Am Eingang neben der Tür steht: "Ich hör nicht aus Spaß auf." An der Korkwand hinter dem Tresen steht: "Investiere in Alkohol! Mehr Prozente bekommst Du nirgends!" Und wenn alles so wie früher wäre, dann würde Klaus hinter dem Tresen stehen und vielleicht sagen: "Ja, Tach."

Klaus ist aber nicht mehr hier, Klaus muss den Laden abgeben, Klaus hat Krebs, so steht es am Eingang. Gabi ist noch da, seine "Spätverlobte", so nannte er sie, ein Paar waren sie nie. Gabi ist hinter dem Tresen und serviert "Grüne-Scheiß-Wichse", die knapp wird auf die letzten Tage, is’ ja Klaus’ Schnaps, Spezialität des Hauses. Carola ist auch noch da, die sitzt am Tresen und sagt: "Das ist mein Zuhause", dann wird sie still, die Tage sind gezählt.

Es ist mitten in der Woche, Carolas drittletzter Abend in ihrem Wohnzimmer. Freitag, Sonnabend noch, das war’s. Für Klaus waren es 29 Jahre, für Gabi 18 Jahre, für Carola zehn. Jedes Wochenende kam sie ins Na und?, ihre Stammkneipe in der Wohlwillstraße, da, wo die Schanze zu St. Pauli wird oder St. Pauli zur Schanze. Ich erzähle alle Geschichten von Klaus, versprach Carola vor ein paar Tagen, wir setzen uns hier hin, an den Tresen, zwei Cola-Korn, und dann geht’s los. Gabi sagte: Ja, mach. Und Klaus, den sie am Telefon fragte, sagte: Jojo, mach man.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Dass diese Geschichten von Klaus nun auf einer ganzen Zeitungsseite stehen sollen, sagt Carola, das passt ja eigentlich nicht zu Klaus, Klaus ist immer ruhig, er mag’s lieber gemach.

Aber diese Zeitungsseite ist ja auch nicht nur eine über Klaus, sie ist ja auch eine über den Kiez, der nicht mehr der Kiez ist, weil Kneipe um Kneipe schwindet: Planet St. Pauli, Sailor’s Inn, Raval, Pepper, alle weg, oder man erkennt sie nicht wieder. Und fast gäbe es auch den Silbersack nicht mehr, hätten nicht Kaufleute in das "Kulturgut" investiert, ein bisschen schmuddelige Kiezgeschichte soll ja auch im sauber aufgeräumten St. Pauli sein, so als Erinnerung.

Der Stadtteil verändert sich, seit Langem schon. Noch immer unklar ist, ob und wie das gehen soll. Das Na und? war dabei immer eine Art St.Pauli in Klein. Ein funktionierendes. Es hat all die vereint, die sich eigentlich nur schwer vereinen lassen: die Carolas und Gabis des Viertels. Aber auch die Studenten und jungen Gutverdiener, die St. Pauli hip finden, weil es dort noch Menschen gibt, die genau das nicht sein wollen. Denn das, was neu kommt ins Viertel, heißt 20up, eine Bar im 20. Stock mit Panoramafenstern, oder Clouds, im 23. und 24. Stock, mit französisch angehauchter Küche. Klaus, so einen wie Klaus, den gibt’s ja kaum noch, der steht für was: für das Ruppige, das Derbe, für das Einfach-Raus der Kneipenkultur. Ja, sagt Carola, Klaus, der ist schon einer. Klaus, den kann man nicht ersetzen. Klaus, der passt in die Welt. Und eine Welt ohne Klaus ist eine Scheißwelt.

Sie sitzt da, am Tresen, auf dem Hocker mit dem roten Bezug. Ein Glas Prosecco steht vor Carola, Prosecco blu, aus blauer Flasche. Kein Cola-Korn, erst mal weniger Prozente.

"Was willst ’n dahinten, setz dich mal hier vorne hin."

Ihr erster Abend im Na und?, das war im Sommer 2004. Sie wohnte noch nicht lange in der Stadt, war mit ihrem Männe beim Italiener essen, und dann sagte er, wir gehen jetzt mal zu Klaus, da mag ich’s ganz gern. "Wer bist du denn?", fragte Klaus. "Carola", antwortet sie, ganz leis. "Was willst ’n dahinten, setz dich mal hier vorne hin."

Carola setzte sich vorne hin, gegenüber von Klaus, der auch seinen Hocker hinter dem Tresen hatte, da konnte man am besten schnacken. Dritter Hocker, gleich neben der Tür, das wurde Carolas Stammplatz, da sah sie jeder sofort, und wenn’s stickig war, gab’s da noch die beste Luft.

Du weißt ja, wo dein Hocker ist, sagte Klaus

Links neben ihr, sagt Carola, saß früher oft Gisela, oder hieß sie Greta? Nee, Gisela muss es gewesen sein. Gisela war die Omi unter den Stammgästen, um die achtzig, immer schick, immer mit Lederhandtasche, und an den Füßen trug sie nie Strümpfe, immer nur Puschen. Nachdem sie eingetreten war, die Dame, sagte sie: Ich hätte gerne ein Likörchen. Du weißt ja, wo dein Hocker ist, sagte Klaus, und schenkte Jägermeister ein.

Ja, die Stammgäste, wen gab’s noch? Nicht zu vergessen: Prinzessin Stefanie! Stefan eigentlich, aber weil Stefan so schmal, so leis, so mimosig war, sagten sie Stefanie. Stefanie kugelte sich manchmal über den Boden, bis sie grün und blau war, und einmal zog sie sich einen Eisenring über den Kopf, diesen Eisenring vom Barhocker, auf dem man die Füße abstellt. Sie zog ihn über die Schulter bis zum Hüftknochen, dann ging’s nicht weiter runter, nicht wieder hoch. Na toll, Prinzessin, was haste wieder für ’n Scheiß gemacht, sagte Carola, ging hin und zog mit aller Kraft. Voilà. Und dann noch: René. René trank drei Bier, ein Körnchen und rauchte Pfeife, der Tabak roch "so richtig geil, war Vanille oder irgend sowas". Jedenfalls nicht unangenehm, nicht so wie der Stinker, der saß neben René und hatte immer eklige Zigarren. "Der Stinker ist schon wieder da, mir wird schlecht", sagte Carola oft, wenn er kam. Der Stinker zuckte dann mit den Schultern, und Klaus, hinterm Tresen, lachte sich kaputt.

Klaus, sagt Carola, der war glücklich, wenn alle gut drauf waren, dann faltete er die Hände und lächelte in sich hinein. Klaus mochte keine Stinkstiefel, die schickte er wieder raus: Trink das mal woanders. Schlägereien auch bitte nur draußen, da hauten sie sich dann aufs Maul, gaben sich die Hand und bestellten zwei Bier. Zu Klaus konnte man an Weihnachten und an Silvester kommen, Carola machte Käsespieße, und Klaus gab den Sekt aus. Wenn Schlagermove war, dann öffnete er eine Dreiviertelstunde früher, Viertel nach sieben, weil er wusste, alle müssen aufs Klo. Klaus war immer für alle da, sagt Carola, und wenn du einen Nagel eingerissen hattest, holte er die Nagelfeile, Handcreme hatte er auch immer da.

Und dann die Sache mit den Jungs aus Manchester, davon sprach Klaus noch lange. Ein Karfreitag war das, Carola rief im Na und? an. So machte sie es jede Woche, um acht, bevor sie losging, Kontrollanruf, ob Klaus auch da war. Niemand ging ran. Sie rief bei ihm zu Hause an. "Ja?" – "Klaus, es ist schon halb neun." – "Hab verschlafen, ich mach mich fertig." Er badete, machte noch dit, noch dat, nach Mitternacht schloss er den Laden auf, stellte das Radio an, ganz leise, Klaus und Carola saßen da, ganz allein, bis die Jungs aus Manchester kamen: Elf waren es, Fußballspieler. Sie hatten Lola dabei, eine aufblasbare Gummipuppe. Die kam auch auf einen Hocker an den Tresen, und als um sechs Uhr der Trainer anrief vom Flughafen, wo sie denn blieben, war Lola ganz schön die Luft ausgegangen.

Wenn kaum was los war im Na und?, dann sagte Klaus immer: Jetzt müssten die Jungs noch mal kommen.

Manche stellten Klaus ihre Freundin vor, und wenn Klaus sagte: Nee, lass mal, stand beim nächsten Mal eine andere da. Manche heulten Rotz und Wasser, weil ihr Typ ’ne andere hatte, und Klaus sagte: Schieß ihn in den Wind, was willste noch von dem? Oder wenn einer sein Glas runterschmiss: Bist du nur blöd, kannst du nicht mal trinken? Er verteilte Leitungswasser, aber wenn ihm das zu viel wurde, sagte er: Bist du ’n Vogel, oder was? Wollte man ein Pils: Was für ’n Pils? Fußpilz, Fliegenpilz? Entschied man sich dann doch für Cola-Korn statt Astra oder Holsten, rastete er aus: Dann mach ich halt gar nix, gibt jetzt gar nix mehr! Aus die Maus!

Die Stammgäste sterben, und die Stammkneipen dadurch auch

Klaus rauchte an Arbeitsabenden fünf Schachteln, erst Lord, später Mentholzigaretten, fünf Schachteln, aber viel davon verglühte im Aschenbecher. Klaus trank so viel, das kann man nicht beschreiben, sagt Carola, immer Holsten aus dem Longdrinkglas und natürlich Grüne-Scheiß-Wichse. 36 Grüne sollen es mal an einem Abend gewesen sein.

Optisch wird sich alles verändern, sagt die Neue

Die Mädchen-Mädchen, sagt Carola, die wollten das nie aussprechen, die sagten dann: Dreiii Maaal ... Und dann wusstest du, was sie wollten. Da habe ich reingewichst, hat Klaus mal gesagt, als er gefragt wurde, was da drin ist, daher der Name. Drin ist brauner Rum und Waldmeistersirup, aber wie das gemischt wird und ob noch ein geheimes Tröpfchen reinkommt, das weiß nur Klaus. "Der haut weg", sagt Gabi, "aber lieben tun sie ihn alle."

"Am Wochenende", sagt Carola, "da konntest du ja richtig zugucken, wie die Leute davon besoffen werden, mein lieber Herr Gesangsverein."

"Gabiii!", ruft jetzt jemand, neben der Musikbox. "Ich hätte gerne sieben." Aber Gabi braucht erst neue Gläser, und wo ist denn das Tablett, das sie eben rausgab? Einer, der die Not bemerkt: "Leute, trinkt mal alle schnell, die brauchen die Gläser!" Und dann, wieder am Tresen, "Gabi, zwölf Grüne." – "Ja, das fehlt mir jetzt auch noch."

Acht, neun Flaschen, sagt Carola, die gehen am Abend weg, 30 Gläser pro Flasche, macht 270. Aber damit ist es jetzt auch vorbei.

Klaus hat den Laden verkauft. Das Na Und? wird kurz schließen und umgebaut. Brandschutz, Lärmschutz, allein deshalb muss es sein, dann wird eine Cocktailbar eröffnen. Die neue Besitzerin sitzt ein paar Stühle weiter, stellt sich einigen Gästen vor, woher sie kommt, was sie macht. "Ihr werdet das lieben", sagt die Neue. Wirst du hier selbst stehen, oder hast du Angestellte? "Ich werde nicht selber hier stehen, aber ihr werdet das lieben, den Laden, die Leute. Gabi muss noch lernen, Cocktails zu machen." Gabi lacht. "Das fehlt mir noch, dass ich hier Cocktails schwenke." – "Okay, mit Gabi müssen wir nochmal sehen", sagt die Neue, "ich liebäugel ja mit ihr. Optisch wird sich alles verändern, sorryyy." – "Da geht dann aber schon eine Ära zu Ende", sagt ein Gast. "Ja, sorryyy", sagt die Neue. Und: "Ich habe so Bock auf die Sache. Ich habe sooo Lust dazu, das ist ein Traum, der für mich in Erfüllung gegangen ist." Kurz darauf: "Ich würde sagen, ich bin die Richtige hierfür, ich möchte das unbedingt, unbedingt, unbedingt, unbedingt." Carola sagt: "So redet die über mein Wohnzimmer."

Neben sie hat sich jetzt Holger gesetzt. Holger, Stammgast seit so vielen Jahren, die kriegt er gerade selbst nicht mehr zusammen. Bootsbauer ist er, auf St. Pauli aufgewachsen, jede freie Minute verbrachte er am Hafen: Holger kennt das Viertel noch, da gab’s um die Ecke noch das Bauernstübchen. Und gegenüber gab’s die Pferdemarktklause, war ja viel hier, sagt er, alles längst nicht mehr da, und nun, ohne Klaus: "Das wird schon schwierig für mich."

Klaus, sagt Holger, der hat aber auch ’nen Spleen. Dann: "Jo, Klaus ist eben Klaus, sonst fällt mir erst mal nichts mehr ein." Doch dann erinnern sie sich, wie sie mal einen Raucherklub gründeten, nur der Name, der fällt keinem mehr ein. "Der war ganz drollig", sagt Gabi, "der war ganz witzig", sagt Carola, "was mit Nachbarschaft", sagt Gabi, "was mit Nachbarschaftshilfe", sagt Carola, Klaus, der wüsste es. Jedenfalls war Klaus der Präsident, Carola erste Vorsitzende, Gabi Schriftführerin. Und Holger? "Ich habe nur geraucht."

Einen Sparklub hatten sie auch mal. Jeder zahlte einmal die Woche mindestens fünf Euro ein, Klaus brachte das Geld zur Bank, und von den Zinsen, die sie bekamen, konnten sie saufen.

Früher waren sie mehr Stammgäste, dann starben viele, und die Stammkneipen, die sterben dadurch auch. Klaus, der hatte zu kämpfen, sagt Holger, aber er strampelte sich durch, steckte sein ganzes Geld in den Laden, und dann, irgendwann, vor sieben, acht Jahren, kamen die jüngeren Leute, die Studenten, die auf den Kiez zogen, Bier für zwei Euro, ein paar Meter weiter wurde es teurer, und jeder wollte Grüne-Scheiß-Wichse.

"Gib mir mal mein Frühstück", sagt Holger, und Carola schiebt die Salzstangen rüber, "deswegen fahr ich ja auch hierher." – "Sind die besten", sagt Carola. Eben noch hat sie mit Klaus gesprochen, am Telefon, er sagte, er hat Herzschmerzen, sein Herz tut ihm so weh, nachts, um zwei, wacht er oft auf, denkt an sein Na und?.

Er würde nicht von Herzschmerz reden, wenn noch alles wie früher wäre, er würde lächelnd hinterm Tresen stehen und zu Carola "Tschüs, Schatz" sagen. Hinter ihm, an der Korkwand, steht auf einem Schild: "Man muss nicht verrückt sein, um hier zu arbeiten. Aber es hilft ungemein." Draußen, am Eingang, steht: "Vielen Dank für Alles. Euer Scheiß Klaus."