Lebensstil: Anpassung – Die 68er waren als Generation des Protests leicht zu definieren. Seither streiten Soziologen, wie die folgenden, politisch eher unauffälligen Alterskohorten zu definieren sind. Bloße Karrieristen oder Träumer auf der Suche nach einer neuen Innerlichkeit? Gibt es ein neues Biedermeier – oder nur mehr Opportunismus?

An der Generation der 35 bis 45-Jährigen, deren Mitgliedern man heute in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Hightechunternehmen begegnet, in den international tätigen law firms, im Management von Bosch oder Henkel, in den Wissenslaboren von Berlin oder Karlsruhe, fällt vor allem eines auf: Sie wollen sich auf keinen Fall zuschulden kommen lassen, auf etwas hereingefallen zu sein oder die Folgen eines Vorschlags nicht abgesehen zu haben. Schlau sind die Geschmeidigen, die sich den Ausstieg offenhalten. Dumm sind die, die sich festbeißen und mit dem Kopf durch die Wand gehen wollen. Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn man sie smart und cool nennt, und sie winken ab, wenn man sie nach politischen Parteien, nach der Zukunft Europas oder nach Krieg und Frieden fragt.

Das ist die Generation, die das Modell Deutschland an entscheidenden Positionen und mit starken Ideen weiterführen soll. Sie hat die wichtigsten Ausscheidungswettbewerbe, die bei uns zwischen dem 25. und dem 35. Lebensjahr durchlaufen werden, hinter sich, sie lebt zumeist in Familien oder familienähnlichen Lebensgemeinschaften, die Kinder sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt, und sie kann etwas zu den schwierigen Kompromissen bei der Arbeitsteilung zwischen Familie und Beruf sagen. Auch ohne dieses komische Immer-nach-oben-Wollen, das sie den Generationen des Nachkriegs zuschreibt, ist sie weit gekommen.

Für den Außenstehenden bildet sie zweifelsfrei eine Generation, obwohl sich ihre Vertreter selbst nicht als Generation bezeichnen wollen. Ja, die Generation Golf von Florian Illies haben sie seinerzeit als Porträt von ihresgleichen ganz gern gelesen, aber das war mehr ein Abschied von der Kindheit als ein Vorgriff aufs Erwachsenenalter. Der Ansatzpunkt für ein Generationenprofil ist der demografische Befund, dass die zwischen 1970 und 1980 Geborenen die erste Generation nach den Babyboomern darstellen. Nach 1964 gehen die Geburtenraten in Deutschland – die geburtenfreudigere DDR miteinberechnet – unaufhaltsam zurück. Das ist deshalb von Belang, weil sich diese Kinder nach dem Nachkriegsboom von Anfang umhegt und umworben fühlen konnten. Die zwischen 1945 und 1955 geborenen Eltern hatten den Sensibilitätswandel der 1960er Jahre verinnerlicht und wollten auch in der Erziehung "mehr Demokratie wagen".

Man meint heute noch den Effekt dieses frühen Ernstgenommenwordenseins zu bemerken. Solange man sich als Fragender empathisch, witzig, zugewandt verhält, stimmt die Atmosphäre. Das Pingpong läuft wie von selbst. Sobald man aber das Ungesagte anspricht, Unstimmigkeiten aufgreift oder gar Urteile herausfordert, passt es nicht mehr. Sie geben sich unangestrengt, reagieren aber empfindlich, wenn das Spiel ins Stocken gerät. Die kommunikative Offenheit verdeckt eine austernartige Verschlossenheit.

In den "manischen Neunzigern" haben sie Abitur oder etwas Ähnliches gemacht. Das war eine selbstzerstörerische Periode – zuerst für den Sozialismus, der mit einem Mal verpufft war, und dann für den Kapitalismus, der sich unter dem Motto des Neoliberalismus als globaler Abenteuerspielplatz attraktiv machte. Wer als junger Mensch eine jugendliche Periode miterlebt, in der das Genom entziffert, das Netz entdeckt und das Investmentbanking entwickelt wird, dem muss das Abwarten klüger erscheinen als das Festhalten oder das Drauflosgehen. Die Zukunft gehört den Virtuosen des richtigen Augenblicks, in dem sich entscheidet, was bloßer Wahn und was eine praktikable Variante ist. Dann muss man natürlich zuschlagen, sonst gehört man zu den Düpierten und Aussortierten, die zu früh oder die zu spät waren.

Einer Gesellschaft, der mit einem Mal ihr demografisches Defizit vor Augen stand, kam diese Generation der Optionswahrung gerade recht. Sie zeigte keinerlei Anstalten zur Systemkritik, hatte offenbar Spaß daran, sich selbst zu beweisen, legte eine erstaunliche Bereitschaft zur persönlichen Plastizität an den Tag und schien sich zudem noch in der globalisierten Welt wohlzufühlen. Das positive Denken hat sich für diese Generation insofern bestätigt, als sich in ihrer erwachsenen Lebenszeit die deutsche Volkswirtschaft vom "kranken Mann Europas" zur unbestrittenen Nummer eins in der EU gewandelt hat. Man will es nicht so laut sagen, aber Deutschland ist tatsächlich aus der epochalen Wirtschaftskrise von 2008 stärker herauskommen, als es in den Strudel des kapitalistischen Wahnsinns hineingeraten ist. Heute stellen sich unsere 35- bis 45-Jährigen als eine Generation des Erfolgs dar, die die drei K der neuen Zeit in ihrer Lebensführung beherzigt hat: Sie bilden eine konkurrenzfähig aufgestellte Alterskohorte der Kontakte, der Konzepte und der Kompetenzen.