In ihren Umrissen stehen uns die entsetzlichen Geschehnisse im englischen Rotherham mittlerweile klar genug vor Augen: Zwischen 1997 und 2013 wurden dort mindestens 1.400 Kinder sexuell brutal ausgebeutet, Kinder von gerade einmal elf Jahren von mehreren Tätern vergewaltigt, entführt, in andere Städte verkauft, geschlagen und eingeschüchtert, "mit Benzin überschüttet und damit bedroht, angezündet zu werden, mit Schusswaffen bedroht, zwangsweise zu Zeugen brutaler Vergewaltigungen gemacht". So der offizielle Bericht. Drei frühere Untersuchungen waren im Sand verlaufen. Wie die Autorinnen des neuen Berichts feststellten, befürchteten die Mitarbeiter der Stadtverwaltung, als rassistisch abgestempelt zu werden, wenn sie den Vorfällen auf den Grund gingen. Und warum? Weil es sich bei den Tätern (fast ausnahmslos) um Mitglieder pakistanischer Gangs handelte und bei ihren Opfern um weiße Schulmädchen, die sie als "weißen Abschaum" bezeichneten.

Es folgten die vorhersehbaren Reaktionen. Mit der übelsten Art von politischer Korrektheit verlegten sich viele Linke auf alle möglichen Strategien, um die Konturen des Skandals zu verwischen: Man bezeichnete die Täter vage als "Asiaten", behauptete, es ginge gar nicht um Ethnizität und Religion, sondern um die männliche Herrschaft über die Frauen und so weiter. Bei dieser Sorte von Antirassismus handelt es sich im Grunde um einen kaum verhohlenen Rassismus, der Pakistaner herablassend als moralisch minderwertige Wesen behandelt, die wir nicht an unseren Standards messen dürfen.

Um uns aus dieser Sackgasse zu befreien, sollten wir gerade mit den Parallelen zwischen den Ereignissen in Rotherham und der Pädophilie in der katholischen Kirche anfangen. In beiden Fällen haben wir es mit einem organisierten, ja mit einem ritualisierten kollektiven Handeln zu tun. Wenn die Kirchenvertreter beharrlich behaupten, bei diesen Fällen, so bedauerlich sie seien, handle es sich um ein kircheninternes Problem, dann haben sie in gewisser Weise recht: Die Pädophilie katholischer Priester ist keine Eigenart von Personen, sie ist vielmehr ein Phänomen, das unmittelbar in ihre Funktionsweise als soziosymbolische Institution eingeschrieben ist. Sie betrifft nicht die Ebene des "privaten" Unbewussten von Individuen, sondern die Ebene des "Unbewussten" der Institution selbst.

Nicht anders sollten wir an die Geschehnisse von Rotherham herangehen: Wir sind mit dem "politischen Unbewussten" der pakistanischen muslimischen Jugend konfrontiert – mit einer ritualisierten Gewalt, die über genaue ideologische Konturen verfügt. Eine Gruppe Jugendlicher, die sich selbst als marginalisiert empfindet, rächt sich an den Mädchen aus der Unterschicht der tonangebenden Gruppe. Da ist die Frage völlig legitim, ob es Züge ihrer Religion und Kultur gibt, die einen Raum für brutale Gewalt gegen Frauen eröffnen.

Ohne den Islam als solchen zu beschuldigen (der an sich nicht misogyner ist als das Christentum), kann man feststellen, dass Gewalt gegen Frauen mit der Unterordnung von Frauen in vielen muslimischen Ländern einhergeht. Und dass die strikte Durchsetzung eines hierarchischen Geschlechterunterschieds dort ganz oben auf der Liste steht. Diese Fragen aufzuwerfen ist nicht unterschwellig rassistisch, sondern ist die ethisch-politische Pflicht von jedem, der sich für Emanzipation einsetzt.

Wie also sollen wir mit alldem in unseren Gesellschaften umgehen? In der Debatte über die Leitkultur pochten die Konservativen darauf, dass jeder Staat auf einem tonangebenden kulturellen Raum gründet, den die Angehörigen anderer Kulturen, die im selben Raum leben, respektieren sollten. Statt die schöne Seele zu spielen und in solchen Aussagen die Vorboten eines neuen europäischen Rassismus zu sehen, sollten wir einen kritischen Blick auf uns selbst werfen und uns fragen, inwieweit unser eigener abstrakter Multikulturalismus zu diesem traurigen Stand der Dinge beigetragen hat. Der Streit um den Multikulturalismus ist ein Streit um die "Leitkultur": nicht ein Konflikt zwischen Kulturen, sondern ein Konflikt zwischen verschiedenen Visionen, wie unterschiedliche Kulturen zusammenleben sollen – ein Streit darum, welche Regeln und Praktiken diese Kulturen teilen müssen, um zusammenleben zu können.

Aus diesem Grund ist es eine entscheidende Aufgabe all jener, die heute um Emanzipation ringen, über den bloßen Respekt für andere hinauszugehen und zu einer positiven emanzipatorischen Leitkultur zu kommen, die allein eine echte Koexistenz und Verschmelzung verschiedener Kulturen tragen kann. Unsere Maxime sollte lauten, dass der Kampf gegen den westlichen Neokolonialismus wie auch der Kampf gegen den Fundamentalismus, der Kampf gegen den Antisemitismus wie auch der Kampf gegen aggressiven Zionismus zu ein und demselben universalen Kampf gehören. Wenn wir hier irgendeinen Kompromiss eingehen, ist unser Leben nicht lebenswert.

Aus dem Englischen von Michael Adrian