Wie schön sie sind, diese Venusbrüstchen. Wie samtig ihre Haut schimmert, wie sanft sie sich runden und dann eine kesse Spitze formen. Fast hat man Scheu, hineinzubeißen in dieses Gemüse, das sich so fraulich gibt; und das sonnenwarm und frisch gepflückt in meinen Händen liegt.

Ich stehe in einem Wald aus Tomatenpflanzen, die mich locker um zwei Köpfe überragen. Ein Wirrwarr aus Blättern und Stängeln und Tomaten in allen Farben des Regenbogens. Stroh bedeckt den Boden des Gewächshauses, die gelben Halme reflektieren die Sonne, sodass es die Tomaten schön warm haben. An meinen Händen klebt roter Saft, in meinem Mund zerfließen die ersten Tomatenstücke.

Es werden nicht die einzigen bleiben hier, in diesem Garten im bayerischen Städtchen Maxhütte-Haidhof. Schließlich gehört er Irina Zacharias, die eine Art ungekrönte Tomatenkönigin ist. Etwa 900 Sorten haben sie und ihr Mann über die Jahre gesammelt. Inzwischen verkaufen sie Samen und Jungpflanzen. Und immer ab Ende August, wenn die Sträucher prallvoll hängen, führt Irina Besuchergruppen durch ihr Reich.

Die Reisetomate hat mehrere Kammern. Man kann sie also Stück für Stück essen

Ich bin hier, um endlich mehr zu erfahren über dieses Gemüse, das ein so ambivalentes Image hat: Einerseits symbolisiert die Tomate Sommersonne, den Geschmack des Südens. Andererseits sind im Supermarkt oft nur wässerige Einheitstomaten zu finden, die höchstens als Teller-Dekoration taugen. In letzter Zeit las ich immer öfter, die Tomate kehre zurück in ihrer ganzen Geschmacksvielfalt. Und auf Märkten sah ich mehr und mehr Sorten, frisch vom Feld. Welche Varianten es gibt, hatte ich mich gefragt, und was die Tomate so alles kann – und mich dieser Tour angeschlossen.

Irina, eigentlich studierte Psychologin, trägt eine Fleecejacke und einen blauen Strohhut zum braunen Zopf. Sie ist eine energische Endvierzigerin, deren Blick sanft wird, wenn er auf die Pflanzen fällt. Sie stapft vor uns her durch die Gewächshäuser, zeigt auf Tomaten, die himbeerrot oder gelborangefarben leuchten, klein sind wie Blaubeeren oder groß wie Kürbisse. Die Sorten sind durchnummeriert, und jede trägt einen Namen – entweder einen offiziellen oder einen, den Irina ihr gegeben hat.

Nachdem wir die Moskauer Lichter und die Großen Zebras kennengelernt haben, hält Irina vor einem weiteren Strauch, wuschelt in dessen Blättern und pflückt eine faustgroße, orangerote Tomate. Sie ist nicht gleichmäßig rund, sondern voller Beulen: "Das ist Nummer 117, meine Reisetomate. Sie hat lauter kleine Kammern, sodass man einzelne Stücke essen und den Rest aufheben kann." Perfekt zum Beispiel für Autofahrten. Irina zückt ein Klappmesser und reicht Kostproben in die Runde. Dazu liefert sie weiteres Expertenwissen: Sie erzählt, dass Osteuropäer eher rosafarbene Tomaten bevorzugten und Amerikaner große liebten. Dass violette Sorten denselben Farbstoff enthielten wie Brombeeren. Und dass die Geschichte der Pflanzen einst mit perlenkleinen Wildtomaten begonnen habe.

Vor über 500 Jahren gelangten diese aus Mittel- und Südamerika nach Europa. Und schmückten dort zunächst, ihrer dottergelben Blüten wegen, die Gärten der Adeligen. Die Tomate galt erst als giftig, dann als betörend – Frauen, fürchtete man, würden nach dem Verzehr erotisch enthemmt. Vor etwa 120 Jahren schaffte die Tomate es dann in Suppen und Soßen, seit den 1950er Jahren verzehrte man sie gern pur oder schnitt sie in den Salat. Aus den einstigen Wildtomaten waren Tausende Sorten entstanden.

Irina war von Kindheit an eine große Vielfalt gewohnt. Schon der Vater der gebürtigen Russin sammelte Tomatenpflanzen. Damals, in der Sowjetunion, erzählt Irina, "ließen sich richtige Schätze auftreiben". Da es wenig zu kaufen gegeben habe, habe fast jeder seinen eigenen, kleinen Gemüsegarten bestellt. Die Menschen hätten untereinander Saatgut getauscht – oft noch Sorten aus Urgroßmutters Zeiten. Auf über hundert verschiedene Exemplare brachte es Irinas Vater. Sie selbst war als Jugendliche eher genervt von dem Tomaten-Bohei – ständig musste sie irgendwas gießen und pflanzen.

Vor zwanzig Jahren aber zog sie zu ihrem Mann nach Bayern. Kaufte im Supermarkt eine Tomate, biss hinein. Und spuckte sie sofort wieder aus. "Ich konnte nicht glauben, dass die Deutschen das aßen." Hierzulande hatten sich die Tomaten inzwischen verändert: Sie sollten vor allem billig sein, Wochen im Kühlfach überstehen und Stürze vom Ladentisch. Die ursprünglichen aromatischen Sorten, die oft nicht gut zu lagern waren und leicht matschten, waren verschwunden – zugunsten der Wassertomate: außen rot, innen fade, nur mit Dressing genießbar.

Irina besorgte sich von ihrem Vater Tomatensamen und pflanzte sie in einem kleinen Gewächshaus an – der Grundstock ihrer Sammlung. Bald vernetzte sie sich in Internetforen mit anderen Züchtern, tauschte Saatgut mit Menschen aus Sibirien, Rumänien und Polen – "Länder mit großer Tomatentradition". Sie lernte den Österreicher Erich Stekovics kennen, den "Kaiser der Paradeiser", der wie sie die alten Sorten vor dem Verschwinden retten will.

Auch ihren Mann Ulrich, der Tomaten nur gekocht isst, riss sie mit. Während Irina im Grün verschwindet, um weitere Kostproben zu pflücken, gibt er den Besuchern ein paar Anbautipps: "Ich bin jetzt mal eine Tomatenpflanze", sagt er, streckt den Rücken, stellt die Füße zusammen und winkelt die Arme ab: "Das sind meine Triebe." Dann erklärt er, was passierte, wenn man ihn reichlich gießen würde: "Nichts. Da werde ich phlegmatisch." Er bleibt starr stehen. "Wenn ich aber nur wenig Wasser bekomme, dann strecke ich meine Wurzeln in alle Richtungen aus", sagt er und reckt die Füße demonstrativ nach rechts, links, vorn, hinten. "Und das ist gut. Denn eine Pflanze mit vielen Wurzeln kann mehr Mineralien aufnehmen und wird seltener krank. Deshalb solltet ihr sie immer erst gießen, wenn sie so aussieht", sagt Ulrich, lässt seinen Kopf hängen, seine Arme baumeln und knickt mit den Knien ein.

"Ich versuche immer, mich in die Tomaten hineinzudenken", sagt er am Ende seiner Darbietung. "Ich will verstehen, was sie brauchen". Außer Mineralien ist das vor allem viel Sonne, dann werden sie süßer.

Ein Gast spielt den Tomatensommelier: "Im Abgang etwas zitronig"

Je später der Tag, desto vollmundiger die Tomaten, die Irina in die Runde reicht. Unsere Zungen und Gaumen werden geübter, entdecken hier etwas Würze, dort mehr Säure, da einen längeren Nachgeschmack. Wann hat man je darauf geachtet, wie zart so eine Tomatenhaut ist? Und ob sie eher "hrrrt" oder "pffft" macht, wenn man hineinbeißt? Der erste Gast versucht sich als Tomatensommelier: "Ich finde diese hier etwas zitronig im Abgang."

Zum Schluss unserer Führung halbiert Irina noch eine faustgroße "Ananas Noir", die am Rand gelbgrün ist und in der Mitte pink, als hätte ein Kind mit seinem Malkasten drauflosgetuscht. Zuckersüß ist die Schwarze Ananas. Der Liebling der Besucher, nach dem man keine andere Sorte mehr probieren mag.

Nach zwei Stunden haben wir so viele Varianten entdeckt, dass "Tomate" uns ein völlig unzureichender Sammelbegriff zu sein scheint und uns die Exemplare im Supermarkt fortan noch mehr enttäuschen dürften. Selbst wenn neuerdings einige Großbetriebe versuchen, mehr Geschmack ins Massengemüse zu züchten.

Am liebsten würde ich es Irina gleichtun und fortan einfach meine eigenen Tomaten anpflanzen. Doch ich habe leider nur einen Großstadtbalkon. "Das geht trotzdem", sagt Irina. "Nehmen Sie eine Kirschtomatensorte, zum Beispiel die Goldita. Die schmeckt toll, ist genügsam, und schon eine einzige trägt richtig viel."

"Aber Vorsicht", fügt sie grinsend hinzu: "Tomatenzüchten macht süchtig." Schon oft habe sie sich gefragt, ob sie irgendwann mal an ihren Schätzen vorbeigehen könne, ohne rasch hier einen Schwarzen Prinzen zu probieren oder dort eine Schlesische Himbeere. Doch selbst nach zwei Jahrzehnten könne sie immer noch nicht von ihren Tomaten lassen.

Dann verabschiedet sie sich, um das Abendessen zu bereiten. Was es gibt? "Natürlich Tomatensalat."