Lebensstil: Anpassung – Die 68er waren als Generation des Protests leicht zu definieren. Seither streiten Soziologen, wie die folgenden, politisch eher unauffälligen Alterskohorten zu definieren sind. Bloße Karrieristen oder Träumer auf der Suche nach einer neuen Innerlichkeit? Gibt es ein neues Biedermeier – oder nur mehr Opportunismus?

Überall Einweckgläser. Aufgereiht, meist leer, man soll sie mit nach Hause nehmen. Gibt es plötzlich mehr Marmelade? Nein, nur Menschen, die gern Marmelade einkochen, Brotaufstriche, Chutneys, Pannacotta. Das Einweckglas ist das Accessoire einer neuen Häuslichkeit, die vor allem junge Paare befallen hat. 30-jährig, gesund und munter, zieht es sie hinaus in die Natur, auf den Biomarkt und ins Umland, das sie mit dem Fahrrad erkunden. Und natürlich zurück in die Stadt, in den Szenebezirk, bepackt mit Frischem, Einfachem und Gutem, das man schließlich nicht alles an einem Abend essen kann.

Managerstudien, Sachbücher und Zeitungen sind sich einig: Sie attestieren jungen Erwachsenen inzwischen eine Lebenshaltung, die mit der Getriebenheit der beschleunigten Arbeitswelt bricht. Die sogenannte Generation Y strebe nicht mehr danach, Chef zu werden, sie wolle Glück statt Geld, Freizeit statt Karriere, Privatleben statt Macht.

Zeit, die es zu füllen gilt. Räume, die es zu befüllen gilt. Einwecken, Brot backen, Kochkurse belegen, das gehört zu den beliebten Beschäftigungen, denen der Sänger Rainald Grebe in seinem Lied 30-jährige Pärchen ein Denkmal setzt. "Reich mir mal den Rettich rüber", so der Refrain des Songs, der einen Abend bei selbst gemachtem Sushi beschreibt, zu dem sich das besungene Paar mit einem anderen verabredet hat.

"Wenke und ich sind froh, dass wir bei uns in der Straße immer einen Parkplatz finden." – "Ja, das ist optimal." Solche Dialoge kennzeichnen diese Abende, an denen es stets heißt , dass man sie "unbedingt wiederholen" müsse. Übers Wohnen wird geredet, über gemeinsam geplante Urlaube und die neueste Fernsehserie, nach der man jetzt so süchtig geworden sei.

Der Staffelpass für Fernsehserien wie Borgen, Homeland, House of Cards ist kein Armutszeugnis für eine Beziehung, in der man sich nichts mehr zu sagen hat. Denn hier wird schon lange nicht mehr einfach nur ferngesehen, um vom Alltag zu fliehen. Jede geschaute Episode bedeutet ein Eintauchen in die Welt zu zweit, ins ritualisierte Zusammensein. Es hat nichts von stumpfem Nebeneinanderherleben, sondern ist eine bewusste gemeinsame Aktivität. Der Inhalt des gemeinsamen Glücks an sich, das, von dem man erzählt, von dem man Bilder auf Instagram und Facebook nach außen dringen lässt. Die Generation Rettich postet, was das Zeug hält. Erst die Vorführung des Glücklichseins macht das Glücklichsein zum Glücklichsein. Und das liegt in der Perfektion: Kaffeeschaum ist nicht nur Kaffeeschaum. Es ist der qualitativ beste, der ästhetisch tauglichste, das ultimative Symbol für einen bewusst erlebten Moment. Babys und Babyspinat, selbst gepflückte Blumen, der alte, rustikale Bauerntisch – all das wird fürs Publikum, für Freunde und Follower aufbereitet.

In der neuen Pärchenästhetik ist der Status quo zum Ideal geworden, den man immer weiter verfeinert. Essen, parken, wohnen. Es sind Verben einer ewigen, zirkulären Dynamik, eines romantischen Kreisverkehrs, der sich selbst genügt. Kein Transzendenzstreben steckt in dieser Autopoiesis der Zweisamkeit, keine Mission. Ein selbst gebackenes Dinkelbrot kann schließlich Projekt genug sein.

Das Einweckprinzip des guten Lebens besteht in der stetigen Reduktion. Im immer Natürlicheren, Puristischen, das signalisiert, weniger statt mehr zu benötigen. Ein schönes Konzept der Lebenskunst jenseits des Konsums – wenn es nur nicht im aufwendigen, teuren Kunstwerk erstarrte. Man braucht nur Erdbeeren zum Glücklichsein? Aber bitte in der feinen Schale aus Japan, auf der schwedischen Landhaustischdecke, wo schon die Ray-Ban-Brille und das iPad hindrapiert liegen. Ein pseudo-buddhistischer Hypermaterialismus, der signalisiert, dass man ganz und gar nicht materialistisch sei.

Man möchte diesen Paaren ihren Frieden und ihre fortwährenden Glückspräsentationen nicht gönnen. Ihrer Fixierung auf die Idylle könnte man einen Rückzug in den geistigen Vorruhestand unterstellen. Doch es liegt auch etwas Rührendes in der Gegenwelt, die sie entwerfen: ein Zuhause im altmodischen Sinne, eine Zone der Wärme und der neuen Verlässlichkeit inmitten der kühlen Risikogesellschaft mit ihren Scheidungsstatistiken und befristeten Verträgen. Und ist die Naturverbundenheit, die das Paar inszeniert, nicht tatsächlich das Glück, nach dem sich alle sehnen? Kann man ihnen wirklich böse sein, dafür, dass sie ihren Frieden so unbekümmert ins Schaufenster stellen? Eskapismus, Privatismus, Gartenzwergismus? Sie wollen es sich doch nur schön machen.