Dilschad Barsani sitzt einen Steinwurf vom Kanzleramt entfernt in einem Hochhaus an der Spree und lächelt erleichtert. Gerade hat er, der Deutschland-Vertreter der Kurden im Nordirak, von der Bundesregierung die Zusage bekommen, auf die er so lange gewartet hat: 16.000 Sturmgewehre, 10.000 Handgranaten, Fahrzeuge und vor allem die ersehnten Panzer brechenden Milan-Raketen sollen in spätestens zwei Wochen in der kurdischen Hauptstadt Erbil sein.

Dilschad Barsani ist der Bruder des mächtigen kurdischen Staatspräsidenten Massud Barsani. Die kurdischen Gebiete im Nordirak, aus denen sie stammen, sind eine Boom-Region mit Erdgas und Öl. Man lebt dort mit Minderheiten, arrangiert sich mit der Konkurrenzpartei und übt sich in Demokratie. Barsani hat in den achtziger Jahren in der DDR Medizin studiert, musste sein Studium aber abbrechen, weil Saddam Husseins Geheimdienst einen Anschlag auf ihn versucht hatte. Die Stasi schützte ihn, nach der Wende ging er in die Politik.

Der 53-Jährige ist ein eher kleiner, diskreter Mann. Er spricht kein Wort mehr als nötig, hebt nie die Stimme und duldet kein Staubkorn auf dem Glastisch vor ihm. Das Hyperkorrekte ist wichtig, denn in Deutschland fällt den meisten beim Thema Kurden sofort die PKK ein. Seit 1993 ist die größte und mächtigste Partei der türkischstämmigen Kurden in Deutschland verboten, von der EU wird sie als Terrororganisation gelistet. Barsani will mit ihr nicht in Verbindung gebracht werden. "Die PKK", sagt er und räuspert sich fast angewidert, "ist immer links gewesen, das sind wir nicht. Sie setzt ihre Ziele mit Gewalt durch, das tun wir nicht. Sie hat im Irak nichts verloren. Wir haben ihr lediglich erlaubt, ihre Flüchtlingslager bei uns zu schützen."

Die Barsanis pflegten schon beste Beziehungen zu Franz Josef Strauß, der sich vom arabischen Erdöl unabhängig machen wollte. Dilschad Barsani trifft Angela Merkel regelmäßig. Seit Jahren ist er mit dem CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder befreundet, die Union empfing eine Delegation seiner Partei sogar auf einem Parteitag. "Ich glaube", hat Mißfelder dieser Tage gesagt, "dass die Kurden ein verlässlicher Partner sind. Wir können ihnen trauen."

Was für die Unionsspitze normal sein mag, ist für die meisten Deutschen ein Kulturbruch: ein quasimilitärisches Bündnis zwischen uns und kurdischen Kämpfern, mit völlig ungewissem Ausgang. "Die Kurden, das waren in den Augen der Deutschen lange Zeit entweder Giftgasopfer oder Autobahnblockierer", sagt die Berliner Politologin Birgit Ammann, die mit einem irakischen Kurden verheiratet ist. "Sie mussten einem entweder leid tun, oder sie galten als gewalttätig."

Von den etwa 800.000 Kurden in Deutschland stammen die meisten aus der Türkei. Die ersten von ihnen kamen im Zuge der Gastarbeiter-Anwerbung. Die Kurden aus dem Irak, Iran oder Syrien waren meist Flüchtlinge. Während sie dort einen gewissen Respekt als unerschrockene Kämpfer genießen, gelten die Kurden in der Türkei als Landeier.

Der hohe Anteil der türkischen Kurden in Deutschland erklärt, weshalb der Einfluss der PKK hier größer ist als der jeder anderen kurdischen Partei. Nachdem sie in den achtziger Jahren mit Selbstverbrennungen, Autobahnblockaden, Schutzgelderpressungen und Drogenhandel aufgefallen war, operiert sie in Deutschland inzwischen weitgehend friedlich.

Der Aufmarsch der Gotteskrieger des IS im Irak hat das Image der Kurden verändert: Gegner der Waffenlieferungen argumentieren, dass die kurdischen Streitkräfte der Peschmerga sich beim ersten Ansturm des IS in die Flucht schlagen ließen. Für die Befürworter sind sie trotzdem die Retter in der Not, die eine lange Grenze zu verteidigen haben und das auch, beispielsweise beim Staudamm von Mossul, sehr erfolgreich tun.