DIE ZEIT: Lieber Marteria, wir wollen mit Ihnen nicht über Musik oder Ihre beeindruckende Karriere sprechen, sondern über Deutschland und einige gesellschaftliche Phänomene und Probleme, die dieses Land beschäftigen. Sind Sie einverstanden?

Marteria: Wir können es versuchen.

ZEIT: Gleich eine abstrakte Frage: Würden Sie sagen, dass Protest friedlich sein muss?

Marteria: Protest sollte natürlich friedlich sein. Man geht ja auch erst mal nicht auf die Straße, um etwas kaputt zu schlagen. Die Frage ist nur, wie da mit einem umgegangen wird. Und wie schnell eine Demonstration in Wut und Hass umschlagen kann, hat man ja bei Stuttgart 21  gesehen.

ZEIT: Ist Gewalt gegen Sachen okay?

Marteria: Gewalt ist nicht okay. Sie zeugt immer von "Ich weiß nicht mehr weiter". Aber wenn deine Stimme nicht gehört wird, dann sorgst du halt dafür, dass sie gehört wird.

ZEIT: Auf die Frage "Würden Sie sich als linken Rapper bezeichnen?" haben Sie in einem Interview geantwortet: "Auf jeden Fall bin ich links."

Marteria: Ach, das sage ich einfach aus familiärer Historie heraus. Meine Mutter hatte eine Friedenstaube auf dem Auto, und ich hab als kleines Kind auf einem PDS-Parteitag Gregor Gysi die Hand geschüttelt. Dementsprechend war ich immer ’ne rote Socke und daher auch immer eher pro 1.-Mai-Demo als dagegen. Mein erstes Konzert war ein Auftritt von Rio Reiser.

ZEIT: Sie sind Jahrgang 82. Mit sieben haben Sie den Mauerfall erlebt, mit zehn die Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen, wo Sie damals wohnten. Wie haben diese Erfahrungen Sie geprägt?

Marteria: Die haben mich auf viele Arten geprägt. Ich hab gesehen, dass meine Mutter geheult hat, von draußen haben wir drei Tage lang Sirenen gehört. Wir sind deswegen drei Monate danach auch aus dem Viertel weggezogen, von Rostock-Lichtenhagen nach Warnemünde. Meine Mutter wollte nicht, dass wir da aufwachsen. Geprägt hat mich auch, dass es dort zwar ganz viele Leute gab, die diese Anschläge genauso scheiße fanden wie wir. Aber die wurden nicht im Fernsehen gezeigt. CNN-Reporter haben uns 50 Mark geboten dafür, dass wir uns mit Hitlergruß vors Haus stellen.

ZEIT: Sie sind viel gereist, oft durch ärmere Weltgegenden. Sie engagieren sich unter anderem für das Brunnenbau-Projekt Viva con Agua. Ihren Einsatz hat die ZEIT neulich so kommentiert: "Es kann ziemlich cool sein, die Welt zu verbessern."

Marteria: Ja, der engagierte Popstar an sich ist natürlich irgendwie furchtbar. Diese Leute, die immer mit fünf hungernden Kindern an der Hand in die Kamera gucken.

ZEIT: Auf Ihrem letzten Albumcover zielt ein Junge aus einem fernen Entwicklungsland mit einer Steinschleuder auf den Betrachter. Was für ein Deutschlandbild bekommen Sie, wenn Sie in Afrika oder Südamerika unterwegs sind?

Marteria: Bei mir ist es erst mal so, dass ich Deutsche im Ausland gar nicht mag. Ich mag deutsche Touristen nicht. Ich verabscheue sie sogar. Die Deutschen verstehen oft nicht, dass in anderen Ländern die Sachen anders laufen.

"Dass ich die DDR als Kind erlebt habe, war schön"

ZEIT: In diesem Superlocker-Deutschland, in dem alle so gut aussehen, gesund essen und geschmackvolle Autos fahren – gibt es den da noch, den einst so gefürchteten deutschen Spießer?

Marteria: Der typische deutsche Spießer ist heute der Typ, der die ganze Welt bereist und überall dieses Ding raushängen lässt: Uns geht’s ja gut. Das merkt man auch an der Lautstärke. Früher waren das immer die Amis, die so laut waren, heute sind es die Deutschen.

ZEIT: Für Ihr musikalisches Alter Ego Marsimoto spielt Marihuana eine große Rolle. Können Sie uns hier offen erzählen, welche Rolle heute das Kiffen in Ihrem Alltag spielt?

Marteria: Wenn man über Drogen redet, ist die Gefahr von Plattitüden groß. Aus meiner Erfahrung heraus sage ich, dass Gras harmlos ist im Gegensatz zu viel Alkohol. Man muss sich einfach nur mal angucken, wie sich Leute auf der Straße bewegen: eine Kifferrunde im Vergleich zu den Leuten am Herrentag. Die eine Gruppe ist gechillt und entspannt, die andere laut und aggressiv.

ZEIT: Vermissen Sie die goldenen sechziger Jahre, als Pop noch politisch war?

Marteria: Ich hab keinen Bezug zu dieser Zeit. Ich hab sie ja nicht erlebt. Wie gesagt, man soll Dinge erleben, um über sie zu reden. Ich bin schon sehr, sehr glücklich darüber, wo ich jetzt bin und dass ich kriegslos lebe. Dass ich die DDR als Kind erlebt habe, war schön. Dieser Staat wurde ja erst im Rückblick schlimm, als du anfingst zu denken. Also, ich vermisse gar nichts.

ZEIT: Ein gesellschaftliches Riesenthema: Computerspiele – das kennen Sie sicher auch von Ihrem sechsjährigen Sohn. Machen wir uns da als Eltern unnötig verrückt? Sind Videospiele schlimm oder gar nicht so schlimm?

Marteria: Ich sage meinem Sohn immer, die sind ganz schlimm, glaube aber, die sind gar nicht so schlimm. Und mit dieser Haltung bin ich, glaube ich, ziemlich typisch für deutsche Eltern. Ich selber war nie süchtig nach Computerspielen. Mein Sohn spielt auf dem iPad unglaublich gut Fußballspiele. Kann ja nicht so schlecht sein. Aber man muss einfach knallharte Zeitlimits setzen.

ZEIT: Ist Edward Snowden für Sie ein Held?

Marteria: Ich weiß nicht – der sieht irgendwie nicht wie ein Held aus. Der hat natürlich Mut bewiesen. Aber komisch – diese Sache mit dem Überwachungsstaat hat mich nie so richtig interessiert. Ich bin nicht der Typ, der sich beobachtet fühlt, wenn eine Kamera an der Ampel hängt.

"Jedes Gothic-Konzert ist ein Scheiß gegen eine Gamescom"

ZEIT: Dank Snowden braucht man ja gar keine Paranoia mehr, um sich überwacht zu fühlen. Erstaunlicherweise scheint das aber viele Leute, so wie Sie, nicht sonderlich zu stören – vielleicht auch weil sie es schon immer geahnt haben?

Marteria: Das ist es, ja. Mich hat es einfach nicht überrascht. Obama hört Merkel ab – das war für mich kein Thema. Es gibt so viel Geheimdienstwahnsinn – dass da ab und zu mal auch eine Wanze irgendwo klebt, das weiß man doch.

ZEIT: Seid ihr Ostdeutschen, was die Überwachung durch Geheimdienste angeht, abgeklärter?

Marteria: Wahrscheinlich. Bei uns im Block war es auch so. Da gab es immer einen, unten rechts, da war immer die Ansage: Der ist von der Stasi – aufpassen! Meine Mutter hat ihre Stasi-Akten angefordert. Die liegen da jetzt seit sechs Jahren, und sie traut sich nicht, die anzugucken. Auf einmal kommt da vielleicht raus, dass dieser Typ, mit dem du einmal im Zelturlaub warst, dieses Arschloch war, der dich zehn Jahre lang ausspioniert hat.

ZEIT: Es gibt ja diese Horrorvorstellung, dass die Leute heute vor ihren Geräten alle vereinzeln und vereinsamen. Welche Tendenz im Internet ist stärker, die zur massenhaften Vereinsamung oder zur Gemeinschaft?

Marteria: Waren Sie mal auf der Spielemesse Gamescom? Das ist jedenfalls das Allerwahnsinnigste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Wenn dann Zordon auf dich zugelaufen kommt mit einem Schwert, und ringsherum sitzen pubertierende, verpickelte, dicke Menschen – da hast du wirklich Angst. Jedes Gothic-Konzert ist ein Scheiß gegen eine Gamescom.

ZEIT: Leben wir vielleicht in einer Übergangsphase? Werden wir in zehn Jahren immer noch so viel auf unser Handy starren?

Marteria: Die Fähigkeit, das Echte zu genießen, geht zurück. Klar, die Leute rennen in Konzerte, aber wenn sie da zwei Stunden lang ihre Handys hochhalten, ist das ja auch irgendwie daneben. In meinem Set sage ich an einer Stelle: Jetzt will ich keine bescheuerten Telefone mehr sehen, nur Feuerzeuge. Ich will Feuer sehen, keine Handys!

ZEIT: Rein äußerlich, woran erkennen Sie 2014 einen Neonazi?

Marteria: Daran, dass er nicht mehr aussieht wie ein Nazi. Es gibt halt Dorfdeppen, die immer noch die Nazi-Uniform mit Fliegerjacke tragen.

ZEIT: Über die Morde des NSU war ganz Deutschland im Nachhinein schockiert. Unterschätzen wir das Neonazi-Problem in Deutschland?

Marteria: Die große Gefahr ist das nicht. In erster Linie geht’s bei denen um Rumsitzen und darum, Bier zu trinken. Das sieht man ja auch an den Wahlergebnissen: Die NPD plakatiert alles voll, aber sie kommen einfach nicht raus aus der Scheiße. Die größere Gefahr kommt, glaube ich, nicht von den Springerstiefeln, sondern von diesem ganzen AfD-Anschluss-Gedankengut. Man muss trotzdem aufpassen und darf einen Fehler nicht machen, nämlich: den Nazis immer nur Dummheit zu unterstellen. Intelligenz hat nichts damit zu tun, ob du ein Nazi bist oder nicht, es ist eben eine Ideologie.

"Die deutsche Realität ist nicht Kreuzberg oder Sankt Pauli"

ZEIT: Wie hoch schätzen Sie nach ganz persönlichem Ermessen den Anteil der Leute in Deutschland ein, die antisemitisch eingestellt sind?

Marteria: Klingt vielleicht blöd, aber ich kann das ganz gut einschätzen, weil ich mal beim Bund war. Die deutsche Realität ist nicht Kreuzberg oder Sankt Pauli. Die findet man schon eher in kleineren Ortschaften, bei der Freiwilligen Feuerwehr, am Stammtisch. Und da schätze ich den Prozentsatz sehr hoch ein, ich würde sagen: bei 60 Prozent.

ZEIT: Eins der in Deutschland am häufigsten verwendeten Schimpfwörter ist "schwul". Ist das ein schlimmes Schimpfwort? Würden Sie es benutzen?

Marteria: Manchmal sagt man Sachen, obwohl man weiß, dass sie nicht korrekt sind.

ZEIT: Es gibt zurzeit diesen Bestseller Handbuch für Negerfreunde, geschrieben von einem dunkelhäutigen Deutschen. Soll man das Wort "Neger" wieder benützen dürfen?

Marteria: Schwarze dürfen ruhig "Neger" sagen. Aber sonst: Ich glaube einfach nicht, dass Leute, die "Neger" sagen, Schwarze cool finden.

ZEIT: Und weiter im Stoff: Vor einer Weile hat Bundespräsident Gauck gesagt, dass Deutschland seine militärische Zurückhaltung aufgeben müsse. Ist Gauck ein Kriegstreiber?

Marteria: Also erst mal bin ich natürlich total Pro-Gauck, weil: Er ist Rostocker. Wir halten natürlich immer zusammen. Und die Merkel ist Mecklenburgerin, also weiß man schon mal, wer hier das Land regiert. Neben Rammstein gibt es dann nur noch mich. Ich finde eigentlich alle Sachen, die Gauck gemacht hat, sehr, sehr gut. Aber diese Aussage fand ich irgendwie komisch. Das hat so gar nicht zu ihm gepasst. Er war ja mal Pfarrer in Rostock, ich glaube, er ist der Letzte, der will, dass ein Kind durch einen Granatsplitter stirbt.

ZEIT: Die einzige Partei in Deutschland, die sich wirklich stur pazifistisch gibt, ist ja Die Linke. Haben die recht?

Marteria: Die Linke hat überhaupt in sehr vielen Dingen recht, wie ich finde. Eine Bombe zu werfen heißt ja nicht, einen Stützpunkt auszuschalten oder ein Nachschublager zu sprengen. Krieg bedeutet Blut und tote Kinder und zerstörte Familien. Jeder, der schon mal einen Todesfall erlebt hat, weiß, wie das ausstreut. Wenn ein Freund irgendwo gegen den Baum fährt. Die Statistiken über Kriegsopfer sind immer so abstrakt – man muss das runterrechnen auf solche einzelnen Geschichten.

ZEIT: Sozialismus – können Sie mit diesem Begriff noch etwas anfangen?

Marteria: Da bin ich zwiespältig. Ich bin ein großer Fan vom Sozialismus, weiß aber auch, dass ich wahrscheinlich meine Musik in dem System nicht so machen könnte. Und nicht so leben könnte, wie ich will. Zu diesem großen Wort Sozialismus habe ich auch eine eigene Geschichte. Ich war mein Leben lang immer wieder auf Kuba. Ein Freund von mir hat auf Kuba gelebt, und ich war als Teenager in den Sommerferien immer da. Es gibt so viele Sachen da, die nerven oder einfach nicht in Ordnung sind: Frauen haben große Probleme, dauernd müssen Stempel geholt werden, ein Arzt verdient zwölf Dollar im Monat und muss nebenbei noch Melonen auf dem Markt verkaufen. Aber: Die Leute sind irgendwie glücklich. Das merkt man auch daran, dass zum Beispiel viele Architekten auf Kuba bleiben und so dafür sorgen, dass Havanna geil ist, obwohl sie als Angehörige der privilegierten Schicht auch ausreisen dürften. Für mich gibt es zwei entscheidende Punkte: die Gesundheit und die Bildung. Kuba hat so ziemlich das beste Schulsystem und die beste Krankenversorgung.

"Komischerweise ist Ossi sein immer noch wichtig"

ZEIT: Und jetzt sagen Sie, dass es in den USA bis heute kein gerechtes Krankenkassensystem gibt?

Marteria: Genau, da musst du dir nur Detroit oder Philadelphia oder Berlin-Wedding angucken. Als alleinstehende Mutter musst du drei Jobs haben, um dich und dein Kind ernähren zu können. Du kannst dir keinen Arzt leisten, keine neuen Zähne leisten. Das sind die wichtigsten Werte der Menschheit, Gesundheit und Bildung. Und das gibt es in vielen Ländern, die von sich sagen, dass sie demokratisch sind, eben nicht.

ZEIT: Freiheit käme für Sie als dritter Punkt, nach Gesundheit und Bildung?

Marteria: Freiheit ist das Nummer-eins-Wort der Welt. Aber was bedeutet Freiheit für eine alleinstehende Mutter im Wedding mit vier Kids? Was bedeutet das, wenn ich mir den Kindergarten nicht leisten kann? Oder mir meine vier beschissenen Zähne nach einer Schlägerei nicht neu machen lassen kann? Die Leute sagen, nur weil die Grenzen nicht mehr da sind, leben wir jetzt in Freiheit, aber das ist Bullshit.

ZEIT: Ossi sein, was bedeutet das für Sie, 25 Jahre nach Öffnung der Mauer?

Marteria: Komischerweise ist Ossi sein immer noch wichtig. Vielleicht wichtiger denn je. Das muss man auch den Kindern so weitergeben. Für mich ist es geil, zu sagen: Ich bin Rostocker.

ZEIT: Ist Deutschland jetzt ein cooles Land?

Marteria: Nee. Jamaika ist ein cooles Land.

ZEIT: Arbeiten Sie mit Ihrer Musik und Ihren Texten nicht daran, das Land ein bisschen cooler zu machen?

Marteria: Du liebes Bisschen – ich versuche nicht, ein Land und seine Leute cool zu machen.

ZEIT: Was wollen Sie mit Ihrer Musik erreichen?

Marteria: Wenn einer, der NPD wählt, zwei Songs von mir hört und dann vielleicht auf andere Gedanken kommt – das wäre toll.