Visitors" (2013) © Christian Jankowski/abc

Berlin gilt zwar als die europäische Hauptstadt der Künstler, doch als Marktplatz der Kunst ist die Stadt nicht ganz so erfolgreich. Zwei Initiativen wollen das ändern. Übernächste Woche startet die Berlin Art Week, deren Hauptattraktion die Art Berlin Contemporary (ABC) ist, eine Kunstmesse in der Station am Gleisdreieck, gegründet von international umtriebigen Galeristen. Hier sollen nicht so sehr die Galerien, sondern die 115 ausgestellten Künstler und ihre Werke im Mittelpunkt stehen (18. bis 21. September, www.artberlincontemporary.com). Zeitgleich lädt die neue Kunstmesse Positions 52 Galerien in das ehemalige Kaufhaus Jandorf (www.positions.berlin). Maike Cruse ist die Direktorin von ABC und Gallery Weekend, Kristian Jarmuschek der Gründer der Positions und Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien.

ZEIT: Auf den internationalen Auktionen ist die zeitgenössische Kunst so teuer wie nie. Wie viele Berliner Galeristen hat dieser Boom reich gemacht?

Kristian Jarmuschek: Nur 14 Prozent der rund 230 Berliner Galerien machen laut einer Studie des Instituts für Strategieentwicklung, IFSE, einen Jahresumsatz von mehr als 500.000 Euro. Noch auffallender ist, dass es immer weniger mittelständische Galerien mit einem Umsatz um die 200.000 Euro gibt. Die Mehrheit der Galerien macht nicht mehr als 100.000 Euro Umsatz im Jahr. Sie funktionieren wie Projekträume, die Galeristen können von ihrer Arbeit nicht wirklich leben, hier ist ein hohes Maß an Idealismus notwendig.

ZEIT: Gibt es zu viele Galerien in Berlin?

Maike Cruse: Zu viele Galerien kann es nie geben. Die Galeristen gehören zu den wichtigsten Protagonisten im Kunstsystem, sie entdecken und fördern die Künstler und helfen ihnen bei ihrer Entwicklung.

Jarmuschek: Es braucht so viel Mut wie in keinem anderen Wirtschaftszweig, um eine Galerie aufzumachen. Es gehört sehr viel Leidenschaft dazu, als Galerist Kunst sichtbar zu machen, die zuvor niemand sehen konnte.

ZEIT: Diesen Herbst stellt die Galeristin Joanna Kamm ihre Arbeit ein. Sie war eine wichtige Protagonistin der Berliner Galerienszene und Mitbetreiberin der ABC. Warum ist es so schwer, Kunst in Berlin zu verkaufen?

Cruse: Diese Schließung ist ein herber Verlust für die Kunstszene, aber sie folgt keinem Trend. Das Galeriegeschäft ist sehr risikoreich. Es ist verdammt schwierig für Galeristen, die ihre Künstler langsam aufbauen, aber trotzdem durch die Teilnahme an teuren Kunstmessen international sichtbar sein wollen.

Jarmuschek: Es gibt Statistiken, die den durchschnittlichen Gewinn einer Galerie nur bei vier bis fünf Prozent des Umsatzes sehen. Als Galerist muss man seine Zufriedenheit aus etwas anderem als dem ökonomischen Kapital ziehen. Es ist dann meist eine sehr persönliche Frage, wie lange man dazu Lust und Kraft hat.

Cruse: Manche Galeristen wollen vielleicht einfach mal einen anderen Job machen. Aber von Galeristen wird immer erwartet, dass sie bis ans Ende ihres Lebens ihre Galerie führen.

ZEIT: Und weil die Kunst eben nicht eine Ware wie jede andere ist. Sind die meisten Galeristen schlechte Unternehmer?

Jarmuschek: Die meisten Galeristen haben ein kaufmännisches Verständnis. Aber es ist völliger Quatsch, dass man mit den üblichen Managementmethoden ein guter Galerist werden kann. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit einem Künstler ist immer langfristig – und hat auch Phasen, in denen man betriebswirtschaftliche Regeln missachten muss.

Cruse: Wenn man sich die Art Basel als mächtigste Kunstmesse der Welt anschaut, dann kommen dort gleich nach New York die meisten Galerien aus Berlin. Das spricht für den Erfolg und die Qualität der Berliner Galerien, doch verkaufen diese meist ins Ausland. Der Berliner Käufermarkt ist im Vergleich zu New York und London schwach. Deshalb sind unsere Formate Gallery Weekend und ABC ja so wichtig für den lokalen Markt. Sie ziehen Sammler und Kuratoren aus dem Ausland nach Berlin und entwickeln auch vor Ort einen Kunstmarkt, der langsam wächst.

Jarmuschek: Im vergangenen Jahrzehnt gab es ein großes Interesse an Künstlern, die in Berlin leben oder hier gezeigt werden, gerade aus dem Ausland, die Sammler reisten manchmal extra für eine einzige Ausstellungen an. Diese internationale Reisebereitschaft hat etwas nachgelassen, deshalb müssen wir schauen, dass in der Stadt selbst neue Sammlerschichten entstehen.

ZEIT: Und wie soll das funktionieren?

Jarmuschek: Wir haben mit der Freien Universität gerade ein Seminar veranstaltet, bei dem angehenden Sammlern erklärt wird, wie viele Qualitätsfilter ein Kunstwerk durchlaufen hat, bevor es endlich auf einer Kunstmesse landet.

Cruse: Die Hemmschwelle vor dem ersten Kunstkauf scheint relativ hoch zu sein, aber hier helfen Kunstmessen, auf denen man einfach ins Gespräch mit Galeristen und auch Künstlern kommen kann. Wir haben auf der ABC zudem ein exklusives Programm, mit dem Sammler die Ateliers der vielen in Berlin ansässigen Künstler besuchen können. Dieses Jahr etwa die von John Bock, Christian Jankowski und Alicja Kwade.