Von dem Mord an den Kindern David und Mirat gibt es keine Fotos. Als die Bombe auf das Haus der Familie Alijas in Karakosch fiel, spielten die beiden Cousins im Garten. Es war der 6. August 2014, eine Woche zuvor waren sämtliche Christen aus der irakischen Stadt Mossul vertrieben worden, aber offiziell herrschte kein Krieg. Als die Explosion die Kinder in blutige Einzelteile zerriss, waren keine Kriegsfotografen vor Ort. Der "Islamische Staat" marschierte von Mossul nach Norden, und das Haus der Alijas war der erste Treffer in Karakosch. Ein Warnsignal. Darauf folgte ein apokalyptischer Exodus, 100.000 Christen flohen allein aus der Region Ninive, doch weil sie aller Habe, auch ihrer Handys beraubt wurden, gibt es kaum Bilder. Die toten Kinder, das Entsetzen der Eltern, die Vergewaltigungen auf der Flucht: Familie Alijas, die nach Erbil entkam, kann wie so viele andere Flüchtlinge ihr Leid nur mit Worten schildern. Vielleicht dauerte es deshalb mehrere Wochen, bis die Vertreibungen den Westen interessierten.

Wo es keine Bilder gibt, da gibt es keine Geschichte. Das ist das Gesetz des modernen Zeitungsmachens. Ein Krieg, von dem es keine Fotos gibt, hat nicht stattgefunden. Eine Vertreibung, von der wir nur hören, schafft es nicht auf die vorderen Seiten. Erst Bilder beglaubigen, was Journalisten berichten. Bilder zeigen, warum ein Thema relevant ist. Und manchmal erklärt ein kleines Foto im Tweet-Format genauer als eine ganze Reportage, womit wir es zu tun haben: zum Beispiel dieses Porträt eines Kämpfers vor sieben abgeschlagenen Köpfen, die auf einen Zaun gespießt sind. Diesen Tweet abzudrucken, darauf konnte sich die Redaktion der ZEIT nicht einigen. Trotzdem lohnt ein Blick auf das Grauen.

Wir sehen Abu Abdel Rahman al-Iraki, Kämpfer für den "Islamischen Staat", einen kleinen Mann mit üppigem Bart und geschorenem Haupthaar. Sein lavendelblaues Obergewand lässt ihn fast mönchisch wirken. Ernst, ja traurig blickt er in die Kamera und hat dabei den IS-Zeigefinger mahnend erhoben. Es ist, als wollte er uns voller Besorgnis vor einer Gefahr warnen. Doch die Gefahr ist er selbst. Seine Warnung eine Drohung. Sieben Köpfe syrischer Soldaten, die so nah hinter ihm aufgespießt sind, dass er sie berühren könnte. Es ist eine Höllenszene – aber nicht wie bei Hieronymus Bosch. Denn hier fehlt der ästhetische Filter, das Element der Komposition, das das Grauen ins Unwirkliche entrückt.

Der "Islamische Staat" aber ist real. Wir sehen die Leichenflecken auf den zerquälten Gesichtern, die halb offenen Münder. Ein achter Kopf gehört zu einem Mann, der hinter dem Zaun entlanggeht. Wahrscheinlich war es das, was Hannah Arendt mit "Banalität des Bösen" meinte: die Beiläufigkeit, mit der das Schlimmste geschieht und das Leben doch weitergeht. Dieser kleine Tweet trifft uns mit derselben Erkenntnis wie die Fotos aus Auschwitz: Was hier geschieht, ist abgrundtief böse.

Das Bild zeigt Menschen, die ihre Unmenschlichkeit demonstrieren. Einen anderen Zweck hat es nicht. Man mag behaupten, der IS möchte mit solchen Tweets Stärke beweisen – Feinde abschrecken und Sympathisanten werben. Das wäre der Zweck der klassischen Propaganda. Doch diese Propaganda ist nicht klassisch, nicht werbend. Wer die Prämisse der Täter nicht teilt, dass das islamistische Schreckenstheater im Irak gerechtfertigt, ja gottgewollt sei, der fühlt sich abgeschreckt und begreift: Das Böse ist böse, weil es sinnlos ist. Das Böse verweist einzig und allein auf sich selbst.

Wir wollen den Begriff des Bösen nicht überstrapazieren, nachdem George W. Bush ihn als Kampfbegriff nutzte beim Einmarsch in den Irak. Bushs Krieg gegen das Böse mündete in der Veröffentlichung von Folterbildern aus dem amerikanischen Gefängnis Abu Ghraib. Auch sie zeigten das Böse, verübt von amerikanischen GIs. Die Fotos, fotografiert von den Tätern, wurden zu Ikonen eines falschen Feldzugs. Es waren aufklärerische Bilder, nicht weil sie die Amerikaner als böse entlarvten, sondern weil sie bewiesen, dass das Unmenschliche menschenmöglich ist. Immer.

Auch die grausigen Bilder vom "Islamischen Staat" könnten in diesem Sinne alarmierend wirken. Warum tun deutsche Redaktionen sich so schwer, sie abzudrucken? Vorvergangene Woche, als ein Video von der Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley erschien, entbrannte sogleich die Diskussion, was man davon zeigen dürfe. Das war richtig, insofern es sich um Gewaltpropaganda handelte, die wir Medienmacher nicht fraglos reproduzieren oder gar zum sinistren Vergnügen des Publikums ausstellen wollen. Doch als mehrere Redaktionen beschlossen, das Gesicht des Opfers zu pixeln, mit dem Argument, nur so sei dessen Würde zu wahren, wurden die Argumente allmählich fragwürdig.